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Hilfe in letzter Sekunde ...

Von tastifix Dienstag 02.07.2019, 23:57

Katharina fühlte sich wie ein Hühnchen im Kochtopf. Nur, das dort die Temperatur wenigstens konstant blieb. Aber hier … Es war Hochsommer und selbst die 30-Grad-Grenze hemmte die Unternehmungslust des Wetterfrosches nicht. Trotz der Affenhitze verhielten sich aber auffällig viele Menschen noch erstaunlich rege. Eingezwängt zwischen mehreren zehntausend Gleichgesinnter bzw. Gleichverrückter übten sie sich in Fitness. Im Fußballstadion war die Hölle los, denn Deutschland spielte gegen England.

Sicherheitshalber voneinander getrennt saßen auf der einen Tribüne die deutschen, auf der anderen die englischen Fans. Angetan mit Trikots in den jeweiligen Landesfarben und auf den Köpfen Kompotthüte, die Narrenkappen frappierend ähnelten. Vielen stand dieses Outfit bezeichnend gut. Vor allem die Narrenkappe. In den Händen hielten sie extrem praktische kleine oder auch gar Riesenfahnen. Passte ihnen der Ausruf des Nächststehenden nicht, riefen sie ihn notfalls mit einem augenscheinlich zufälligen Schwenker des Fahnenstils zur Ordnung und verhalfen ihm häufig zu einer wunderschön rot schillernden Beule. So auch im nächsten Moment direkt vor Katharinas Augen.
„Au!“, meckerte eine Reihe vor ihr ein junger Mann, sich erbost zu ihr umdrehend.
„Was soll dat denn? Nee, so etwas!“, blitzte er sie an.
Der Anblick des hübschen Mädchens aber besänftigte ihn etwas.
„Dat war zu früh und auch falsch. Da ist doch noch gar kein Tor gefallen. Im Übrigen jodele ich genau für Deutschland wie Sie.“
„Ich ...“, wollte sie entgegnen, was aber in einem ohrenbetäubenden Geschrei der Menge unterging.

Plötzlich hopsten alle wie die Wahnsinnigen herum. Die Fahnen flatterten hoch über den Köpfen, wildfremde Menschen verbrüderten sich. Unten auf dem Spielfeld lagen sich Spieler in den Armen und applaudierten ins Publikum. Einige weinten sogar vor Freude. Ein schneller Blick aufs Trikot: Deutschland hatte das erste Tor geschossen.

´Dieser dämliche Zwischenfall hat mir den Genuss total vermasselt. Mist!`, dachte sie. ´Dem da vor mir hab jedenfalls nicht ich die Beule verpasst!`
„Haben Sie den Schuss gesehen? Der englische Torhüter hatte überhaupt keine Chance, den zu halten, so, wie der den rein gepfeffert hat!“, wandte sich der Beulenmann ein zweites Mal an sie und strahlte dabei übers ganze Gesicht.
´Dem wären jetzt selbst zehn Beulen auf einmal egal!`, überlegte Katharina.
„Toor!“, schloss sie sich brüllend den Anderen an und klatschte sich die Hände wund.

Die zweite Halbzeit brachte zunächst nichts Besonderes, so dass das Interesse an dem Spiel, das doch so vielversprechend begonnen hatte, allmählich mehr und mehr schwand. Nun wurde gedribbelt, zum gegnerischen Tor vorgeprescht, aber die Engländer waren auf der Hut. Ein weiterer Treffer wäre zuviel der Blamage gewesen. Stattdessen drehten sie tatsächlich den Spieß um und beherrschten immer deutlicher das Feld. Die schockierten Deutschen griffen nach unlauteren Mitteln. Foul folgte Foul. Die empörte Menge reagierte entsprechend. Ausgerechnet der deutsche Spitzenstürmer schlug entsetzlich über die Strenge, stellte dem englischen Kollegen ein Bein und riss ihn gleichzeitig am Arm zu Boden. Unter tausendfachen Pfiffen verwies ihn der Schiedsrichter des Platzes.

Schon zehn Minuten später hatte die deutsche Elf durch einen Elfmeterschuss einen Treffer einzustecken. Kaatharina war es zum Heulen.
„Nein, Deutschland darf nicht verlieren!“
In Rage geraten, flippte sie aus, rempelte die Umstehenden zur Seite und drängelte sich keck nach vorn.
„Unverschämtheit! Wenn das alle täten!!“
Katharina stellte die Ohren auf Durchzug. Sie behrrschte nur noch ein Gedanke:
´Das lass ich nicht zu. Ich will retten, was zu retten ist.`
Sie hatte oft mit ihrem Vater Fußball gespielt und sich dabei recht tapfer geschlagen. Wieso sollte sie nicht auch jetzt ... ? Sofort fühlte sie sich noch stärker. Ein paar Sprünge und sie stand zwischen den Spielern, die sie entgeistert ansahen.
„Nee, keine Sorge! Bin kein durchgedrehter Fan. Wartet ab: Jetzt wird gesiegt!“
„Hääh??“
„Staunen könnt ihr später. Los jetzt!“
Zehn Männer klappten verblüfft den Mund wieder zu und - spurteten. Ohne ihren Mannschaftskapitän hatte sie zuvor aller Mut verlassen. Doch nun schöpften sie Hoffnung und überließen sich willig der Führung eines ja nur schwachen Weibes. Aber so schwach war es nicht. Energisch kommandierte Katharina herum:
„Schneller!“ „Nach vorne!“ „Schießen!!“

