Guten Appetit
Von
Reineke1794
17.01.2021, 06:44
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Reineke1794
17.01.2021, 06:44
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Okay, ganz aktuell ist die Geschichte nicht, denn sie erzählt von einer Zeit vor Corona. Immerhin soll sie daran erinnern, wie schön es mal war und uns Lust machen auf die Zeit, die bestimmt wieder kommt. - Versprochen!
Ist es nicht herrlich, in der eigenen Stadt, sich durch die Welt futtern zu können? Da gibt es den Italiener um die Ecke, den Griechen vielleicht nebenan oder dort den Chinesen. Will ich es spezifischer, dann geh ich eben zum Vietnamesen. Mag ich's scharf, marschiere ich zum Mexikaner oder zum Inder. Beim Thai finde ich die eher süßliche Küche. Habe ich's eilig, schau ich in die Döner-Bude mal rein, mag ich's mal bayrisch, so bin ich beim Haxn-Wirt richtig. Den Kaiserschmarrn genieße ich im Haus der Wiener Schmankerln und den Prager Schinken? Na, wo wohl? Neulich erst war ich wieder mal beim Jugoslawen. Ja, ja ich weiß, das ist ziemlich schlampig dahergesprochen. Das Land gibt es gar nicht mehr. Der Vielvölkerstaat des Josip Broz Tito hat sich längst wieder in sieben Nachfolgestaaten aufgelöst. Welcher Küche meine Pusztaplatte zuzuordnen ist, kann ich somit gar nicht sagen. Mazedonien? Serbien? Bosnien-Herzegowina? Kroatien? Ich weiß es nicht. „Ich war beim Jugo“, wie der Berliner es jedenfalls kurz und bündig zusammenfassen würde.
Obwohl schon 16 Uhr, hatten sich wohl alle aus der Umgebung gleichzeitig zum Mittagessen verabredet, denn im Biergarten des Lokals war kein einziger Tisch frei. Im Inneren des Restaurants waren fast alle Tische für vier Personen links des Mittelgangs belegt und nur noch ein Zweiertisch auf der anderen Seite des Ganges frei. Dies war dann meiner. Hinter meinem Rücken eine schlichte Holzwand und vor mir eine entsprechende, um die Sicht zum nächsten Tisch zu verwehren. Gegenüber des Ganges, so auf meiner Höhe, ein Tisch, auf dem die Speisekarten aufbewahrt werden, dann die Holzwand zum ersten Vierertisch in Sichtweite. In meinem Gesichtsfeld nur der rechte Fuß einer Dame und ein Stück ihres rechten Unterschenkels, jedenfalls der Stimme und dem Schuhwerk nach zu urteilen. Ihr gegenüber offensichtlich der Begleiter. Da dieser sozusagen die einzige Person in meinem Blickfeld war, musste ich mich krampfhaft bemühen, nicht ständig zu ihm hinüberzuschauen, denn es gab nichts, aber auch gar nichts von Interesse in meinem Umfeld zu sehen. Ein Buch, eine Zeitung wären jetzt passend gewesen, doch lag nicht einmal eine Eiskarte auf dem Tisch, in die ich mich hätte vertiefen können. Ein Handy zum Rumdaddeln hatte ich auch nicht bei mir. - Wie gesagt, nichts von Interesse gab es zu sehen, lediglich eine Holzwand vor mir, seitlich einen Damenfuß und eben wie erwähnt, ihren Begleiter, der voll in meinem Blickfeld saß.
Die Dame an besagtem Tisch hatte Jeans an, das konnte ich dem halben rechten Unterschenkel samt Fuß ab Kniehöhe entnehmen, da diese nicht von der Holzwand abgedeckt waren. Eine weiße Sandale schmückte den Fuß, der wiederum mit einem karierten Wollsocken bekleidet war. Gut beschreiben kann ich ihren Begleiter, wanderten meine Augen doch ständig – wenn auch unabsichtlich – zu ihm hinüber: „New brand“ stand auf seinem blauen T-shirt. Darunter war in großen Lettern „S. Oliver“ zu lesen. Ebenfalls blaue Jeans trug er und die nackten Füße steckten in dunkelblauen Badelatschen, wohl abgestimmt mit der Farbe des Shirts der neuen Mode.
