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In dankbarer Erinnerung

Von Feierabend-Mitglied Dienstag 01.09.2020, 21:14

In dankbarer Erinnerung

Zum Abschluß meiner Geschichten eine ganz persönliche. Sie handelt von meinem Vater und vom Bruch mit Traditionen. Mein Vater lernte Konditor. Mit 18 wurde er eingezogen und kam sofort nach der Grundausbildung im Polenfeldzug in den Krieg. Er war in Polen, in Frankreich, dann in Rußland und zum Schluß in den Ardennen, wo er in Gefangenschaft kam. Ein Granatsplitter hatte sein rechtes Handgelenk zertrümmert und er konnte nicht mehr in seinen Beruf zurück. Ein Konditor braucht beide Hände. Am 2. Weihnachtstag 1946 hat er meine Mutter geheiratet und brauchte einen soliden Arbeitsplatz.

Die führende Industrie des Saarlandes waren Kohle und Stahl, die Montanindustrie. Und die brauchten nach dem Krieg dringend Arbeiter. Mein Vater fuhr probeweise einmal unter Tage, aber das war nichts für ihn. Er bekam in den engen, staubigen Stollen Platzangst. Also ging er „zum Röchling“. Der „Röchling “ waren die Hermann Röchling Stahlwerke in Völklingen. Dort arbeitete er als Stahlarbeiter bis zu seiner Pensionierung.

Im Dorf, wo wir wohnten, hatten wir eine kleine Nebenerwerbslandwirtschaft die hauptsächlich von den Großeltern, meiner Mama und sobald wir alt genug zum Mithelfen waren, von uns Kindern betrieben wurde. Die Söhne der Bergleute und Hüttenarbeiter wurden wie selbstverständlich auch Bergleute und Hüttenarbeiter, die das nicht wollten, machten bestenfalls eine Lehre im Handwerk, wer das nicht schaffte, wurde Hilfsarbeiter am Bau oder in der Forstwirtschaft. Die Mädchen, das war die vorherrschende Meinung, werden eh geheiratet, die brauchen keinen Beruf . Sie arbeiteten entweder zuhause, andere setzten sich durch und durften zumindest eine Lehre als Verkäuferin, Friseuse, Krankenschwester oder sonst einem typischen Frauenberuf machen. Zum Gymnasium ging aus meiner Klasse nicht eine einzige.

Zum Gymnasium gingen die Söhne des Herrn Lehrer, die Söhne von einigen Beamten und das war’s auch schon. In meinem Jahrgang aus einer Klasse von 34 Schülern ganze drei.

Bei uns zuhause war das anders. Mein Vater predigte uns Kindern, dass Bildung der Schlüssel zum Erfolg im Leben sei. Er legte Wert darauf, dass wir so früh wie möglich Bücher lasen. Am Anfang typische Kinderbücher, später klassische Literatur. Jeden Dienstag fuhren wir mit dem Bus zur Kreisstadt in die öffentliche Bibliothek. Ein Buch zu entleihen kostete für eine Woche 10 Centimes.

Zum Ende des 4. Schuljahres fuhr mein Vater mit mir nach Saarbrücken und meldete mich im deutsch - französischen Gymnasium an. Die Monatskarte mit dem Bus kostete 28 neue Franc, die Bücher für jedes Schuljahr etwa 120 Franc. Zusammen also rund 500 Franc für ein Jahr. Mein Vater verdiente mit Nacht- und Sonn- und Feiertagszuschlägen etwa 950 Franc netto im Monat. Also beschloß er, für jedes Schuljahr wird eine Kuh oder ein Bulle verkauft und der Erlös finanziert die Schule. Der Knackpunkt war, dass er, als ich mit zehn Jahren zum Gymnasium ging, schon vier Kinder hatte, der Jüngste 3 Jahre alt. Später kamen noch drei hinzu. So waren wir sieben Kinder, fünf Jungen und zwei Mädchen.

Die Leute im Dorf hielten meinen Vater für einen größenwahnsinnigen Spinner, was haben dem seine Kinder „auf der höheren Schul“ verloren. Die sind wohl zu faul zum schaffen!
Meinem Vater war das Geschwätz der Leute egal. Sein Ehrgeiz war, dass alle seine sieben Kinder zum Gymnasium gehen sollten, wenn sie es wollten. Auch die beiden Mädchen.

Meine Mutter starb mit 48 Jahren an Brustkrebs, da war unsere Jüngste gerade mal 9 Jahre alt.
Ab da hat uns unser Vater mit Hilfe der Ältesten Kinder allein durchgebracht. Von seinen sieben Kindern haben fünf das Gymnasium besucht und ein Studium absolviert. Alle ohne Bafög oder sonstige Hilfen vom Staat. Meine Schwester war das einzige Mädchen seiner Klasse, das zum Gymnasium ging und später die erste Sonderschulpädagogin im ganzen Landkreis. Zwei meiner Brüder haben ein Handwerk gelernt. Sie wollten nicht zum Gymnasium.

Mein Vater wurde bei guter geistiger und körperlicher Gesundheit 90 Jahre alt. Er hat die beruflichen Wege seiner Kinder stets mit Stolz und guten Ratschlägen begleitet. Ich bin unendlich dankbar dafür, dass ich bis zum Ende noch mit ihm darüber sprechen konnte, wie froh und dankbar ich für all das war, was er für uns getan hat.

Abgesehen davon, dass es heute im Saarland außer der Dillinger Hütte keine Montanindustrie mehr gibt, ist es heute selbstverständlich, dass auch Arbeiterkinder zum Gymnasium gehen und studieren können, wenn sie es möchten. Mein Vater wohnte immer noch im Dorf und er war schon lange nicht mehr „ein größenwahnsinniger Spinner“, ihm wurde die verdiente Achtung und allgemeiner Respekt entgegengebracht.

Alle Kinder sind aus dem Haus und meine Schwester und deren Tochter kümmerten sich um ihn. Jedes Jahr am 2. Weihnachtstag trafen sich alle Kinder, Schwiegertöchter und Schwiegersöhne, alle Enkel und Urenkel auf Einladung meines Vaters zum Essen. Wir waren dann mit ihm achtundzwanzig Personen.

Mein Vater starb am 9. April 2012 im 91. Lebensjahr. Im Kreise all seiner Kinder ist er im Arm seiner jüngsten Tochter friedlich eingeschlafen. Ich wünschte, alle Kinder dieser Welt hätten so einen Vater gehabt.

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