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Lebenslinien ( 1 )

Von Feierabend-Mitglied Samstag 09.01.2021, 16:45

Lebenslinien

Es ist so sechs Uhr, früh natürlich. Meint der Wecker und klingelt. Seine Meinung ist das nicht, deshalb ignoriert er das Gebimmel. Bis Mutter kommt und ihn darauf hinweist, daß kurz nach Sieben die Straßenbahn fährt. Die muß er nehmen um noch rechtzeitig zur Arbeit zu kommen.
Also Aufstand und die üblichen Dinge erledigen, die sein müssen. Mutter hat schon alles fertig gemacht.
Die Thermosflasche mit heißem ,gesüßten schwarzen Tee und drei Paar Stullen liegen neben seiner Aktentasche. Die war nicht mehr ganz neu aber noch gut in Schuß .
Neue Taschen gibt es nur schwer. Und wenn, sind sie teuer in den Fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Millionär oder zumindest Großverdiener ist er nicht. Mit Mutter und Bruder wohnt er in einer Altbauwohnung am Rande der Stadt. Ist froh darüber, denn es gibt Menschen, denen es viel schlechter geht.
Sein Frühstück fällt kurz aus. Muß aber sein, denn seine nächste Pause im Betrieb ist erst um halb Zehn. Dreiundzwanzig ist er, ledig und ohne sonstigen Anhang.
Sieben Uhr ist es, als er die Haustür öffnet und feststellt, das das Wetter heute wieder verrückt spielt. Er hatte sich nicht informiert durch ein paar Blicke aus einem Fenster. Umso mehr staunte er jetzt über den Straßen und Fußweg . Es war erst Mitte Oktober und vollkommen unüblich, daß mindestens zehn cm frisch gefallenen Schnee alles bedeckte. Ach du heilige Scheiße, fluchte er vor sich hin.
Der erste unangemeldete Schnee zu so einer noch herbstlichen Jahreszeit. Wird doch bestimmt wieder Probleme bei der Straßenbahn geben. Bis zur Haltestelle waren es nur ein paar Minuten Fußweg. Er sah das Drama schon von Weitem. Viele Menschen standen an der Haltestelle.
Es war ja Stadtbekannt, wenn es schneit, fallen die Bahnen aus. Immer wenn auch nur eine Schneeflocke hochkant auf den Schienen lag, fährt keine Bahn mehr. Er fluchte innerlich.
Es gab ja auch keinen Schutz, denn ein Wartehäuschen oder eine andere Unterstellmöglichkeit war auch hier an der Endhaltestelle noch nicht gebaut worden. Geplant war das schon vor längerer Zeit. Eine Menge Steine und anderes Baumaterial lagen schon dort herum. Die taten niemandem etwas. Wurden sogar mit der Zeit immer weniger. Es gab ja eine Menge Interessenten dafür.
Na schön sagte er sich, alles Träumen und Grübeln bringt nichts. So reihte er sich in den Pulk der Wartenden ein . Hatte sogar ein bißchen Glück, denn eine Bahn kam plötzlich. Ließ die letzten Fahrgäste auf der anderen Seite aussteigen und und fuhr dann über die Wendeschleife zum Haltepunkt.
Bloß gut, sie hatte heute sogar einen Hänger. So konnten die Leute alle einsteigen und waren erstaunt, daß die Bahn gleich losfahren wollte. Bimmelte ab und fuhr langsam an. Er stand ganz hinten im Anhänger. Sah noch eine Frau mit einem Kinderwagen kommen. Die wollte auch noch mit.
In dem hohen Schnee war es ganz schön schwer, den Wagen zu schieben. Sie strengte sich ganz schön an, das sah jeder. Der Fahrer sah das auch und war ein netter Mensch.
Er hielt nochmal an und winkte der Frau zum Einsteigen. Das war freundlich von ihm . Am hintersten Einstieg wollte sie rein. Er sah das . Half der Frau mit dem Wagen einzusteigen. Sie keuchte ganz schön, war schon eine ganz schön schwere Sache zu so früher Stunde mit Kind und Wagen im Schnee vorwärts zu kommen.
Sie bedankte sich trotzdem für die Hilfe beim Einsteigen. Dann fragte sie gleich noch alle Fahrgäste, ob man ihr beim Aussteigen auch helfen könnte. Na klar sagten alle. Sieben Haltestellen wollte sie fahren.
Als es soweit war stieg er zuerst aus um am Kinderwagen vorne anzufassen. Um besser zugreifen zu können stellte er seine Aktentasche mit dem Frühstück und Mittagsmenü in der Bahn an einer Seite ab.
Frau und Wagen und er natürlich auch, waren jetzt draußen. Da schlossen sich die Türen und die Bahn fuhr ab. Da stand er nun , der arme Thor und war so klug als wie zuvor. ( frei nach w. Busch ) die Bahn war weg, seine Tasche war weg, die Frau bedankte sich noch einmal. Bemerkte das Malheur natürlich auch. Konnte ja nichts dagegen tun. Ging nur weiter, das Kind in die Krippe zu bringen. War dann also auch weg. So eine hübsche Frau und soviel Pech für ihn.
Er stand da wie besoffener oder begossener Pudel. Richtig benommen war er . Rundherum Schnee und Kälte.
Kein Mensch und keine Bahn und vor allem keine Tasche mit Inhalt mehr da. Was tun. Er überlegte. Auf die nächste Bahn warten ist sinnlos. Stellte fest, das bis zu seiner Arbeitsstelle nur noch etwa ein km Weg war. Er hätte nur noch eine Station weiter fahren müssen. Also lief er los.
Das wäre im Sommer kein Problem. Jetzt, bei diesem Mistwetter war es jedenfalls unangenehm. Aber egal. Und so konnte er nach strengem Lauf noch rechtzeitig an seinem Arbeitsplatz erscheinen.
Seine Kollegen fandens lustig, was er ihnen so erzählte. Verhungern würde er schon nicht. Unangenehm war es trotzdem. Es gab hier noch keine richtige Kantine. Nur Mittags waren ein paar Getränke und Kleinigkeiten an Speisen zu bekommen. Der Betrieb war ja klein. Hatte noch keinen Speiseraum oder sonstige Essensbereitstellung und schon gar keine Küche. Jeder mußte für sich selbst sorgen.
Wie jeder Tag, ging auch dieser zu Ende.
Zu Hause angekommen faßte er den Entschluß, am nächsten Morgen noch einmal zu sehen, ob jemand die Tasche gesehen hat. Auch den Fahrer wollte er fragen. Der neue Tag kam, die Bahn war erstaunlich pünktlich.
Der Schnee war fast verschwunden. Es war ja auch noch Oktober. Seine Tasche war trotzdem nicht auffindbar. Man wird sie irgendwo in eine Mülltonne geworfen haben. Die Frau mit dem Kinderwagen war auch nicht da. Na gut sagte er sich.
Die nächsten vier Wochen tat sich nichts besonderes. Dann plötzlich eines Morgens, war die Frau mit dem Kw wieder mal da. Grüßte und das selbe Spiel begann. Nur diesmal faßte er den Kw vorne an. Sie entschuldigte sich noch einmal für das Missgeschick von vor Wochen. Ist alles Vergessen sagte er. Er hatte jetzt einen Stoffbeutel mit seinen Frühstücksutensilien.

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