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Glück im Unglück ...

Von tastifix Montag 08.06.2020, 09:34 – geändert Dienstag 09.06.2020, 09:19

Katharina fühlte sich wie ein Hühnchen im Kochtopf. Es war Hochsommer und um die 33 Grad. Trotz der Hitze waren die Menschen hier noch erstaunlich rege. Eingezwängt zwischen mehreren zehntausend Gleichgesinnter bzw. Gleichverrückter übten sie sich in Fitness. Im Fußballstadion war die Hölle los, denn Deutschland spielte gegen England.

Auf der einen Tribüne saßen die deutschen, auf der anderen die englischen Fans, sicherheitshalber getrennt. Angetan mit Trikots in den jeweiligen Landesfarben und auf den Köpfen Hüte, die Narrenkappen frappierend ähnelten. Vielen standen diese Kappen bezeichnend gut. Die Hände umklammerten kleine oder sogar Riesenfahnen. Die erwiesen sich als extrem praktisch dafür, um bei unpassenden Kommentaren des Nächtstehenden jenen notfalls mit einem Schwenken des Fahnenstils zur Ordnung zu rufen.Oft trug er dann eine wunderschön rot schillernden Beule davon. So auch im nächsten Moment direkt vor Katharinas Augen.

„Au!“, meckerte eine Reihe vor ihr ein junger Mann, sich erbost zu ihr um drehend. „Was soll dat denn? Nee, so etwas!“, blitzte er sie an.
Der Anblick des hübschen Mädchens besänftigte ihn etwas. Ruhiger setzte er hinzu:
„Dat war zu früh. Ist doch noch gar kein Tor gefallen. Im Übrigen jodele ich genauso für Deutschland wie Sie.“
„Ich ...“, wollte sie entgegnen, was aber im ohrenbetäubenden Geschrei der Menge unterging.

Plötzlich hüpften alle wie die Wahnsinnigen herum. Wildfremde Menschen verbrüderten sich. Auf dem Spielfeld lagen sich Spieler in den Armen und applaudierten ins Publikum. Einige weinten sogar vor Freude. Ein schneller Blick aufs Trikot: Deutschland hatte das erste Tor geschossen.
´Dieser dämliche Zwischenfall hat mir den Genuss total vermasselt. Mist!`, dachte Katharina. ´Dem da vor mir hab jedenfalls nicht ich die Beule verpasst!`

„Haben Sie den Schuss gesehen? Der englische Torhüter hatte gar keine Chance, den zu halten, so, wie der den rein gepfeffert hat!“, wandte sich strahelnd der Beulenmann ein zweites Mal an sie.
´Dem wären jetzt selbst zehn Beulen auf einmal egal!`, überlegte Katharina.
„Toor!“, schloss sie sich brüllend den Anderen an und klatschte sich die Hände wund.

Die zweite Halbzeit brachte zunächst nichts Besonderes, so dass das Interesse an dem Spiel, das so vielversprechend begonnen hatte, allmählich mehr und mehr schwand. Doch dann preschten die Deutschen zum gegnerischen Tor vor, aber die Engländer waren auf der Hut. Ein zweiter Treffer wäre zu blamabel gewesen. Sie mobilisierten all ihre Kräfte, drehten den Spieß um und beherrschten schließlich das Feld. Schockiert griffen die Deutschen nach unlauteren Mitteln, Foul folgte auf Foul. Ausgerechnet der deutsche Spitzenstürmer stellte dem englischen Kollegen ein Bein und riss ihn gleichzeitig am Arm zu Boden. Unter tausendfachen Pfiffen verwies ihn der Schiedsrichter des Platzes.

Infolge musste die deutsche Mannschaft leiden und bereits zehn Minuten später landete ein Elfmeter-Schuss im deutschen Tor. Katharina war es zum Heulen.
„Nein, Deutschland darf nicht verlieren!“
Sie hielt die Anspannung nicht länger aus, rempelte die Umstehenden zur Seite und drängelte sich keck nach vorn.
„Unverschämtheit das! Wenn das alle täten!“
Katharina stellte die Ohren auf Durchzug. Nur noch ein einziger Gedanke beherrschte sie:
´Ich will retten, was zu retten ist!`
Beim Fußballspiel mit ihrem Vater hatte sie sich stets recht tapfer geschlagen. Wieso sollte sie nicht auch jetzt ... ? Es machte ihr Mut und nach wenigen Sprüngen stand sie zwischen den Spielern, die sie verstörrt ansahen.
„Nee, keine Sorge! Bin kein durchgedrehter Fan. Wartet ab: Jetzt wird gesiegt!“
„Hääh??“
„Staunen könnt ihr später. Los jetzt!!“
Die Männer spurteten. Ohne ihren Mannschaftskapitän hatte sie aller Mut verlassen. Doch nun schöpften sie Hoffnung und überließen sich willig der Führung Katharinas, die energisch herum kommandierte:
„Schneller! - Nach vorne! - Schießen!!“

