HELLER NOVEMBER (c)elbondo
Von
egalis
Dienstag 03.11.2020, 16:09
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Von
egalis
Dienstag 03.11.2020, 16:09
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
„Und wann kommst du jetzt mal?“ hatte Henning gefragt, bevor er sich von ihr verabschiedete um wieder nach Hause zu fahren. Sie hatten den Kalender vorgenommen, terminfreie Tage herausgesucht und nun war es soweit.
Eigentlich ganz schön verrückt, im November zu verreisen, hatte sie gedacht. Ihr war viel mehr nach Verkriechen zumute. So grau, wie sich der November gab, fühlte sie sich.
Zunächst. –
Seit die Aussicht auf eine Reise bestand, stieg ihr Gemütspegel wieder an. Die bevorstehende Fahrt machte sie munter. Aus dem Spiegel blickten ihr strahlende Augen entgegen. Weiteres Wohlbefinden würde ihr der Friseur verschaffen. Wie sie gedacht hatte, sprach ihre junge Haarkünstlerin sie darauf an: „Na, Frau Grünau, wohin soll es denn diesmal gehen? Immer, wenn Sie kommen, haben sie doch eine Reise vor!“
Sie mussten beide lachen und Felizitas Rose Grünau berichtete dann auch, dass sie in der Tat eine Reise vorhabe, und zwar gleich im Anschluss an diese Behandlung. Aber sie bliebe diesmal im Lande, führe gen Norden, wolle Kultur tanken und andere Landschaften sehen. Von dem geplanten Besuch bei Henning Hammerksen erzählte sie nichts. Warum auch. Das ging niemanden etwas an. Sollten die Leute doch denken, was sie wollten.
Kurze Zeit nach dem Friseurbesuch machte sie sich auf den Weg. In der Bank erleichterte sie ihr Konto. Zur Tankstelle musste sie auch noch. Dann befand sie sich auf der Straße, Richtung Nordosten.
„Fährst du Autobahn?“ hatte der Freund gefragt. Das ginge doch viel schneller als über die Dörfer. Sie hatte es noch nicht gewusst, wollte es darauf ankommen lassen, was der Verkehrsfunk ihr unterwegs vermitteln würde und wie ihr zumute war.
Die Wolken hatten wohl ihre letzten ergiebigen Regengüsse abgeschüttet; es war stark bewölkt, aber ab und an blitzte doch die Sonne durch. Die Straßen waren trocken, der Verkehr mäßig, es ging zügig voran. Sie hatte Freude an den bunt gefärbten Laubbäumen, der herbstlichen Landschaft. Wunderte sich erschrocken über die großen Wasserflächen und die nassen Wiesen und Äcker, die das Tief der letzten Wochen hinterlassen hatte. Ganze Landstriche waren unter Wasser gesetzt. Stellenweise stand der Mais noch auf den Feldern, waren die Kartoffeln nicht geerntet. Konnten sicher auch nicht mehr hereingeholt werden. Die schweren Maschinen würden an die Früchte nicht herankommen können. „Das wird ein teurer Winter für die Bauern“, dachte sie und entsann sich ihres Besuches bei kanadischen Freunden im letzten Jahr, die dort eine große Rinderfarm betrieben.
Der Sommer war dort heillos verregnet in den fast winterlichen Herbst übergegangen. Anfang Oktober hatte bereits Schnee gelegen und die Ernte war nicht einzubringen gewesen. Weizen, Mais, Heu waren noch draußen auf den Feldern. Die Maschinen standen in der Halle. Ohne Stiefel kam man nicht mehr über den Hof. Der Matsch stand mehr als knöchelhoch. Die Freunde hatten befürchtet, dass sie die Hälfte ihres Viehs verkaufen mussten. Zum Glück war das dann doch nicht notwendig geworden, weil Futter gekauft werden konnte und noch überjähriges Heu vorhanden war, das über die Runden half. Zwar machten die Rinder „lange Zähne“, weil es ihnen nicht sonderlich schmeckte, aber es füllte die Pansen. Dafür hatte es diesmal dann einen Supersommer mit einer prachtvollen Ernte gegeben, hatte der Farmer ihr am Telefon erzählt. Darüber war sie froh. „In Kanada sind es auch andere Dimensionen als hier“, sann sie. „Wenn es hier den Bach runtergeht, dann aber auch gleich gründlich. Unsere Bauern können wahrscheinlich ein solches Missjahr kaum verkraften."
Sie überholte einen Lastwagen. Er war wohl von einer Baustelle gekommen. Hatte Erde geladen und verteilte die klebrige Masse von den Zwillingsreifen auf die Straße. Gut, dass sie daran vorbei war. Wenn es jetzt noch regnen würde, wäre die Fahrbahn glitschig. Ein Verkehrshinweis tönte durch den Lautsprecher, dass auf der Autobahn Bremen-Hamburg eine Ölspur zur Vorsicht mahne. Und sie war zufrieden mit sich, dass sie auf der Landstraße geblieben war. Zeitlich hätte sie jetzt dort bei der Ölspur sein können.
