Fluchtpunkt
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Feierabend-Mitglied
Samstag 28.11.2020, 09:14
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Wenn ich in meiner Kindheit Ruhe suchte, Zuwendung brauchte oder emotional auftanken musste, gab es einen Fluchtpunkt, an den ich mich mit Liebe und Dankbarkeit erinnere. Wir hatten einen Tante Emma Laden, unsere Aufgabe als Kinder war es, telefonisch bestellte Ware sehr alten Kunden nach Hause zu bringen.
So hatte ich mit 6 Jahren den ersten Auftrag und brachte Ware zu einer Frau Meißner, die in unserem Haus wohnte. Ich klingelte, eine alte Frau öffnete, die mir dankbar alles abnahm, mir das Geld gab, meist 0.20 Pfennig mehr und eine kleine Packung Kekse. Ihr immer warmes Lächeln war wie ein Sonnenschein für mich, der mitten in meine Kinderseele fiel. Nach 3 oder 4 solcher Besuche fragte sie, ob ich nicht hereinkommen und eine Tasse Kakao mit ihr trinken möchte. Oh wie gern, aber ich musste erst alles erledigen und dann würde ich wieder kommen, wenn ich darf. "Ich freue mich," sagte sie und ich beeilte mich mit klopfendem Herzen. Als ich wieder kam führte sie mich in ihr Wohnzimmer und ging in die Küche, um den Kakao zu holen. Schüchtern stand ich auf dem Teppich und sah mich um. Am Fenster stand eine alte Nähmaschine, sie muss mitten bei der Arbeit gewesen sein. Dann bewunderte ich die alten Möbel, Decken und Kissen auf dem Sofa, ein großer Teddy thronte darauf, es war gemütlich und warm. Mein Blick fiel auf ein riesiges Buch mit einem Goldeinband und einem kunstvollen Metallverschluss, sie hatte es aus dem untersten Regal gezogen, es lag geheimnisvoll auf dem Teppich vor mir. Dazu stellte sie meinen Kakao auf ein kleines Tablett.
"Darf ich es öffnen?"fragte ich. "Aber ja, dafür liegt es nun vor dir. Es ist eine Bilderbibel, die ich noch von meiner Großmutter habe." Behutsam öffnete sie den Verschluss und schlug den Einband auf. Ich versank in den Bildern, noch nie hatte ich so etwas gesehen. Ich brauchte beide Hände zum Umblättern, damit ich nichts beschädigte, das Buch war etwa ein Meter mal 40 cm groß. Es gab viele Engel, Jesus saß mit gütigen Augen im Kreis vieler Kinder, Jesus bei Sturm auf dem Wasser, Jesus am Kreuz, ich konnte mich nicht sattsehen und ein paar Tränen flossen. Ich hatten eine Bibel zu Hause, es war ein Buch nur mit Buchstaben, wir Kinder durften sie nicht anfassen. Vater las manchmal schaurige und bedrohliche Kapitel aus dem alten Testament vor, da gab es keinen Jesus und nichts, was mich wärmte. Immer nur einen strafenden Gott.
Frau Meißner saß wieder an der Nähmaschine, sie nähte nicht, sie sah mir nur zu. "Wenn du etwas wissen möchtest, dann frag mich, ich erzähle dir gern die Geschichte zu den Bildern." Ich ging in diesen Bildern spazieren, lauschte auf ihre warme Stimme und vergaß die Zeit. Irgendwann sagte sie:"Du musst nach Hause, sonst gibt es Ärger." Ich war erschrocken und fragte nur: "Darf ich wiederkommen?", sie streichelte mir über den Kopf und meinte: "Immer und jederzeit gern."
Seit diesem Tag ist in mir während meiner ganzen Kindheit eine schmerzliche Sehnsucht geblieben, die ich erst viel später verstand.