Da ich später als die Beiden gekommen war, wurde ihnen noch eine Weile vor mir das Essen gereicht. Die Portion meines Blickfangs schien mächtig, die der Dame, konnte ich nicht sehen, muss daher unerwähnt bleiben. Sozusagen als Ersatz für das fehlende Bild der Person und deren Speise, konnte ich eines, sie sprechen hören. Sie redete auf ihn ein. Sie sprach schnell und viel. Sie sprach eigentlich ohne Pause. Sie sprach und sprach und sprach. Er hörte zu, begann zu speisen und sie sprach. Gelegentlich sah ich ihre Gabel, bevor sie zum Mund geführt wurde, von ihrer rechten Hand gehalten, in der Luft geradzu verharren, lange manchmal, bis endlich die Rede kurz unterbrochen wurde, weil dem Anschein nach, die Gabel nun geleert wurde, was mir die Holzwand aber zu sehen verwehrte.
In monotoner Weise sprach die Dame. Dann legte sie ihrem Gegenüber eine Scheibe Fleisch auf den Teller, nicht einen Moment den Redefluss unterbrechend. Ich konnte und wollte ja nicht hören, was die Dame zu berichten hatte, doch war es viel, sehr viel, das ihr offensichtlich auf der Zunge lag. Ihr Gegenüber aß derzeit mit einiger Hast, wirkte etwas ungehalten, etwas nervös, so als wolle er es einfach nur schaffen, möglichst schnell den Teller zu leeren. Plötzlich konnte ich beobachten, wie S. Oliver, so will ich in mal nennen, den linken Fuß über den Zehen im Badelatschen abknickte und sogleich begann, heftig mit dem Fuß und Unterschenkel zu wippen und zwar in schneller Folge. Gelegentlich, ganz selten, gab er einen Laut von sich, „Hähhh“ oder „Mhmmm“, genau konnte ich das nicht differenzieren, während die Dame mit der weißen Sandale wegen des Redeschwalls kaum zum Essen kam. Dann muss in S. Oliver unerwartet eine Hitzewelle aufgestiegen sein. Mit einem Taschentuch wischte er sich den Schweiß von der Stirn, von den Schläfen und schließlich wohl auch den in seinem Nacken.
„Hmmm“, oder so ähnlich hörte ich ihn wieder, hörte die Stimme seiner Begleiterin, die Monotonie der Worte und dann war es geschafft. Olivers Teller war leer. Nochmals wechselte eine kleine Scheibe Fleisch die Teller. Auch diese verzehrte der Mann, dessen linkes Knie sich jetzt wieder in zunehmender Frequenz bewegte, in Schwingung gebracht von den Zehen, die in den Badelatschen wippten. Fast gleichzeitig gabelte S.Oliver den restlichen Salat aus der kleinen Schale, die neben seinem Teller stand und hörte seiner Partnerin zu. Wiederum zückte er sein Taschentuch, um sich erneut den Schweiß von der Stirn zu wischen, während die Gabel seiner Partnerin wie schon bekannt, etwa in der vermuteten Höhe ihres Mundes zum Stillstand kam, weil ein Satz, ein Absatz oder mehrere Absätze unbedingt noch ausgesprochen werden mussten.
Als die Teller der Beiden abgeräumt wurden, hatte ich bereits gezahlt. Der Teller der Dame war nicht ganz leer, das konnte ich sehen, dafür war aber eine Geschichte zu Ende erzählt, das vermochte ich nun zu „hören“, denn plötzlich war es still geworden an dem Tisch so schräg gegenüber. Beim Vorbeigehen wollte ich von ihr noch einen Blick erhaschen, doch hätte ich mich dazu doch zu auffällig drehen müssen - also ließ ich es sein.
Alleine Essen zu gehen, kann manches Mal recht unterhaltsam sein – ganz ohne Worte - dachte ich, als ich völlig entspannt und zufrieden wieder auf die Straße trat.