Die Elf imponierte wieder mit guten Aktionen. Das Publikum dankte mit kräftigem Beifall. Katharina dachte:
´Mama und Papa würden die Augen aus dem Kopf fallen!“
Alles spielte sich jetzt in der Nähe des englischen Tores ab. Jeder Versuch der Engländer, die deutsche Front zu durchbrechen, schlug fehl. Verzagt bemühten sie sich, den Ball in der Mitte des Feldes zu halten. Da passierte es: Für wenige Sekunden stand ihr Tor völlig unbewacht. Katharina schnappte sich den Ball, nahm gewaltig Anlauf und schoss. Das Leder nahm seine Bahn hoch durch die Luft.
„Was ist denn das??“
Er landete nicht etwa zielsicher im Tor, sondern stieg immer höher. Bald sah man nur noch einen winzigen Punkt. Das runde Leder, Ziel aller Träume, war weg. Katharina erstarrte zur Salzsäule.
„Das war`s denn wohl!“, murmelte sie.
Die Spieler senkten deprimiert die Köpfe. Für eine Antwort fehlten ihnen die Worte. Aus dem Publikum vernahm man gleichfalls keinen Laut.

Katharina jedoch fasste sich denn schnell wieder.
´Dafür hat unsere Elf sich nicht die Beine aus dem Leib gestrampelt und ich wie eine Wilde gekämpft!`
Unwillkürlich erinnerte sie sich an ihren großen Schwarm aus der internationalen Musikszene.
´Was würde er tun? Eines ist sicher. Er würde nicht aufgeben!`
Sie seufzte laut.
´Ach ja, wenn er doch hier wäre! Dann hätten wir dieses Problem nicht!`
Sie kniff die Augen fest zu und dachte innig an ihn. Dann blinzelte sie erneut gen Himmel. Dort war noch immer jener schwarzweiße Punkt zu sehen, der da nicht hin gehörte. Katharina kamen die Tränen.

Urplötzlich schreckten alle aus der Trauer auf. Ein noch winziger schwarzer Flecken am Himmel näherte sich rasch und wurde derweil ständig größer. Katharinas Herz klopfte wie verrückt. Schnell wie ein Blitz flog ein wunderbares Wesen heran. Am Saum seines im Wind flatternden roten Umhanges schaukelten goldene und schwarze Bommel. Sie schrie gellend auf und wurde fast ohnmächtig vor Glück. Es war das ihr wichtigste Wesen der Glimmer- und Flimmerwelt. Es war Sting. In der Hand hielt er den Ball.
„Wieso ... ?“, stotterte sie schwach.
„Ich wusste, dass du mich brauchst!“, strahlte er.
Es trug wirklich nicht dazu bei, dass ihr Redefluss fließender wurde.
„Ja, aber ...“

Die Engländer standen dort wie gelähmt. Dass Sting ihnen das antat!! Er legte dessen ungerührt Katharina den Ball vor die Füße:
„Schnell, schieß!“
Sie gehorchte. Es hatte wohl alles seine Richtigkeit, denn der Befehl kam ja von ihm. Ihr Schuh knallte gegen das Leder. In weitem Bogen sauste der Ball über das halbe Spielfeld und landete in der linken hinteren Torecke. Der unter Schock stehende englische Torwart war keiner Bewegung mächtig gewesen und guckte nur entsetzt. Dann aber brach der Bann des Erschreckens, der Überraschung. Die Engländer und ihre Fans brüllten vor Enttäuschung, die Deutschen und deren Anhänger vor Glück. Deutschlandfahnen segelten aufs Spielfeld. Gesänge wurden angestimmt. Von allen Seiten hörte man Tröten. Deutschland war Sieger.

Katharina fand die Sprache wieder:
„Warum hast du mir geholfen?“
„Für Dich tue ich alles. Für Dich lasse ich sogar meine Mannschaft im Stich!“
Katharina schwamm weg und seufzte bereits zum zweiten Male in den letzten Stunden auf, diesmal sogar noch lauter.

Abrupt erwachte sie. Es war Morgen und alles nur ein Traum gewesen.

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