Geschmacksache
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Feierabend-Mitglied
Montag 05.11.2018, 10:48
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Über Musikgeschmack lässt sich ja bekanntlich nicht streiten, auch nicht zwischen Mutter und Sohn? Die beschriebene Begebenheit ist mittlerweile über 25 Jahre her, sie fiel mir aber am Wochenende wieder ein, als mein Enkel Jan mit seinem Vater ein Oldie-Konzert mit Coverbands aus unserer Stadt besuchte. Irgendwie wiederholt sich wohl alles.
„Sohn, ich brauche deine Hilfe“, sage ich ins Telefon. Schwer genug fällt es mir ja, meinen knapp 19jährigen Sohn um Hilfe zu bitten, vor allem in dieser Angelegenheit. Ist mir fast peinlich.
Ich sitze im meinem Büro und könnte heulen. Seit Wochen habe ich 2 Karten für die Essener Oldie - Night in der Gruga – Halle. Und Roswitha, meine Kollegin, mit der ich dahin wollte, vergnügt sich lieber mit Grippeviren und hat sich heute krank gemeldet. Alle bekannten Bands aus den 70er Jahren treten auf, The Troggs, The Equals, Suzy Quatro, The Rubettes, Peter Sarstedt usw. Moderation Uschi Nerke, ja genau, die aus dem Beat-Club.
Allein gehen? Nein, das ist nichts für mich. Aber wofür hat man einen erwachsenen Sohn? Also habe ich ihn angerufen.
„ Mum, ist alles in Ordnung?“ fragt er zurück. Seit er 16 ist, nennt er mich Mum.
„Nein, nichts ist in Ordnung, ich möchte doch heute Abend in die Gruga, Roswitha kann nicht, kannst du nicht mitkommen? Bitte!“ Schweigen auf der anderen Seite. Verständlich, mein Sohn liebt Hardrock, je lauter je lieber und Westernhagen, der damals noch gar nicht sooo populär war und eventuell noch Michael Jackson. Aber Musik aus den Siebzigern?? Nein, danke.
„Mum, bitte sei nicht böse, aber doch nicht solche blöden Gruppen, das ist doch keine Musik, das ist Folter für meine Ohren, das kannst du nicht von mir verlangen, ich würde mich zu Tode langweilen, bitte nicht“.
Ich bettle, ich flehe, und da er seine Mutter liebt, kommt er mit.
Während der Veranstaltung traue ich meinen Augen nicht, mein Herr Sohn äußert Begeisterung, tanzt mit, klatscht rhythmisch und scheint sich wunderbar zu amüsieren. Und als ich so um 1.00 Uhr zum Aufbruch mahne, habe ich alle Mühe, ihn aus der Halle zu kriegen, obwohl jetzt nur noch eine Coverband bis 3.00 Uhr weitermacht.
Am nächsten Abend will ich die Stimmung der vorigen Nacht noch mal erleben, gehe an den Plattenschrank und staune: Alle meine Platten aus dieser Zeit sind weg. Im Zweifel ist immer mein Sohn der Übeltäter. Also geh ich rüber:
Mein Herr Sohn sitzt in seinem Zimmer auf dem Boden hat die Kopfhörer auf und alle meine Scheiben um sich herum ausgebreitet und wippt im Takt.
Ich nehme ihm die Kopfhörer ab und beide mussten wir herzhaft lachen. Wir haben es uns dann in seinem Zimmer auf dem Boden gemütlich gemacht, ein Bier getrunken und Oldies aus den Siebzigern zusammen gehört, übrigens sehr laut, Bässe voll aufgedreht und ohne Kopfhörer.
Und das machen wir gelegentlich sogar heute noch.