Neu hier? Lies hier über unser Motto gemeinsam statt einsam.
Mitglied werden einloggen




Passwort vergessen?

6 7

HELLER NOVEMBER 3. Teil

Von egalis Mittwoch 04.11.2020, 11:24

Filler, die sie als Welpe von ihren Kindern geschenkt bekam, machte ihr Freude, und sie hatte damit einen munteren Zeitvertreib.
Uschi, die im Sommer an Gäste vermietete, hatte ein großes Haus. Da war Platz für die Hündin. Filler hatte Uschi und Gunter in ihr Hundeherz geschlossen. Als sie nun in das Haus der Vergau-Familie kam, suchte sie sogleich nach Gunter, ohne ihn aber zu finden. Die beiden Frauen trösteten sie und mit einem Schnaufer legte sich die Hündin auf den ihr zugestammten Läufer, ohne zunächst ihre Aufmerksamkeit zu verlieren.
Da sie wenig Beachtung fand, rollte sie sich mit einem Schnaufen zusammen und schlief.
Uschi und Felizitas hatten am ersten Abend viel zu erzählen. Das letzte Treffen lag eine ganze Weile zurück und vieles hatte sich in der Zwischenzeit ereignet. Ernstes und Heiteres wechselten sich ab und bei einem von ihnen beiden bevorzugten trockenen Weißwein verging die Zeit wie im Fluge.

Am nächsten Tag fegte ein Wind über das Eiland. Es war kalt, diesig, regnete aber nicht. Schnee ließ auch noch auf sich warten. Es hatte noch nicht einmal richtig gefroren. Felizitas hielt es nach dem Mittagessen nicht mehr im Haus. Sie musste an den Strand. Uschi wollte Besorgungen machen und hatte keine Zeit mitzukommen. Als Felizitas nach der Leine griff, reagierte der große Hund sofort und stand schon wartend an der Tür, als sie sich noch ihren dreiviertellangen Mantel mit dem warmen Futter überzog und einen langen Schal um den Hals schlang, die Kapuze darüber zupfte und sich ein wollenes breites Stirnband, farblich passend zu Mantel und Schal, über den Kopf zog. Ihre fellgefütterten Stiefel würden ihr gute Dienste leisten. – „Viel Spaß, Felix", wünschte ihr die Freundin. „Wie willst du denn laufen?" Felizitas überlegte kurz: „Och, ich gehe mal über die Westseite zum Dorf zurück. Da sind wir gleich am Strand und Filler kann rennen."

Den kurzen Weg durch den Ort leinte sie Filler an, die brav an ihrer Seite ging und ab und an aufmerksam zu ihr heraufschaute. Dann trafen sich ihre Blicke und Felizitas nickte ihr aufmunternd zu, legte wohl auch ihre Hand auf den Kopf der Hündin. Sie gaben ein Bild freundschaftlicher Einheit. Wenige bekannte Gesichter von Insulanern zeigten sich. Flüchtiger Gruß klang hin und zurück. Frau und Hund liefen vertraute Pfade, mussten schließlich die bewachsenen Binnendünen durchqueren, fanden den vor Jahren bei einer Sturmflut gerissenen Durchlass bei der Flinthörndüne und waren nahe der westlichen Spitze der Insel. Als sie aus dem Dünenschutz heraustraten, merkte Felizitas, dass sie einen Fehler gemacht hatte: Sie musste sich jetzt in östlicher Richtung bewegen und genau von dort kam der heftige, kalte Wind.
'Also Wind von vorn', bemerkte sie trocken. 'Wie so oft in meinem Leben. Ach, das schaffen wir auch noch, was Filler?' Filler wedelte verhalten mit dem Schwanz. Die kurzen Hängeohren flatterten am Kopf. Felizitas zog sich ihre Kapuze über und verknotete den Schal unter dem Kinn. Dann forderte sie Filler auf, einen Stock zu suchen. Die Wolfshündin schoss davon, die Nase dicht am Boden. Hervorgerufen durch den feinen Sand, den der Wind vor sich hertrieb, musste Filler niesen und Felizitas lachte hellauf. Tatsächlich kam Filler mit einem Stock zurück. Der war schwer genug, dass er vom Wind nicht verweht wurde und gleichzeitig leicht genug, dass Felizitas ihn mit dem Wind ein ganzes Stück hintaus werfen konnte. Filler apportierte mit Freuden und so waren sie vollauf beschäftigt. Dann hatte die Hündin keine Lust mehr und gab den Stock nicht mehr her. So konnte sich ihr Mensch eingehender mit der von ihm geliebten Landschaft befassen. Wie oft war Felizitas hier entlang galoppiert! Sie dachte an das Meeresleuchten damals im September. Wie Funken sprühten Tausende kleiner Geißeltierchen, die mit dem bloßen Auge nicht erkennbar waren. Grünlich-phosphorzierend mit der Gischt bedeckten sie als leuchtende Tropfen die Pferdebeine. Dieses Schauspiel gibt es nur, wenn die Temperatur von Luft und Wasser stimmen. Oft hatte sie es nicht erlebt. Es blieb ein unauslöschliches Erlebnis.

