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Ich, Knödel, beim Tierarzt (6)

Von tastifix Dienstag 01.09.2020, 09:21

So einem klugen Hund wie mir (hört, hört!) war schnelles Nachdenken nie schwer gefallen. Angesichts des wackligen und brutal eiskalten Tabletts da in der Höhe konnte davon allerdings keine Rede mehr sein. Meine Gedanken wirbelten total ungeordnet und zu nichts mehr zu gebrauchen wild in meinem Kopf herum. Darum war ich dann auch total hilflos der weißen Meute ausgeliefert, die eiligst zur Monsterbesänftigung ins Sprechzimmer stürmte. Das Monster, meine lieben Freunde, das war ich. So ganz Unrecht hatten sie ja nicht: Wie ein Verrückter verhaute ich mit meinen Pfoten den armen Fliesenboden, der doch gar nichts für mein Unglück konnte und solch eine Dresche bestimmt überhaupt nicht verdient hatte.
Gleichzeitig ruckte ich nach allen Seiten. Garantiert wirkte das recht ungeschickt und gar nicht elegant, aber es ging schließlich ums reine Überleben. Frau Dr. Pieks Helferinnen rochen alle sehr sympathisch. Aber was sie jetzt mit mir anstellten, fand ich ausgesprochen unverschämt. Zwei von ihnen hielten meine Vorderläufe fest, eine klemmte sich meinen Kopf zwischen die Beine und der Rest der Mannschaft schnappte sich meine Hinterpfoten. Derweil kraulte Frauchen meine Ohren, was das Zeug hielt. Es nutzte aber nichts. Sie hätte stundenlang da rum wurschteln können...

Ich war auf Hundertachtzig und ich blieb dort oben. Zu allem Überfluss meinte sie auch noch zu mir:
„Knödelchen, es passiert doch nichts Böses, ruhig, ganz ruuhiig!“
Schließlich regte ich mich tatsächlich ab, hörte mit dem Stampfen auf und verstummte. Nach den voran gegangenen Heularien war nämlich meine Stimme weg und das ewige Strampeln war Hochleistungssport gewesen.
„Sch...wuff!“, bemerkte ich noch kraftlos, so kraftlos, dass ich schon gar nicht mehr in der Lage war, mich für diese Bemerkung vielleicht noch zu schämen.

Die kurze Pause danach, in der doch wirklich fast nichts passierte, tat mir gut. Gut, wiiee? Ja, da staunt Ihr sicherlich, aber es war so. Während ich da eingekeilt still stand, erholte ich mich sichtlich, stand wieder aufrecht dort, versuchte, mit dem Kopf hin und her zu rucken und schielte bereits wieder ein wenig trotziger in die Runde. Leider waren die anwesenden Zweibeiner nicht dumm, merkten dies und fassten zur Sicherheit gleich noch etwas fester zu.
Währenddessen hatte Frau Dr. Pieks wie damals seelenruhig mit meinem Herzen telefoniert. Ihrer Miene nach zu urteilen, gab es wenigstens da keine unangenehmen Neuigkeiten. Und trotzdem war die Chance, auszubüchsen, endgültig vertan. Ich ärgerte mich und noch weitaus mehr darüber, dass dieser erste wieder vernünftige Gedanke mir sagte, dass mich noch viel größere Gemeinheiten erwarteten.

Bis dahin hatte ich ja wenigstens noch auf meinen eigenen vier Beinen gestanden. Doch nun hob mich eines der Mädchen blitzschnell hoch. Ich, total überrumpelt, hing wie ein nasser Sack und völlig wehrlos herum.
„Guck` mal, wie verdattert der guckt!“, flüsterte das eine Mädchen dem anderen grinsend zu. Diese Bemerkung war fast genau so frech wie das, was darauf folgte. Mit einem gehörigen Schwung durch die Luft beförderte sie mich auf den gefürchteten Schnippeltisch. Der war glatt, hart und bitterkalt. Verzweifelt versuchte ich Halt zu finden. Doch da war keiner. Hilflos rutschte ich auf der Platte hin und her.
´Noch nicht mal eine Decke haben die für mich. Dabei bin ich doch immerhin eine echte Hoheit. Ob die mit ihren zweibeinigen Königen auch so umspringen?`

„Alles bestens!“, erklärte die Ärztin meinem Frauchen.
Frauchen guckte sehr froh.
„Matochen, haste das Lob gehört?“
Na klar hatte ich. Aber:
´Glaub` ja nicht, dass ich jetzt vor Freude darüber etwa wedele!`, dachte ich und setzte mit vollster Absicht eine betont hochnäsige Miene auf.
Es klappte prima. Das hatte ich ja mein Leben lang gründlich geübt. Nein, meine Erleichterung wegen des Anrufergebnisses behielt ich für mich.

Ich stand auf diesem blöden Tisch, den ich aus mehr als verständlichen Gründen zutiefst verwünschte und bibberte mich halb zu Tode vor Angst, zumal ich nur noch Weiß sah. Vorne vor mir ein weißer Kittel, rechts Frauchen plus ein Weißkittel, links zwei und hinter mir auch noch einer.
„Ganz schon unfair, Sechs gegen Einen!“, erboste ich mich.
Leider brachte ich nur ein klägliches Winseln zustande.
´Gleich wird` s ernst!`, dachte ich. Kurz vorher hatte ich bereits meine Rute zwischen die Beine geklemmt. Jetzt hing die mittlerweile irgendwo unter meinem Bauch vor Panik.

„So, mein Süßer!“, forderte Frau Dr. Pieks mich auf, „Jetzt hältst Du mal eine Sekunde lang still. Dann hast Du es hinter dir.“
Erstens hatte ich keine Ahnung davon, was eine Sekunde überhaupt war, demnach erst recht nicht, wie lang die dauerte und zweitens konnte niemand mehr von mir erwarten, dass ich etwa still hielte.
´Au weia, die marschiert zum Schrank!`
Garantiert suchte sie sich die Spritze aus mit der dicksten Nadel. Nicht mit mir! Ich war doch nicht so bekloppt und ließ mich von deren Schmeichelei täuschen. Eigentlich hätte ihr das klar sein müssen, denn sie kannte mich ja schon von Babybeinen an. Schon damals war ich ein Trotzkopf gewesen, wenn auch ein extrem lieber. Hier auf dem Behandlungstisch gedachte ich diese Eigenschaft keinesfalls abzulegen. Es ging schließlich um Sein oder Nichtsein, wau!
„Die werden sich wundern!“, schwor ich mir.

Inzwischen hatte die Ärztin das passende Folterinstrument gewählt. Furchterregend sah es aus, mindestens so lang wie mein Bein bis zum Knie und so dick wie zwei meiner Krallen zusammen - na ja, zumindest fast. Frau Dr. Pieks näherte sich mir, das Ungetüm in der rechten Hand. Mit der linken kraulte sie mich unter der Schnauze.
„Für Knödelchen brauche ich keinen Maulkorb. Den kenne ich lange genug. Der würde mich nie beißen!“, erklärte sie Frauchen.
´Stimmt zwar, besagt aber nichts über meine Einstellung zu diesem ganzen Zirkus!`
Ich schielte zu Frauchen. Sie freute sich sichtlich und zeigte deutlich, wie stolz sie jetzt war. Aber selbst das konnte mich nicht mehr von meinem Plan abbringen ...

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