Hermann und Erwin
Von ehemaliges Mitglied Dienstag 22.01.2019, 18:58
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Kurz nach Kriegsende gab es einen extremen Frauenüberschuß. Deshalb hatte die Mutter von Trudel ihren 3 Mädchen eindringlich ins Gewissen geredet. " Sucht euch schnell einen Mann, achtet drauf, daß er katholisch ist und ein Schlesier...wenn es mal wieder anders kommt".
Dies haben die Mädels befolgt....Trudel bekam den Oberschlesier Hermann, den ihr schon kennt und auch die beiden anderen Schwestern fanden einen katholischen Schlesier.
Die jüngste der 3 Schwesten Maria heiratete Erwin....er war nicht die hellste Kerze auf der Torte aber fleissig.
Als ich ihn das erste mal besuchte, 2 Tage vor Weihnachten, musste ich mich durch den Schneesturm in Schwarzenberg zu seiner Wohnung kämpften. Ich klingelte völlig erschöpft und Erwin öffnete die Tür. "Oh , schön das du gekommen bist ...warte bitte"...nach 5 Minuten kam er wieder . "Schau hier, die bekam ich gestern ". Es war eine Urkunde als "Bester Junger Arbeiter" (er war damals schon über 50) die ich loben sollte.
Ich verbrachte dort 3 Tage an denen er mir oft auf einem kleinen Keyboard schlesische Volkslieder vorspielte. Als ich ihn zum Abschied einlud mich zu besuchen, meinte er traurig, daß er gar keine Verbindung zu mir kennt.
Im Frühsommer lud ich ihn und Hermann (die beiden mochten sich) ein, mich zu besuchen. Damit es einfacher für sie war, habe ich ihnen nicht nur die Verbindung raus gesucht, sondern auch die Fahrkarten per Brief geschickt (Telefon hatte damals keiner).
Einfach vom Markt nach Dresden Hauptbahnhof und dann mit dem Zug, der durchgängig war, zu mir. Am Bahnhof wollte ich sie dann abholen. Sie sicherten mir im nächsten Brief zu, daß sie kommen würden.
Ankunft an einem Freitag 15:30Uhr auf dem Bahnhof. Dieser war ca. 5km von meiner Wohnung entfernt und ich wollte sie mit dem Fahrrad abholen. Der Zug kam...sie nicht.
Nunja, was solls, der Zug kam jede Stunde und so fur ich auch die nächsten beiden Stunden hin sie abzuholen...aber sie kamen nicht. Das verwirrte mich schon.
Am Abend gegen 21 Uhr klingelte es und beide standen vor der Tür...ich bat sie rein und gab ihnen erstmal Abendbrot und was wichtiger war ein Bier.
Sie berichteten, daß sie den Zug unterwegs in Potschappel verlassen haben um sich den Bahnhof anzusehen. Der Zug wartete nicht auf sie...aber eine Stunde später fuhren sie weiter. Dieser Zug fuhr aber nicht durch. Sie stiegen in der Bezirksstadt aus und fragten nach dem Weg zu mir. "Ganz einfach...vor dem Bahnhof steigen sie in die Straßenbahn, fahren 3 Stationen bis zum Busbahnhof und steigen dort in den Bus ein". Klang einfach..Hermann und Erwin schnappten ihre 2 Aktentaschen (warum sie diese mitnahmen erschloss sich mir nie) und stiegen in die Tram. Nach 3 Stationen kam ein junges Mädel und meinte zu Erwin..."drücken sie mal den Knopf"..das tat Erwin(er tat immer was Frauen von ihm verlangten, daß hatte ihm seine Maria eingebleut). Nach 3 Sekunden klingelte und blinkte die abrupt bremsende Straßenbahn! Die Türen öffneten sich und die beiden rannten davon. Woher sollte Erwin (der noch nie mit einer Tram gefahren war) wissen, was der Türöffner und was der NOT AUS Knopf ist. So kamen sie halt etwas später bei mir an.
Ich ging in den Keller und holte für beide Bier und für mich ne Flasche Wein . Als ich zurück kam, saßen sie emsig ins Gespräch vertieft am Tisch. Aber Moment mal....Erwin erzählte von nem "tausender Tschechen" den er wohl in seinem Betrieb bediente und Hermann redetet in dessen Gesprächspausen von "Radio Vatikan" und seinen Brief an diesen Radiosender, der sich mit dem Selbstmord seines schwulen Pfarrers beschäftigte.
Erst wollte ich mich einmischen, aber worüber sollte ich reden ? So lies ich ihnen ihre Themen, wir gingen dann bald schlafen. Der nächste Tag war ziemlich heiss...Erwin fragte mich ob er ein wenig singen dürfe..klar. Hermann hat sich eine Decke geborgt und zog von dannen.
Ich bereitete das Mittagessen vor. Nach etwa einer Stunde klingelte es an der Tür. Die Nachbarin stand ganz aufgeregt da und fragte mich, ob der älter Mann der vor dem Haus auf der Wiese läge, zu mir gehört. Natürlich das ist Hermann . Da fragte sie ob ich ihn nicht dazu bewegen könnte sein Gemächt in der "Turnhose"zu verstecken , es würden da Kinder über ihn lachen. Nun es war eh Mittagzeit und ich holte Hermann hoch. Er sah das nicht so verbissen.
Die nächsten 2 Tage radelten wir viel und ich zeigte ihnen die Gegend.
Am 3. Tag brachte ich sie wieder zum Zug...schon um sicher zu sein, daß sie wirklich heim fuhren. Auf dem Fussweg zum Zug erzählte Erwin fast ununterbrochen davon, daß er mal auf einer LPG in der Erntezeit geholfen hat. Ich wollte wissen, was er da so tat..aber das war die falsche Frage...er erklärte mit haarklein welche Knöpfe er bei einer Maschine bedienen musste...welcher Art diese Maschine war wusste er allerdings nicht. Irgendwann war auch dieser Weg zu Ende und Hermann und Erwin fuhren gut gelaunt nach Hause.
Noch Jahre danach wurde ich für diese schönen 3 Tage von Hermann und Erwin gelobt. Wobei ich glaube, daß beide froh waren, mal von ihren beiden Hausdrachen befreit zu sein und in Ruhe das eine oder andere Bier ohne Vorwürfe zu trinken .