Neu hier? Lies hier über unser Motto gemeinsam statt einsam.
Mitglied werden einloggen




Passwort vergessen?

14 10

kindliche Eßstörung

Von Feierabend-Mitglied Freitag 28.06.2019, 14:23 – geändert Freitag 28.06.2019, 14:24

Jerome kam mit 4.5 Jahren neu zu uns in den Kindergarten, er ist zuvor nie in einer Kindergruppe gewesen. Beim Anmeldegespräch fiel mir sofort auf, dass der Junge sehr dünn war, nicht sprach, bzw. auf nichts eine Antwort gab, auch konnte ich in seinem Gesicht kein Minenspiel erkennen.

Die Mutter, alleinerziehend, kümmerte sich neben dem Haushalt ausschließlich um Jerome. Sie sagte, ich solle mich nicht wundern, er würde nicht essen. Selten zu Hause mal einen Keks knabbern oder Salzstangen, höchstens mal einen Pudding. Und sonst nur ein bis zwei Löffel, wenn sie ihm eine Belohnung verspricht wie z.B. einen Zoobesuch oder ein neues Spielzeug. Auch die Ärzte können nichts machen und meinten, das verwächst sich.

Mir war klar, welch eine Herausforderung das für mich, aber auch für die anderen Kinder war, aber ich war bereit, mich darauf einzulassen.
Erster Tag mit Jerome: Ich stellte ihn den Kindern vor und bat sie, ihm alles zu zeigen, weil er nun zu unserer Gruppe gehört. Das erste Frühstück, ich deckte mit den Kindern den Tisch, Jerome stand auf, brachte sein Geschirr und das Besteck in die Küche und setzte sich wortlos wieder hin.
So ging das einige Tage bei jeder Mahlzeit, ich ließ ihn gewähren ohne ihn darauf anzusprechen.
Meine Kinder bat ich auch, nichts dazu zu sagen, Jerome muss uns doch erst einmal kennenlernen.

Dann kam das Wochenende und am Montag sagte ich zu den Kindern: " wir werden ab jetzt jeden Dienstag ein Frühstück mit geschmückten Tellern machen." " Wie denn Gitti?" "Wartet ab" sagte ich.
Am Dienstag kam ich eine halbe Stunde früher, schnitt aus Radieschen, Gurken und Äpfeln kleine Kronen, aus kleinen Tomaten schnitt ich Körbchen und in eine Melonenhälfte legte ich Butterkugeln oder Käsewürfeln, dazu Schaschlikstäbchen. Die Regel war, jedes Kind konnte zu seinem Brot den Teller mit beliebig vielen Obst, oder Gemüseteilen schmücken, aber sie sollten sich nur Dinge nehmen, die sie auch essen wollten. Mit den Schaschlikstäbchen wurden die Dinge auf die Teller gebracht, oder Gemüsetürmchen gebaut. Dabei schulten sie noch so ganz nebenbei ihre Feinmotorik.
Jerome saß ohne Teller dabei, schaute interessiert zu, seine Hände steckte er in die Hosentaschen. Es war ein sehr lebhaftes Frühstück, Spiel und Genuss gehörten zusammen.
Am nächsten Dienstag das gleiche Frühstück, diesmal mit Weintrauben, die sie zu einem anderen Kind kullern sollten. Da machte Jerome das erste Mal mit, allerdings ohne zu essen, nur beim kullern der Trauben.
Am dritten Dienstag behielt er seinen Teller und fragte mich, ob er eine Belohnung bekommt, wenn er auch zwei Stückchen isst. Ich sagte freundlich und strahlte ihn an, bei uns bekommt niemand für's essen eine Belohnung. 3 Tage später fragte er mich:
"Gitti, wann machen wir wieder geschmücktes Frühstück?" "Am Dienstag", sagte ich.
"Gitti, wann ist denn Dienstag? " " Noch vier mal schlafen " sagte ich und ging darauf nicht weiter ein.
Am vierten Dienstag war Jerome ganz aufgeregt, er aß zwar kein Brot, aber mehrere Stücke Obst und Gemüse, die er sehr geschickt mit den Holzstäbchen aufpiekte und jede Traube, die an seinem Teller landete, steckte er sofort in den Mund.
Nach ca. 3 Monaten aß Jerome jede Mahlzeit mit, allerdings nur sehr kleine Portionen, auch im Kontakt mit der Gruppe blühte er auf, lachte viel und hatte an jedem Unsinn Spaß.
Selbstverständlich liefen die ganze Zeit über regelmäßige Gespräche mit der Mutter, in Gegenwart des Jungen machten wir es nie zum Thema. Die Mutter gab sich große Mühe, vertraute mir und begann dann für sich selbst eine Therapie.

Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten

Mitglieder > Mitgliedergruppen > Kreativ Schreiben > Forum > kindliche Eßstörung