Die Elf imponierte wieder mit guten Aktionen. Das Publikum dankte mit häufigem Beifall. Katharina dachte:
´Mama und Papa würden die Augen aus dem Kopf fallen!“
Fast alles spielte sich jetzt in der Nähe des englischen Tores ab. Jeder Versuch der Engländer, die deutsche Front zu durchbrechen, schlug fehl. Verzweifelt bemühten sie sich, den Ball in der Mitte des Feldes zu halten. Da passierte es: Ihr Tor stand für ein paar Sekunden völlig frei. Katharina schnappte sich den Ball, nahm gewaltig Anlauf und schoss. Das Leder nahm seine Bahn hoch durch die Luft.
„Was ist denn das??“
Der Ball landete nicht etwa zielsicher im Tor, sondern stieg immer höher. Bald sah man nur noch einen winzigen Punkt. Das runde Leder, Ziel aller Träume, war weg. Katharina erstarrte zur Salzsäule.
„Das war`s denn wohl!“, murmelte sie halblaut.
Die Spieler senkten deprimiert die Köpfe. Für eine Antwort fehlten ihnen die Worte. Aus dem Publikum vernahm man gleichfalls keinen Laut.

Doch kehrten Katharinas Lebensgeister fix zurück.
´Dafür hat unsere Elf sich nicht die Beine aus dem Leib gestrampelt und ich wie eine Wilde gekämpft. Soo nicht!`
Plötzlich, sie wusste gar nicht, wieso, erinnerte sie sich an ihren großen Schwarm aus der internationalen Musikszene.
´Was würde er tun? Eines ist sicher. Er würde nicht aufgeben!`
Vor lauter Liebe seufzte sie laut.
´Ach ja, wenn er doch hier wäre! Dann hätten wir dieses Problem nicht!`
Mit fest zugekniffenen Augen dachte sie innig an ihn. Dann blinzelte sie erneut gen Himmel. Dort war noch immer ein schwarzweißer Punkt zu sehen, der da nicht hin gehörte. Völlig mit den Nerven am Ende, kamen ihr die Tränen.

Urplötzlich schreckten alle aus der Trauer auf. Ein noch winziger schwarzer Flecken am Himmel näherte sich rasch und wurde immer größer. Katharinas Herz klopfte wie verrückt. Sie schrie gellend auf. Schnell wie ein Blitz flog ein wunderbares Wesen heran. Am Saum seines im Wind flatternden roten Umhanges schaukelten goldene und schwarze Bommel.
„Eine lebendige Deutschlandfahne!“
Im nächsten Moment wurde sie fast ohnmächtig vor Glück. Es war das ihr wichtigste Wesen der Glimmer- und Flimmerwelt. Es war Sting. In der Hand hielt er den Ball.
„Wieso ... ?“, stotterte sie schwach.
„Ich wusste, dass du mich brauchst!“, strahlte er.
Es trug wahrlich nicht dazu bei, dass ihr Redefluss fließender wurde.
„Ja, aber ...“
Die Engländer standen dort vor Entsetzen wie gelähmt. Dass Sting ihnen das antat!! Er legte dessen ungerührt Katharina den Ball vor die Füße:
„Schnell, schieß!“
Sie gehorchte. Es hatte wohl alles seine Richtigkeit, denn der Befehl kam ja von ihm. Ihr Schuh knallte gegen das Leder. In weitem Bogen sauste der Ball über das halbe Spielfeld und landete in der linken hinteren Torecke. Der unter
Schock stehende englische Torhüter war keiner Bewegung mächtig
gewesen und guckte nur entsetzt. Doch dann brach der Bann des Erschreckens, der Überraschung. Die Engländer und ihre Fans brüllten vor Enttäuschung, die Deutschen und deren Anhänger vor Glück. Deutschlandfahnen segelten aufs Spielfeld. Gesänge wurden angestimmt. Von allen Seiten hörte man Tröten. Deutschland war Sieger. Katharina fand die Sprache wieder:
„Warum hast du mir geholfen?“
„Für Dich tue ich alles. Für Dich lasse ich sogar meine Mannschaft im Stich!“
Katharina schwamm weg und seufzte bereits zum zweiten Male in den letzten Stunden auf - diesmal sogar noch lauter.
Abrupt erwachte sie. Es war Morgen und alles nur ein Traum gewesen.









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