Gempenliebe 2
Von
Reineke1794
Dienstag 01.12.2020, 07:39
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Reineke1794
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Der Höhepunkt meiner Bemühungen um dieses Mädchen ergab sich aber bei der Wanderung auf den Gempen. Mehrmals gelang es mir, ihre Aufmerksamkeit über größere und kleinere Mutproben zu gewinnen, doch viel schöner noch war, wenn ich neben ihr marschieren konnte, wenn ich scheinbar ganz aus Versehen mit meiner Hand die ihre berührte und wenn ich bei Pausen, mich neben sie ins Gras legen oder auf einen Felsenstein setzen konnte. Was war das für ein herrliches Gefühl, wenn sie mich anlächelte? Wie hübsch war es, wenn sie meinen Namen in ihrem Schweizer, bzw. Basler Dialekt aussprach? Ja, und dann muss es passiert sein. Wir hatten eine kleine Rast eingelegt. Wie selbstverständlich saß ich neben ihr auf felsigem Untergrund. Ihr Bruder warf ihr einen Apfel zu, denn er hatte den Proviant für beide in seinem Rucksack. Sie fing den Apfel geschickt auf, jedoch nahm ich das plötzlich in einer, mir selbst völlig fremden Weise wahr. Ich weiß gar nicht, ob man zu jener Zeit schon das filmische Mittel der Zeitlupe entdeckt hatte. Jedenfalls sah ich den Vorgang des Fangens in einer Art Zeitlupe, lief dies in einer Weise vor meinen Augen ab, wofür ich das Wort noch gar nicht kannte. Es war die Anmut ihrer Bewegungen, so, wie sie einem nur ganz, ganz selten mal begegnet. Gelacht hat sie dabei nicht, doch ein so feines Lächeln lag auf ihrem Gesicht, so dass ich wie gebannt auf dieses gestarrt haben muss. Und dann fielen sie mir auf, die hübschen Sommersprossen auf und um die Nase herum, die ich bestimmt schon so oft gesehen hatte, sah ich, welch schöne, lange Wimpern sie hatte und bemerkte voller Staunen, wie wunderschön ihre Oberlippe geschwungen war, vergleichbar einem Bogen der Kämpfer von Dschingis Khan und nicht wie der meine, den ich mir aus einem Weidenast gefertigt hatte. Auf meinen Ohren spürte ich einen eigenartigen Druck und in meinem Brustraum schien es zuzugehen wie in einem Bienenkorb, aus dem alle Bewohner gleichzeitig auszubrechen versuchten, um vielleicht den süßen Nektar zu sammeln und dann zurückzubringen an das Ziel, etwa dorthin, wo es schlug, so kräftig und so schnell und so freudig - mein Herz. Gleichzeitig jedoch überfiel mich ein Gefühl, das ich im Nachhinein als eine Art von Trauer beschreiben würde oder besser, als eine unbestimmbare Sehnsucht. Ja, ein Gefühl von Glück und Sehnsucht im selben Moment, das kommt diesem Zustand wohl näher, in dem ich mich befand. Ich merkte, kein Handelnder mehr zu sein, sondern jemand, dem etwas geschieht, jemand, der ausgeliefert zu sein scheint, ausgeliefert einer Flut von bisher unbekannten Gefühlen. Beunruhigend war dies und gleichzeitig wunderschön. So richtig klar war mir natürlich nicht, was mit mir geschehen ist. Heute kann ich es klipp und klar benennen: ICH HATTE MICH VERLIEBT.
Und jetzt bin ich wieder hier, hier oben auf dem Gempen. Viele Jahrzehnte sind vergangen.