Max fiel ihr ein. Der dreijährige Hengst. Er war gerade erst eingeritten worden. Den musste sie ohne Sattel und vernünftiges Zaumzeug reiten. Nur Ausbindezügel und eine halbe Trense waren noch übriggeblieben. Alles andere hatten sie für die große Reitergruppe benötigt. Das sonst von ihr gerittene Pferd war an einen Badegast vermietet worden. Es war ein kleines Abenteuer mit Max. Aber sie war eine gute Reiterin und konnte mit dem zeitweilig übermütigen Tier gut umgehen. Die Pferde wurden von ihr regelmäßig mit Schwarzbrot verwöhnt und das stärkte das Vertrauen der Vierbeiner. Das alles war so lange her. Die Pferde gab es inzwischen nicht mehr und von den Menschen, mit denen sie damals zu tun gehabt hatte, lebten einige bereits nicht mehr.

Ein abgehacktes, in schneller Reihenfolge klingendes, lautes „Jickjickjick", so als ob dickes Glas aneinanderschlägt, ließ Felizitas aufschauen. Und ihr wurde bewusst, dass sie sich noch gar nicht richtig in den Anblick der See vertieft hatte. Dicht über den Flutsaum flogen mit hastigen Flügelschlägen rotschnäbelige Austernfischer. Sie mochte diese auffälligen Vögel sehr und freute sich an dem Anblick. Die Austernfischer drehten eine Kurve, zogen höher und nahmen die Flugrichtung zu den Dünen. Ein paar Meter weiter erhoben sich beim Näherkommen von Mensch und Vierbeiner mit schwerfälligem Flügelschlag einige Sturmmöwen. Filler verfolgte sie. Gab ihr Vorhaben aber bald auf. An dieser Stelle des Strandes war die Brandung trotz des Windes nicht übermäßig stark. Das würde sich ändern, wenn sie um die Biegung herumgegangen war.

In langen Fahnen trieb ihr der Wind den Sand entgegen. Wirbelte kurz vor ihr hoch und sie spürte das feine Prickeln der Körner auf ihrem Gesicht. Sie lauschte dem Klang der Wellen, die mit weißen Schaumkronen auf dem Strand ausliefen.
Es war Flut. Die dunkel-feuchte Kante auf dem Sand wurde von dem nächsten auflaufenden Wellenbogen überspült, so dass angeschwemmtes Treibgut weiter nach oben geschoben wurde. Ihr Blick folgte den Muschelablagerungen. Holzstückchen lagen dazwischen. Auch mal eine Planke. Dort sogar eine Kiste. Und immer wieder Abfall in Form von Plastik und Blechdosen. Sie schaute aufs Meer hinaus. Ganz weit draußen am Horizont gewahrte sie ein großes Schiff. Bedächtig zog es seine Bahn. In einigem Abstand folgte ein zweites mit hohen Aufbauten. Felizitas dachte an die Kreuzfahrt, die sie vor einiger Zeit unternommen hatte. Das war eigentlich nicht ihre Welt, aber es hatte ihr gefallen.
Was für ein herrliches Schiff das war! Es war ihre erste Reise ohne Walter. Ein Ausprobieren ihrer Möglichkeiten. Sie war zufrieden, dass sie es geschafft hatte, wenn auch mit einiger Mühe, sich von ihrem Mann abzunabeln. Viel zu sehr war er der Mittelpunkt ihres Lebens. Alles hatte sich um ihn gedreht. Sie glaubte, dass sie ihm eine gute Ehefrau war. Mehr hatte sie ihm nicht geben können als sich selbst. Oder war das zuviel? Hätte sie es so machen sollen wie Uschi, die Gunter an der Kandare hatte, wie sie immer scherzhaft sagte?
Und Gunter beschwerte sich nicht darüber, schien zufrieden zu sein. Oder betrog er seine Frau ebenfalls? Jetzt vielleicht in Frankfurt, auf der Messe? Uschi hatte nie solche Verdächtigungen geäußert. Nur - Felizitas war besonders sensibel geworden; vermutete hinter jedem Mann einen notorischen Fremdgänger. Seit sie allein war, wurde sie ständig mit ähnlichen Schicksalen konfrontiert. Früher hatte sie nie darauf geachtet. Auch die Anmache von Männern aus ihrem Bekanntenkreis hatte in der ersten Zeit zugenommen. Als sie sich verwundert darüber geäußert hatte, bekam sie zur Antwort, dass schon immer Versuche gemacht worden seien sie zu erobern. Aber sie ließe ja niemanden an sich heran, sie sei immer so sehr verheiratet gewesen...
Sie hatte empört geschnauft und sich weitere Annäherungsversuche verbeten. Seitdem war ziemlich Ruhe eingekehrt.

weiter?

Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten

Mitglieder > Mitgliedergruppen > Kreativ Schreiben > Forum > HELLER NOVEMBER 3. Teil