HELLER NOVEMBER 5. Teil Text+bild:elbondo
Von
egalis
Mittwoch 04.11.2020, 21:37
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egalis
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Wenige Schritte trennten sie noch. Sie wich zum Meer hin aus, warf dem Mann einen kurzen Blick zu, war nahe genug um zu erkennen, dass er keine blauen Augen hatte und die Haare waren auch nicht blond, sondern eine silbergraue Mähne, die der Wind durcheinander brachte – so sehr jung war er wohl nicht mehr – und überhaupt... Ihr Herz machte einen Satz.
Verlegen antwortete sie auf seinen Gruß, hoffend, dass er ihre kurzzeitige Verwirrung nicht bemerkt hatte, pfiff dem Hund und war an ihm vorbei.
Wieso hatte er sie so angesehen? Hatte sie irgendetwas im Gesicht? War ihr Lippenstift verschmiert? Ach, sie hatte ja gar keinen aufgelegt. Sie schalt sich eine Närrin. „Komm, Filler“, rief sie der Hündin zu und rannte in Richtung Dünen. Sie hatte keine Lust mehr, den Weg am Wasser weiterzulaufen. Ihr war plötzlich kalt geworden. Der Wind pfiff durch sie hin, hatte sie das Gefühl. Oder hatte er aufgebrist? Die Brandung schien ihr auch viel lauter zu sein als zuvor.
Nicht lange danach war sie im Ort. Durchgefroren wie sie war, suchte sie den „Friesenkroog“ auf. Die Wirtsleute waren ihr bekannt aus ihrer Inselzeit und dorthin konnte sie auch Filler mitnehmen.
Nach der freundschaftlichen Begrüßung wurde zunächst ein ausgiebiger Klönschnack gehalten. Es waren um diese Zeit nur wenige Gäste in der kleinen Gaststube. Der große, weiße Kachelofen verströmte eine wohlige Wärme. Die von draußen durch die Butzenscheiben hereinfallende Dämmerung wurde vom Kerzenlicht auf den Tischen in die Fensternischen verbannt.
Der gedämpfte Schein der Lampen über der Theke ließ die Köpfe von Gerlinde und Harri wie von einem Heiligenschein umgeben aussehen. Filler bekam eine Schale Wasser und legte sich dann auf Geheiß von Felix – auch hier wurde die Frau so genannt, ein Relikt aus ihrer Zeit auf der Insel – in den Zwischenraum zweier Sitzgruppen. Felizitas ließ sich in ein Sofa fallen, das sie mit der schönen, geschwungenen, mit Holz abgesetzten Rückenlehne an die Stube ihrer Großmutter denken ließ. Harri kam nach einer Weile heran und nahm ihre Bestellung auf. Bei diesem Wetter sei eigentlich nur ein Pharisäer angebracht, bestätigten sie sich gegenseitig und lachend ging er in die Küche.
Felizitas hatte die Augen geschlossen und nahm die sie umgebende Gemütlichkeit mit allen Sinnen auf. Dann stand das dampfende Getränk vor ihr. Sie legte die Hände um die hohe Tasse, trank aber noch nicht. Sie träumte, hing ihren Gedanken nach. Hörte, wie die Gaststättentür geöffnet wurde und eine sonore Männerstimme grüßte. Sie achtete nicht weiter darauf, erschrak aber, als plötzlich jemand neben ihr sagte: „Ach, so sieht man sich wieder. Darf ich mich zu Ihnen setzen?“ Der Mann vom Strand.
Sie wies auf den Sessel neben dem Sofa und sagte. „Bitte“. Filler hatte kurz den Kopf gehoben, den Ankommenden registriert und war es zufrieden. Harri holte sich die Bestellung des neuen Gastes. Der erzählte Felizitas gerade, wie weit er seinen Gang am Strand noch fortgesetzt hatte. Und beide berichteten sich, warum sie auf der Insel seien, wie sie ihnen gefiele und dies und das. Der zweite Pharisäer wurde gebracht. Sie tranken sich über den Tassenrand zu. Er sah sie an und sagte dann: „Ich bin Henning“.