ich... der Freund des Menschen
Von
optik
Montag 31.07.2023, 10:14
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optik
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Lilly
Ich bin ja doch ein bedauernswertes kleines Geschöpf. Zuweilen tue ich mir auch ganz ungeheuer leid, weil ich häufig das Gefühl habe, man ignoriert mich einfach zu oft. Dabei liebe ich meine Familie. Außerdem kann ich keinem Menschen oder irgendeinem anderem Lebewesen gram gesonnen sein. Im Gegenteil, ich bemühe mich redlich allem gerecht zu werden, wenn es mir auch manchmal arg gegen den Strich geht.
So wie neulich! Oh wie hab ich mich geärgert. Niemand hatte sich wieder einmal um mich gekümmert. Ruhig und mit knurrendem Magen lag ich auf meiner Decke und beobachtete das Treiben um mich herum. Alle saßen lachend und in sich hinein stopfend am Frühstückstisch. Die frischen Brötchen dufteten, es gab sogar Rührei mit Bacon. Welch eine Schmach für mich kleines Wesen, die Geschmacksnerven zogen sich in meinem Gaumen zusammen, mein ganzes Inneres lechzte förmlich, aber man ignorierte mich. Selbst als ich mich mühsam der Küchentür näherte und jämmerlich zu winseln begann, tat man als gäbe es mich überhaupt nicht. Ich musste erst erbost reagieren und mit lautem Wuff-wuff meinem Zorn Luft machen. Selbst das dauerte eine Ewigkeit, bis sich endlich einer von dieser egoistischen Gesellschaft erhob, um mich in den Garten zu lassen. Sie, diese Zweibeiner, die sich morgens stundenlang im Bad rumtummeln, könnten doch selbst einmal darauf kommen, dass auch ich Bedürfnisse habe. Aber nichts. Immer muss ich mich bemerkbar machen.
Während sie sich drei, vielmal am Tage die Bäuche vollschlagen, speist man mich mit ein paar trockenen Brocken ab, die ich förmlich runter würgen muss. Ein kleines Näpfchen hat man für mich übrig. Tagein, tagaus der gleiche Geschmack. Das triste Wasser ist auch in seiner Eintönigkeit nicht zu überbieten.
Ich bin fast schon beleidigt, wenn sich alle Augenblicke das blöde Bimmelding meldet. Ob Männlein oder Weiblein sie sind dann schier wie eingefangen oder aus dem Häuschen und es dauert , dauert, dauert bis sie dann zum Ende kommen. Schrecklich. Selbst wenn wir gerade auf einem kleinen Spaziergang sind, haben sie das schwarze Quatschding dabei. Dann ist es aus und vorbei mit schnuppern und fröhlichem Springen, dann wird an der Leine gezurrt und gezogen, das mir sogar das Pipimachen vergeht. Ich überlegte schon, ob ich es nicht einfach mal zerbeisse. Gottlob gibt es noch ein ebenso kleines Wesen in dieser Familie. Total tollpatschig und entsetzlich schreiend und oft genug regt sie mich vollkommen auf. Nur aus purem Eigennutz spiele und tolle ich mit dem kleinen Zweibeiner, denn bei ihr fällt oft unverhofft ein Leckerbissen für mich ab. Aber die Sympathie beschränkt sich wirklich nur auf etwaige dargebotene Gaumenfreuden. Weitere Solidaritätsbekundungen sind mir in dieser Familie zu nervig.
Aber ich wollte ja von neulich berichten, als ich zunächst noch glaubte, ich bekäme einen Heidenärger. Es verlief dann alles recht glimpflich für mich, aber der Schreck war riesengroß. Und das kam so: Es waren viele Freunde von Amelie, so heißt der kleine Zweibeiner, gekommen und alle tatschenten auf mir rum. So etwas mag ich gar nicht. „Ach wie lieb“ und „ach wie süß“ und sie drückten und knuddelten mich, das mir schon regelrecht schwindelig wurde.
Auf dem Tisch im Wohnzimmer stand ein Teller mit Rosinen- und Streuselschnecken. Sofort hatte ich es erspäht und ganz intensiv meine Augen und die Nase darauf gerichtet. Aber die lästigen Zweibeiner ließen mich nicht zufrieden. Ich war schon vollkommen geschafft als sie plötzlich alle laut schreiend raus in den Garten stürmten. Sonst von Natur sehr neugierig war mir jedoch diese himmlische Stille wesentlich wichtiger. Ich packte die Gelegenheit beim Schopfe. Mit meinen kurzen Beinen sprang ich flugs auf den Stuhl, dann auf den Tisch und dann schepperte es ganz fürchterlich. Ehe ich mich versah rutschte ich ab, zog Teller, Tassen, samt Kuchenteller mit in die Tiefe. Aber ebenso schnell berappelte ich mich, schnappte in einem Gefühl des tiefsten Erschreckens nach der größten Rosinenschnecke und suchte nur noch das Weite. Ab durch die Tür in den Garten und unter die dichte Buchsbaumhecke. Mein Herz klopfte, ich war vollkommen außer mir, aber ich hatte eine Schnecke gerettet. Sie schmeckte vorzüglich und genussvoll schleckte ich noch den Zuckerguss von meinen Lefzen.
Es dauerte dann auch nicht lange, als im Haus ein großes Spektakel einsetzte. Wahrscheinlich war mein kleines Missgeschick aufgefallen und es wurde nach einem Übeltäter gesucht. Ich verhielt mich still und wartete ab bis sich der größte Sturm gelegt hatte. Noch etwas ängstlich schlich ich mich erst wieder rein, als die wilde Bande von kleinen Zweibeinern verschwunden war. Ich entging einer Bestrafung. Nun überlege ich schon seit einigen Tagen, ob ich nicht beginne, mit weiteren derartigen Aktionen meine Familie auf meine Bedürfnisse aufmerksamer zu machen und vielleicht kann ich sie ja gar noch erziehen.