Von Dornach aus bin ich heraufgewandert. Der Aufstieg war zwar anspruchsvoll, doch nicht vergleichbar mit dem langen Weg vor so vielen Jahren, der an der Burg Langeneck vorbeigeführt hatte. Weder an Höhlen bin ich vorbeigekommen, noch gab es Abschnitte auf dem Weg, die irgendwie gefährlich schienen. Oben angekommen, scheint sich über all die Jahre an dem Gasthaus äußerlich nichts verändert zu haben. Am Gempenturm gibt es allerdings eine Änderung. Will man ihn besteigen, so gibt ein Drehkreuz den Weg nur frei, wenn man einen Franken in den Automaten wirft. Ganz anders war das noch, als wir Kinder vor diesem Turm gestanden haben. Wenn ich mich richtig erinnere, saß damals eine alte Frau in einem Unterstand und kassierte ein paar Rappen, wollte man auf den Turm. Für uns Kinder war der Betrag damals jedoch zu hoch, so dass ich dieses entgangene Erlebnis nun Jahrzehnte später nachholen will. Zu meinem Entsetzen muss ich feststellen, dass mir bei dem Aufstieg ein wenig mulmig wird, da das Stahlgerüst relativ nahe an den steilen Abhang des Berges gebaut worden war.
Der Blick rüber nach Arlesheim, Dornach, Aesch, Pfeffingen und auch in Richtung Grellingen, lässt ganz schwach wieder Erinnerungen aufsteigen, doch bin ich letztlich froh, als ich den Turm verlassen kann. Nein, diese Begeisterung von damals vermag ich beim besten Willen nicht mehr einzufangen, so intesiv ich mir auch alles im Umfeld der Bärgbeiz Gempenturm angesehe.
Der Rückweg nach Dornach ist komfortabel. Nicht mehr marschieren muss ich, sondern sitze in einem roten Sportwagen. Neben mir am Steuer eine Frau mit kurzgeschnittenen, grauen Haaren, die den Wagen schwungvoll durch die engen Kurven auf dem Weg nach Dornach lenkt. Ich schaue von der Seite auf das noch immer schöne Gesicht, sehe die Lachfalten in ihrem Augenwinkel, erkenne die Augenfarbe wieder, die Form des Mundes. - Obwohl sie sehr sicher zu fahren scheint, werde ich in den Kurven immer mal wieder ein wenig in meinem Sitz hin und her bewegt. Sie dürfte so alt sein wie ich, erinnere ich mich. „Etwa eineinhalb Jahrhunderte karren da zusammengezählt in einem roten Flitzer den Berg hinunter“, kommt es mir in den Sinn. Mit etwas Wehmut blicke ich ein weiteres Mal zu ihr hinüber. Ihre rechte Hand löst sich vom Lenkrad, fasst nach meiner. Die Finger unserer Hände liegen aufeinander, um sich dann zu verschränken, so als gelte es den Augenblick festzuhalten. Dann lässt sie los, schaltet mit der rechten Hand wieder einen Gang runter, denn die Strecke ist jetzt sehr kurvenreich und eng. Während dieser Fahrt ins Tal sehe ich im Seitenspiegel noch einmal den markanten Turm des Gempen, wie er da so mächtig und knapp, fast schon sinnbildlich, vor dem Abgrund steht, wie er jetzt zu schrumpfen scheint, gleichsam den alten Erinnerungen, die langsam verblassen.
Plötzlich ein heftiger Ruck. Mein Kopf schwingt nach vorne. Völlig unerwartet, mich beinahe aus der Fassung bringend, steht sie plötzlich auf – sie, meine Nachbarin. Ich starre sie an. Ihre rechte Hand fasst nach dem Griff oberhalb des Kopfteils der Sitzreihe vor uns. Nicht in einem rassigen Sportwagen finde ich mich wieder, sondern im Bus mit der Nummer 67, der die meisten Fahrgäste vom Gempen nach Dornach bringen wird. „Uf Wiederluege“ oder so ähnlich, höre ich aus ihrem Mund. Dann wendet sie sich ab, um zum mittleren Ausgang des Linienbusses zu gelangen, denn die Haltestelle Dornach Kirche wird angezeigt. Beim Aussteigen blickt sie noch einmal kurz zu mir herüber, schmunzelt, nein lächelt mich unverhohlen an, so dass ich fast verlegen werde. Habe ich im Schlaf gesprochen? Habe ich sie berührt, mich an sie gelehnt? Habe ich im Schlaf nach ihrer Hand gefasst? Erfahren werde ich dies nie mehr. - Eines kann ich aber wohl mit Sicherheit ausschließen, dass sie, meine erste Liebe, meine Gempenliebe, da ganz zufällig neben mir gesessen hat - oder etwa doch?