Gempenliebe 1
Von
Reineke1794
Dienstag 01.12.2020, 07:35 – geändert Dienstag 01.12.2020, 07:42
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Vorbemerkung: Einen großen Zeitsprung habe ich in der Geschichte, die ich wegen des inneren Zusammenhanges und einer Überlänge aber nicht kürzen will. Eine Liebe kürzen? Wo gibt’s denn so was? Somit gebe ich die Geschichte in zwei Teilen ein: Gempenliebe (1) und Gempenliebe (2)
Gempenliebe 1
Erklären kann ich es nicht, mich eigentlich nur wundern. Wie ist es möglich, dass Erinnerungen sich eines Tages aufdrängen, die Jahrzehnte zurückliegen und im Verhältnis zu den prägenden Stationen des eigenen Lebens so was von unbedeutend sind, dass es schon lächerlich scheint, sie nur zu erwähnen? Die Inhalte dieser Erinnerungen waren keine Weichenstellung, haben keinerlei Bedeutung für den Lebensweg gehabt, würden nicht mal mit einem Hauch in den eigenen Lebenslauf gehören, sind ein Nichts, unbedeutend, wie schon gesagt. Und dann........ja, dann sind sie plötzlich da.
So geht es mir etwa mit einem Ort in der Schweiz. Diesem will ich mich jetzt ganz behutsam annähern, mit all meinen Erinnerungen dazu, weil diese sich, warum auch immer, mir aufgedrängt haben.
47 Grad, 28 Minuten und 40,4 Sekunden Nord der Breitengrad und
7 Grad, 38 Minuten und 49,5 Sekunden Ost der Längengrad, so die offiziellen Koordinaten für den Gempenturm, den G ä m p e , wie er mundartlich auch genannt wird. Der Aussichtsturm mit fünf Etagen wurde 1897 als Stahlwerkturm erbaut, hat 115 Treppenstufen, die zur obersten Aussichtslattform in 28 Meter Höhe führen. Der Gempenturm befindet sich im Kanton Solothurn in einer Höhe von 759 m über dem Meeresspiegel auf dem sogenannten Gempenplateau. Geschichtlich nicht uninteressant ist der Gämpe wegen seiner vielen Höhlen, in denen Werkzeuge aus Stein und Feuerstein sowie Eisen gefunden wurden. Lebten in vorchristlicher Zeit selbst Kelten in dieser Gegend, so waren es später die Römer, die bis zur Mitte des 3. Jahrhunderts hier siedelten. Bis zum Ende des 4. Jahrhunderts waren es dann die Alemannen, die um 500 von den Franken abgelöst worden sind. Nach einer Reihe von Handänderungen – unterbrochen von dem Einfall der Franzosen in Folge der französischen Revolution – und Zukäufen des Kantons Solothurn vom Bistum Basel, wurde Gempen im 16. Jahrhundert Teil des eigenständigen Kantons Solothurn.
Von alledem wusste ich natürlich noch nichts, als ich an einem Tag im Mai, gerade mal 10 Jahre alt, von Aesch aus, einem kleinen Ort, südlich von Basel gelegen, mit Freunden zu einer Wanderung zu diesem Ziel aufgebrochen war. Fünf Kinder waren wir. Zwei Jungen waren etwas älter als ich und das eine Mädchen, etwa so alt wie ich, war die Schwester unseres Anführers, der schon 14 Jahre alt gewesen sein dürfte. Erstmals in meinem Leben habe ich beim Anmarsch auf den Gempen diese unermessliche Freude empfunden, am sehr, sehr frühen Morgen, wenn es noch dämmert, der Tau noch auf den Wiesen liegt, als Wanderer loszuziehen, um ein fernes Ziel, den Gipfel eines Berges anzusteuern. In damals noch sehr einfachen Rucksäcken hatten wir unsere Verpflegung und den Regenschutz untergebracht. Einen sehr langen Weg hatten wir da vor uns, denn wir wanderten nicht über Dornach auf den Gempen, sondern entlang des Flüsschens Birs bis zur Burg Langeneck, wo der Aufstieg begann. Für mich, der die Berge noch nicht kannte, war der Anblick riesiger Felsblöcke entlang des Weges ein beeindruckendes Erlebnis. Teilweise auf schmalen Pfaden, kamen wir an kleinen und dann wieder gewaltigen Höhlen vorbei, die ein gelegentliches Prickeln, leichte Schauer bewirkten, wenn wir in die eine oder andere hineingingen oder in kleinere gar ein Stück weit hineingekrochen sind. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich da auch richtig tiefe Schluchten gesehen und das Kribbeln verspürt, wenn links oder rechts des Weges sich ein steiler Abhang auftat. Unter der Leitung unseres selbsternannten Anführers marschierten wir allerdings auch nicht immer entlang der ausgewiesenen Wege, sondern verließen diese aus Neugierde, vielleicht auch aus Abenteuerlust, das eine oder das andere Mal, wie ich zugeben muss.
