Lebenslinien ( 2 )
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Feierabend-Mitglied
10.01.2021, 11:23
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Feierabend-Mitglied
10.01.2021, 11:23
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Der Schnee war fast verschwunden. Es war ja auch noch Oktober. Seine Tasche war trotzdem nicht auffindbar. Man wird sie irgendwo in eine Mülltonne geworfen haben. Die Frau mit dem Kinderwagen war auch nicht da. Na gut sagte er sich.
Die nächsten vier Wochen tat sich nichts besonderes. Dann plötzlich eines Morgens, war die Frau mit dem Kw wieder mal da. Grüßte und dasselbe Spiel begann. Nur diesmal faßte er den Kw vorne an. Sie entschuldigte sich noch einmal für das Missgeschick von vor Wochen. Ist alles Vergessen sagte er. Er hatte jetzt einen Stoffbeutel mit seinen Frühstücksutensilien.
Die Bahn fuhr weiter. Geht es ihrem Babymädchen gut fragte er ? Jaja , ist wieder gesund. Aber das Mädchen ist ein Junge meinte sie mit einem Lächeln. Wieso denn das ? Der Wagen und das ganze Drumherum sieht doch ganz mädchenhaft aus. Sie lächelten beide. Dann sagte die Frau, daß ihre ganze Verwandtschaft vor der Geburt des Babys felsenfest davon überzeugt waren, daß ihr Nachwuchs ein Mädchen werden würde.
Also schenkten sie jede Menge Sachen und Zubehör auch dem entsprechend . So war dann der Wagen und viel Zubehör in rot und rosa und sonstigem mädchenhaften Interieur eben für ein Babymädchen gedacht.
Der Junge wird sich darüber nicht aufregen. Und irgend wann ist er sowieso aus allem heraus gewachsen. Sie lächelte darüber, wie auch ihre vielen anderen Bekannten. Damals war die Technik zur Erkennung der Geschlechter vor der Geburt nicht so aussagefähig wie es später üblich ist.
Es kam dann so, daß die Beiden öfter die gleiche Straßenbahn benutzten. Hatten sich immer viel zu erzählen.
Der Betrieb war nicht so groß. Als Maschinenschlosser war er zuständig für die gut funktionierenden Maschinen und sonstigen Geräte in den Bereichen. Stoffe wurden hergestellt und in einer Abteilung standen fünfzig Nähmaschinen und Webstühle verschiedener Art. Alle möglichen Erzeugnisse für den Haushalt, die man aus Geweben, also verschiedenartigen Stoffen herstellen kann, wurden gefertigt.
Es wurde wieder kälter, was für den Dezember durchaus normal ist. Er merkte, das die nette junge Frau nicht zur Straßenbahn kam. Naja , vielleicht ist ihr Kind nicht auf dem Posten. Passiert mitunter schnell einmal. So ging er gewohnheitsgemäß mit seinem Stoffbeutel voller Tagesverpflegung zu seiner Arbeitsstelle. Sorgte wie üblich dafür, daß alle Maschinen ordentlich liefen. Machte auch seine erlaubten Pausen. Es war auch nicht besonders tragisch, daß er eine Pause nicht voll genießen kann, wie auch an diesem Tag.
Sein Meister rief laut durch den Pausenraum, hallo Hannes wo steckst du. Hier, meldete der sich, wenn du fertig gefuttert hast, gehe mal bitte gleich in den Maschinensaal Vier. Zum Platz dreiunddreißig, zur Ines. Ist zwar nicht dein Bereich, da Manne heute nicht da ist, übernimm du mal bitte die Reparatur.
Nichts Besonderes sagte er sich. Werkzeugtasche schnappen und los geht`s. Mußte erst einmal suchen wo der Platz ist. An dem Auflauf im Gang hatte er schnell gefunden, was er suchte. Auch deshalb, weil mindestens fünf Frauen vor einer Maschine standen und laut diskutierten.. alle mit dem Rücken zu ihm. Fuchtelten mit den Armen, vielleicht auch mit den Beinen und schimpften laut. Hallo Mädels, macht mal Halblang. Wer ist hier zuständig, erzählt mal was los ist. Wo ist die Ines . Und ihr anderen könnt an eure Plätze gehen, könnt mir sowieso nicht helfen, sagte er lächelnd. Und wo ist nun Ines?
Na hier sagte eine Frauenstimme hinter seinem Rücken. Er stutzte kurz, drehte sich um und erstarrte . Fast zur Salzsäule, sie aber auch. Da standen sie sich , vollkommen überrascht, gegenüber. Ein Außenstehender hätte jetzt sofort gesehen, daß etwas nicht stimmte. So war es auch. Keiner sagte ein Wort. Aber alle sahen, was da los war. Du bist die Ines , meine Straßenbahnmitfahrerin. Und du bist Hannes , mein Babywagenhochheber. Und dann lagen sich die Beiden in den Armen und wußten auch warum. Das aus langer Sympathie wieder einmal Liebe wurde.
