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Gibt es ihn vielleicht doch?

Von tastifix Freitag 12.04.2019, 15:49

In dreitausend Metern Höhe boten die Berge mit den Gletschern und den schneebedeckten, in der gleißenden Sonne wie Diamanten glitzernden Gipfeln einen traumhaften Anblick. Keuchend kämpfte ich mich Schritt für Schritt aufwärts und hörte nur das Knirschen des Schnees unter meinen Füßen. Sonst nichts.
´Wie wunderbar, diese Stille. Wenn es doch nur nicht so eisig wäre!“
Bereits tagelang unterwegs, setzte mir die schneidende Kälte sehr zu.
“Und, falls ich gar nichts sehen sollte ... ?"
Nein, ich würde nicht aufgeben! Ich wollte endlich Klarheit.

Bald erklomm ich ein größeres Plateau. Erschöpft hielt ich inne. Außer Felsen entdeckte ich zunächst nichts. Dann jedoch heftete sich mein Blick auf einen gewaltigen Steinhaufen etwas entfernt von mir.
„Es sieht aus, als ob ihn jemand ...“
Nein, es war nur ein Hirngespinst! Trotzdem stapfte ich darauf zu. In dem Steinhaufen befand sich an der einen Seite ein riesiges Loch, drei Meter hoch und zwei Meter breit. Ich fühlte mich sehr unsicher und doch siegte die Neugierde. Aufgeregt leuchtete ich mit der Taschenlampe hinein und erkannte einen extrem hohen, abwärts führenden Gang. Ich gab mir einen Ruck und folgte ihm. Es ging tiefer und tiefer. Der Gang wurde ständig breiter. Nach einer Weile endete er am Eingang einer gigantischen Höhle. Ich leuchtete die Wände und danach den Boden ab. Vor der hinteren Wand entdeckte ich eine mehrere Meter lange und mindestens zwei Meter breite Kuhle. Mir lief ein Schauder über den Rücken. Wie gehetzt spurtete ich zurück zum Ausgang. Draußen rührte sich nichts. Es war wie immer ...
Ich aber wollte nur noch fort von jenem Unbekannten, dass ich nicht einzuordnen wusste. Doch die Anspannung forderte Tribut, meine Beine zitterten und ich kam nur sehr mühsam vorwärts. Derweil beschäftigte mich etwas, was mich einerseits zu freuen begann und mich gleichzeitig furchtbar ängstigte.
„Wenn an den Gerüchten doch etwas dran ist … ?“
Dann schwebte ich vielleicht gar in Lebensgefahr. Der Gedanke an das eben Erlebte beherrschte mich so sehr, dass ich nicht mehr aufpasste, wohin ich die Füße setzte. Plötzlich krachte der Boden unter mir ein. Ich fiel und fand mich weit unten in einer Gletscherspalte wieder. Panisch krallte ich die Finger in die kalten Wände, wollte mich hochziehen. Vergeblich. Ich saß gefangen in jener weißen Hölle ohne Hoffnung auf Hilfe. Doch ich akzeptierte dieses Schicksal nicht.
„Von oberflächlichen Schrammen abgesehen bin ich unverletzt. Ich muss mir etwas einfallen lassen!“
Eispickel und Seil waren jedoch während des Sturzes verloren gegangen hatte und meine Überlegungen liefen ins Leere. Verzweifelt schrie ich in die Einsamkeit hinauf, wieder und wieder. Meine Stimme wurde schwächer, die letzten Kraftreserven schwanden.

Doch plötzlich horchte ich auf. Von oben dröhnte es, als ob ein Tier einher trampelte. Es wurde immer lauter. Dann war auf einmal wieder Stille. Furchtsam starrte ich hoch. Es sollte der aufregendste Moment meines Lebens werden. Ich erblickte ein solch fremdartiges Gesicht, wie ich es noch nie zuvor gesehen hatte. Es ähnelte dem eines Affens. Die tiefliegenden blauen Augen lagen von weißem Fell fast verdeckt. Die Nase jedoch war für einen Affen zu schmal und der Mund mit den blendend weißen Zähnen ebenfalls.