Jahre später, wenn ich in Büchern etwas über riesige Wälder las, Felswände, tiefe Schluchten, gefährliche Abhänge oder gewaltige, vielleicht auch geheimnisvolle Höhlen, dann hatte ich immer Bilder vor Augen, die ich auf dem Weg zum Gempenturm in mir aufgenommen hatte. Karls Mays „Im wilden Kurdistan“ spielte sich beim Lesen in meiner Fantasie hier am Gempen ab. Die Geschichte in der Höhle mit dem Indianer Joe, mit Huckleberry Fin und Tom Sawyer in dem Buch von Mark Twain, spielte in meiner Vorstellung selbstverständlich in einer der mächtigen Höhlen auf dem Gempen. Diese Wanderung hinauf zum Gempenturm ist mir Zeit meines Lebens in wunderbarer Erinnerung geblieben, so dass dieser Berg für mich immer ein Ausdruck für das Geheimnisvolle, das Abenteuer, die Sehnsucht nach der Fremde, nach dem Unbekannten und die Sehnsucht überhaupt, geblieben ist. Die Zuneigung zu diesem Berg wurde nur noch übertroffen von einem Ereignis, das mich noch mehr überwältigt hat als alles bisher Erlebte und Gesehene. - Dieses Ereignis, wie ich es nenne, dieses Erlebnis, dieser Blitz und Donner - es war ein Mädchen.
Eben dieses Mädchen, die Schwester unseres Anführers, war bei unserer Wanderung hinauf zum Gempenturm dabei. Aufgefallen war es mir natürlich schon vorher, wohnte es doch nur wenige Häuser weiter und traf ich es auch häufig vor dem kleinen Quellbrunnen mit den anderen Kindern an der Hauptstraße in Aesch, wo ich seit etwa zwei Monaten lebte. Wie ein Junge verhielt es sich, trug wie wir Jungen, die damals hochmodischen Shoothosen – eigentlich nur schlichte Turnhosen, meist dunkelblau mit Gummiband – und dazu ein Kringelhemd, das sich durch den Wechsel von weißen und blauen Querstreifen auszeichnete oder roten und weißen Balken. Wir Jungen hatten zur Steigerung unseres Outfits gelegentlich noch einen Gürtel durch die Schlaufen der Turn-, Pardon, die Shoothose gezogen, so dass das Gummiband eigentlich überflüssig war.
Dunkelblonde Haare hatte das Mädchen und diese waren in einer Weise geschnitten, wie man die Frisur bei Prinz Eisenherz aus Comicheften kennt. Meine Größe etwa hatte sie und war so was von reizend in ihrer Art, dass ich sehr bald merkte, nicht nur einen Spielkameraden gefunden zu haben. Natürlich hatte ich schon vor der Wanderung versucht, diese quirlige und so hübsch anzusehende Vertreterin des anderen Geschlechts, mit allerlei Handlungen zu beeindrucken. So hatte ich mir aus Weidenästen Pfeil und Bogen gebastelt und meine Schießkünste vorgeführt, hatte ich Geländespiele im Wohnumfeld organisiert, eine Lotterie mit einer Tafel Schokolade als Hauptgewinn auf den Weg gebracht, zusammen mit ihr die Lose dann im Freundeskreis und in der Nachbarschaft für ein paar Rappen verkauft und ähnliche kindliche Mätzchen.