In Kleinensiel hatte sie Glück. Die Fähre nahm sie als letzten Mitfahrer auf und legte ab. Gut fünf Minuten später – sie hatte nicht einmal Zeit gehabt, die Toilette aufzusuchen – war man auf der anderen Seite der Weser. Felizitas Rose Grünau orientierte sich an den Orts- und Hinweisschildern und nahm ihre Spur wieder auf. – Auch hier zeigte sich die Landschaft in herbstlicher Schönheit, erschreckend war das viele Wasser. Das letzte meteorologische Tief hatte ganze Arbeit geleistet.
Die Verkehrszeichen 'zu gründlich' beachtende Vor-ihr-Fahrer machten die Frau zeitweise ungeduldig. Sie fühlte sich im flüssigen Vorwärtskommen behindert. Zugegeben, manchmal nahm sie es mit der angegebenen Geschwindigkeitsbegrenzung nicht so genau. Lehrgeld hatte sie schon deswegen zahlen müssen. Aber immer wieder ertappte sie sich dabei, wie der Fuß das Gaspedal tiefer durchdrückte, als es eigentlich sein sollte. Eine Autobahnauffahrt wurde angezeigt. Sollte sie diese jetzt nehmen um schneller weiterzukommen? Ach was. Die Sonne schien, der Himmel war inzwischen wolkenlos blau. Die Dörfer und Kleinstädte zeigten sich wie blankgeputzt. Sie liebte diese Landschaft, erinnerte sie doch an ihr Zuhause.
Einmal musste sie für einen sich im Einsatz befindlichen Notarztwagen Platz machen, ansonsten gab es keine besonderen Vorkommnisse.
Durch Wischhafen fahrend überlegte sie noch, ob sie dem Imker, bei dem sie vor einiger Zeit Honig gekauft hatte, einen Besuch abstatten sollte, ließ es mit einem Blick auf die Uhr aber sein. Beim Fähranleger stellte sie dann die Richtigkeit ihres Entschlusses fest: Die Ampel zeigte Grün. Sie konnte auf die Fähre fahren, reihte sich ein, wie der Anweiser es wünschte und bekam auf ihren fröhlichen Gruß einen ebenso munteren zurück, als sie die Gebühr entrichtete. Sie stieg aus. Sogleich erfasste sie der böige Wind, fing sich in ihrer Bluse und ließ sie frösteln.
Sie zog sich eine Jacke über und stellte sich an die Reling, wo sich inzwischen auch weitere Fahrgäste eingefunden hatten, die sie kurz musterte. Sie blickte auf das lehmig-graue Wasser, das von der sich im Leerlauf drehenden Schiffsschraube bewegt wurde und den Schlamm aufwirbeln ließ. Die in der Nähe der Fahrrinne liegende Boje zeigte in harter Schräglage zur Seeseite hin. Ebbe, konstatierte sie, oder zumindest heftig ablaufendes Wasser. –
Sie wurde in ihren Gedanken aufgeschreckt: Auf der gegenüber liegenden Landseite ließ sich vielstimmiges Vogelgeschrei vernehmen und höchst erstaunt bemerke sie einen riesigen Gänseschwarm, der von den Wiesen aufstieg und kurzfristig wie eine dunkle Wolke über dem Deich hing, bevor er sich wieder in dem noch saftigen Grün der Uferwiesen niederließ. So etwas hatte sie noch nicht gesehen und äußerte sich dementsprechend gegenüber einem allein neben seinem Auto an der Reling lehnenden Mann. Der wies mit einer Handbewegung auf eine einsam am Ufer grasende Gans: „Die hat den Anschluss verpasst“, meinte er.
Die Fähre hatte abgelegt. Längst war sie nicht mehr so voll von Autos und Menschen wie im Sommer, als sie die gleiche Strecke genommen hatte. Felizitas Grünau hatte Muße, die wenigen Mitreisenden näher zu betrachten. Einem Audi aus ihrer Gegend entstiegen zwei Männer um die Vierzig. Sie strebten dem Bug zu und sahen sich interessiert um. Der Jüngere lief zum Auto zurück und kam mit einem Camcorder wieder. Er filmte die Landschaft. – In einem Lieferwagen saßen drei Arbeiter und spielten Karten, lachten dabei. Eine gehbehinderte Frau stieg die Treppen zur Fahrgastbrücke hoch und setzte sich dort auf eine Bank. Aus dem Bistro schlenderte ein dickbauchiger Mann mit einem Baguettebrötchen in der Hand vorbei. „Wie kann man bloß mit so einem Bauch einen Blouson tragen“, dachte sie, kopfschüttelnd über die viel zu tiefhängende Hose. Sie beobachtete nun gezielt einen weiteren männlichen Mitfahrer und betrachtete bei diesem die Beinkleider. Der Hosenboden hing fast in den Kniekehlen. Das untere Ende der Hosenbeine schlug Falten über den Schuhen und hinten wurden damit die Planken gefegt.
Fortsetzung folgt, wenn gewünscht