Fritz heißt mein großer Bruder
Von
Muehlbachhexe1
Dienstag 20.11.2018, 18:44 – geändert Dienstag 20.11.2018, 18:51
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Von
Muehlbachhexe1
Dienstag 20.11.2018, 18:44 – geändert Dienstag 20.11.2018, 18:51
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Neun Jahre war er alt, als ich geboren wurde. Er hatte sich sehnlichst einen zweiten Bruder gewünscht, weinte bitterlich, als er gesagt bekam, daß das neue Geschwisterchen nur eine blöde dritte Schwester war und versteckte sich in seinem Elend stundenlang hinter der Schlafzimmertür.
Weil das auch nix an meinem Geschlecht änderte, beschloß er, mich einfach zu ignorieren, während ich ihn– so erzählt man sich – vom ersten Tag meines Daseins an, anhimmelte.
Ständig versuchte ich, seine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken und sobald ich mich auf meinen, durchaus stämmigen, Beinchen halten konnte, lauerte ich ihm förmlich auf und folgte ihm wie ein Schatten. Da konnte er mich abhängen so oft er wollte, ich buhlte unverdrossen weiter. Was war ich ihm peinlich!
Erst als meine Familie in`s Niederbayrische zog und sich alle unsere Geschwister in der Weltgeschichte verteilten und nur wir zwei noch auf unserem Bauernhof übrigblieben, mußte er mich endlich zur Kenntnis nehmen.
Vier Jahre war ich alt, als er mich zum ersten mal auf den Bulldog stellte, den ich dann im Kriechgang in der Spur hielt, während er den Hänger mit Gras belud.
Später holten wir Heu und Getreide ein- mein Bruder gabelte die Ballen hoch, ich stapelte bis zum Anschlag, er bretterte mit einem Affenzahn in Richtung heimatliche Scheune, ich krallte mich auf der kriminell schwankenden Fuhre fest und hatte doch nie Angst- mein Vertrauen in meinen Bruder war grenzenlos.
Wir schrubbten gemeinsam die Stallfliesen, traten- unter Absingen sämtlicher Freddy Quinn Schnulzen- tagelang Silage ein, rasten im nächtlichen Gewitterregen in Nachtgewand und Gummistiefeln über die Felder und fingen unsere ausgebüxten Kühe. Wir erzählten uns Witze beim Kartoffel legen und suchten Engerlinge um die Wette beim Kartoffel klauben. Einmal, als uns ein Hagelschauer überrascht hatte, lagen wir gemeinsam unterm Mähdrescher und mein Bruder nahm mich schützend in die Arme und witzelte mir mit Anekdoten meine Angst weg.
Er klaute beim Nachbarn Himbeeren für mich und ich hörte mir am Sonntag, während er in der Dorfkneipe ein Bier trank, die Predigt in der Kirche an um ihm die richtigen Stichworte zu liefern, weil unser Vater die lästige Angewohnheit hatte, uns dazu hochnotpeinlich zu befragen.
Wir lieferten uns Wettrennen um die ersten Frühzwetschgen und während wir gemeinsam auf dem Baum saßen und uns die Bäuche vollschlugen, philosophierten wir über Gott, die Welt, und die Rolling Stones.
Fritz schenkte mir meine allererste Schallplatte- Sheila von Tommy Roe – und eine Taschenlampe, damit ich unter der Bettdecke lesen konnte. Ich strickte ihm Pulswärmer und Schals und eine Mütze und er trug sie tatsächlich auch in der Öffentlichkeit.
Er brachte mir bei mit zwei Fingern zu pfeifen, Zigaretten in der Jackentasche zu drehen, fuhr mich vier Kilometer auf seiner „NSU TT Quickly“ , damit ich mir für 20 Pfennig ein Jopa-Eis holen konnte, saß treu im Publikum, als ich bei einer Schulfeier meinen großen Gesangsauftritt hatte- „Geh`n sie aus, am Stadtpark die Laternen“- und versicherte mir danach glaubhaft, daß mein Sangespartner – der Heinzi – bei Weitem nicht so brilliert hat, wie ich!
Er nahm mich jeden Samstagabend mit zum Tanzen und brachte sich damit um viele Gelegenheiten, mit seiner jeweiligen Freundin im Auto zu knutschen oder so.
Bei jedem Weh und jedem Kummer war mein Bruder meine Anlaufstelle. Er stand bedingungslos hinter mir und drohte jedem "Deppen", der es wagte seiner kleinen Schwester weh zu tun, fürchterliche Sanktionen an- mein freundlicher, sanftmütiger und hilfsbereiter Fritz, der keiner Fliege etwas zu leide tun konnte- und ich war getröstet.
Er ließ mich nächtelang in seinem Bett schlafen als unsere Mutter starb und er hielt meine Hand, als wir uns von unserem Vater verabschieden mußten.
Er war mein Trauzeuge und ich bin die Taufpatin seiner Tochter.
Wir feierten viele lustige Feste miteinander, nahmen uns gegenseitig kitschige Videofilme auf, telefonierten regelmäßig um die neuesten Nachrichten aus dem Familienkreis auszutauschen und genossen, nur wir beide, unsere Fahrten in den Bayrischen Wald.
Fritz war der Held meiner Kinder- und Jugendjahre, er war in schwierigen Zeiten mein Schutz und mein Halt und hat mein Männerbild geprägt.
Vor fünf Jahren ist er, so still wie er gelebt hat und „ohne große Umstände zu machen“ gestorben.
Ich vermisse ihn immer noch unendlich, aber ich weiß, daß er es sein wird, der mich erwartet, wenn ich über die Grenze gehe. Ich muß keine Angst haben, denn mein großer Bruder wird mich an der Hand nehmen und für immer bei mir bleiben.