Das stämmige Wesen maß mindestens 2,50 Meter und war überall mit Zottelfell bedeckt. Gebannt sahen wir uns an.
´Es schaut nicht böse, sondern nur neugierig!`
Nach ein paar Sekunden der Überraschung legte es den Kopf schief, knurrte leise, beugte sich hinunter und streckte mir den Arm entgegen.
´Ich habe keine Wahl! Es ist meine letzte Chance!`
Zögernd klammerte ich mich an ihn. Ganz langsam zog mich das Wesen nach oben. Verängstigt musterte ich es:
„Ob ich als Futter dienen soll?“
Für dies riesige Wesen wäre es ein Leichtes gewesen, mich umzubringen. Stattdessen fuhr es mir zärtlich über die Wange. In mir keimte vage die Hoffnung auf ein Weiterleben.

Tatsächlich trug es mich zu eben der Höhle, die für mich den Beginn dieses Abenteuers bedeutet hatte. Es bettete mich vorsichtig in der Kuhle auf ein Bärenfell und brachte mir einen Steinbecker mit Wasser. Unwillkürlich lächelte ich dankbar und und es ... Tatsächlich: Es erwiderte das Lächeln!
„Er ist ein Mensch!!“
Tief erschüttert war ich mir nun recht sicher, das ich nicht um mein Leben fürchten musste. Aber - würde er mich gehen lassen, zog es mich überhaupt zurück? Ich hatte ja ihn getroffen, dessentwegen in der modernen Welt zahllose Gerüchte kursierten und die Fantasie Purzelbäume schlug.
´Können wir uns vielleicht sogar verständigen?`
Ja, denn wir hatten uns angelächelt.

Erschöpft schlief ich ein. Als ich erwachte, hockte er neben meiner Liegestatt, den Blick fest auf mein Gesicht gerichtet. Wieder lächelte er. Hungrig durchwühlte ich den Rucksack, aber der Proviant war aufgebraucht. Ratlos schaute ich ihn bittend an und führte mehrmals die Hand zum Mund. Er ahmte die Geste nach. Ich nickte, er antwortete mit einem Nicken und reichte mir ein Stück Fleisch. Erleichtert biss ich hinein.
´Wenn er doch sprechen könnte!“
Aber jede seiner Aktionen begleitete nur dieses eigenartige Knurren. Doch wusste ich jetzt, dass er Mimik und Gestik verstand. So zeigte ich ihm das Foto meiner Familie, deutete zuerst darauf und dann auf mich. Aufmerksam betrachtete er es:
„Ob er ahnt, was ich ihm damit sagen will!?“
Fragend blickte ich ihn an. Las ich wirklich Trauer in seinem Blick?
´Er ist völlig allein hier!`
Mitleidig streichelte ich sein weiches Fell. Er sah mich treuherzig an.
´Bestimmt ist seine Familie umgekommen und er hat als Einziger seiner Spezies überlebt!?`
Mich bewegte so viel, aber alles würde für immer offen bleiben. Wenn die Dämmerung einbrach, musste ich Abschied nehmen. Ein Abstieg in aufkommender Dunkelheit wäre Selbstmord gewesen. Es fiel mir sehr schwer, denn ich hatte ihn liebgewonnen.

Einige Zeit später traten wir in die bittere Kälte hinaus. Ich winkte ihn zu mir an den Rand des Abhanges und deutete nach unten.
„Ich muss zurück!“, schluckte ich.
Zum zweiten Male an dem Tag strich er mir sanft über die Wange und knurrte leise. Ich schulterte mein Gepäck und wandte mich zum Gehen. Da geschah etwas, was ich nie mehr vergessen sollte. Er schaute mich beschwörend an. Ich verstand sofort.
„Ich werde für immer schweigen!“, versprach ich mit brüchiger Stimme.
Als ich mich schon ein paar Schritte entfernt hatte, drehte ich mich noch kurz zu ihm um. Ohne sich von der Stelle gerührt zu haben, hatte er mir wohl unverwandt hinterher geschaut. Unsere Blicke trafen sich zu einem aller letzten Gruß. Dann kehrte er mir den Rücken zu und stampfte zurück in die Einsamkeit des ewigen Eises.

Während des gesamten Abstiegs sah ich ihn vor mir, jenen gewaltigen, sanften Riesen aus längst vergangener Zeit.
´Niemand soll dich je bedrängen. Ich werde die Erinnerung an dich tief im Herzen bewahren und meinem Versprechen treu bleiben!`
Immer, wenn ich den Blick über die hohen Berge schweifen lasse, weilen meine Gedanken bei ihm, meinem Freund, dem Yeti.

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