Du warst nicht in der Bahn heute Früh, meinte er. Ich habe dich vermißt. Schon so lange und so oft. Ich dich auch. Habe heute Spätschicht. Deshalb. Und wo ist das Baby? In der Krippe, wird nachher von einer Freundin abgeholt. Ist alles abgesprochen.
Ich möchte dich zum Feierabend abholen, darf ich? Ja, aber ich muß noch mein Baby abholen und zur Nacht versorgen. Wird noch ein langer Nachmittag.
Ich bringe noch deine Maschine in Ordnung, damit der Meister nicht soviel meckern kann und du deine Norm schaffst.
Die Stunden vergingen aufreizend langsam. Wenn alles gut geht und Ines pünktlich Feierabend machen kann und auch die Straßenbahn pünktlich fährt, können sich die Beiden spätabends noch treffen.
So geschah es auch. Sie lagen sich in den Armen, wie es zwei frisch Verliebte eben so tun. In ihrer kleinen Wohnung war alles an seinem Platz. Baby gerecht. Freundin Petra hatte den kleinen Jungen schon versorgt, sodaß die Drei nach dem allgemeinen Bekanntschaft schließen, gemütlich zusammen sitzen konnten. Es war ja Freitag. Das Wochenende versprach ruhig zu werden.
Ines sah noch einmal nach dem Jungen. Der schlief schon ruhig und trocken gelegt mit einem kleinen Lächeln in seinem Bettchen.
Das Glas Wein schmeckte allen. Petra sagte nur noch, ich laß euch jetzt mal allein. Ihr habt euch bestimmt noch viel zu erzählen. So war es dann auch.
Weißt du sagte Ines zu Hannes , ich bin froh, daß ich mich mit Petra so gut verstehe. Wir helfen uns gegenseitig. Sie wohnt ja auch hier im Haus. Hat eine große Wohnung eine Treppe höher. Ihre Mutter und ihr Mann waren innerhalb eines Jahres gestorben. Jetzt ist sie mit zwei Kindern allein. Die Beiden sind aber schon zwölf und dreizehn Jahre alt. Zwei Mädchen. Wirst sie ja bestimmt noch kennen lernen.
Wenn du möchtest und wir uns auch sehen. Ich lebe allein. Mein Baby heißt übrigens Peer. Wie sein Vater. Er ist ein Französischer Soldat im Westen. War sehr nett beim Tanzen und auch danach. Als das Baby da war , kühlte er merklich ab und kam immer seltener zu mir. Ich habe einen Schlußstrich gezogen und einen Rechtsanwalt mit den ganzen Dingen beauftragt.
Naja , war alles dumm von mir . Was tut man nicht alles. Er war in Frankreich verheiratet, wollte sich nur mal amüsieren. Mit mir. Ist aber schon eine ganze Weile her. Kommt auch bestimmt nicht wieder vor.
Und du, fragte sie ihn ? Ich , sagte Hannes nach einer kleinen Pause, habe mich unsterblich in dich verliebt. Schon beim ersten Kinderwagenmalheur und meinem ungeschickten Verhalten mit meiner alten Tasche samt Frühstücksutensilien kam ein besonderes Gefühl für dich in mir hoch.
Habe andauernd darauf gewartet, daß du wieder auftauchst. Leider bist du ganz selten da gewesen. Aber jetzt bist du da. Wenn du mich möchtest.
Und jetzt gehe ich langsam nach Hause. Wohne nur ein paar Häuser weiter von hier. Mit Mutter und meinem jüngeren Bruder Steffen.
Ich würde mich freuen, wenn wir öfter etwas gemeinsam unternehmen würden, natürlich mit Peer. Ist doch ein süßer kleiner Kerl. Weißt du, sagte Ines, wenn du möchtest, bleib doch einfach heute hier bei mir. Ich hab dich sehr sehr lieb. Und es ist anders als meine Dummheit mit einem französischen Soldat. So geschah es dann auch.
Als der nächste Sommer kam mit viel Sonne und anderen Annehmlichkeiten haben Ines und Hannes geheiratet. In der Hochzeitsnacht flüsterte sie ihm ins Ohr, wenn du jetzt möchtest, laß alles so kommen wie du es möchtest. Es war heiß bis zum schönsten Ende. Für alle Beide. Ich wünsche uns ein Mädchen. Und sie lächelten sich an, sie soll Maika heißen. Einen Wagen haben wir ja schon.
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