Es begnn so harmlos und wurde so peinlich ...
Von
tastifix
Dienstag 26.11.2019, 14:16 – geändert Freitag 29.11.2019, 23:58
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tastifix
Dienstag 26.11.2019, 14:16 – geändert Freitag 29.11.2019, 23:58
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Als ich 15 Jahre alt war, fuhren meine Eltern in den Ferien mit mir auf einen Gutshof im Münsterland. Dort trabte, trippelte, kroch und flog alles herum, was mein Herz begehrte. Sehr schnell hatte ich Lieblingstiere gefunden. Auf der Weide grasten nämlich mehrere Pferde und vor dem Gutshaus tobte übermütig eine Hundemeute. Es waren 21 Dalmatiner, die wohl mit dem Gutsherren auf die Jagd gingen. Ich war hellauf begeistert. Angst vor Hunden und Pferden kannte ich nicht.
Zunächst mischte ich mich unter die Hunde, die mich vor Freude fast umwarfen. Einer hatte es mir besonders angetan. Es war kein schöner Hund, doch einer mit besonders viel Charme. Wir schauten uns an und es war passiert. In den nachfolgenden Tagen folgte mir Othello auf Tritt und Schritt überall hin. Wir gingen spazieren, er lief bei Fuß. Blieb ich stehen, stellte er sich neben mich und lehnte sich zärtlich gegen mein Bein. Setzte ich mich auf eine Bank, legte er mir den Kopf aufs Knie und sah mich unverwandt an. Seine innige Zuneigung rührte mich tief. Zwischen uns brauchte es weder Worte noch Bellen.
Am Tag darauf freundete ich mich mit einem der Pferde an. Es hieß Alibaba und war ziemlich temeramentvoll. Auf dem Gutshof wurde auch Reitunterricht gegeben. Hartnäckig bestürmte ich meine Eltern so lange, bis ich mitmachen durfte. Jeden Morgen verteilte ich im Stall Streicheleinheiten. Alibaba begrüßte mich stets mit lautem Wiehern. So traute ich mich, seine Box zu betreten und mit ihm zu schmusen. Er pustete mir zärtlich warme Luft in den Nacken und versetzte mir einen liebevollen Stups mit dem Maul. Damit war unsere Freudnschaft besiegelt.
Für mich stand fest, dass ich Alibaba reiten würde. Nach den ersten zwei Unterrichtsstunden war dem klar, dass ich blutige Anfängerin war, also das Glück auf seinem Rücken noch völlig von seiner Willkür abhing. Wir übten eine Volte. Nach wenigen Minuten fand mein Freund unter mir die Angelegenheit reichlich langweilig und suchte nach einer fixen Methode, mich in die unteren Gefilde zu befördern. Er wollte über seine Weide flitzen und nicht Zirkuspferd spielen. Urplötzlich machte er einen kleinen Hopser. Prompt verlor ich den Halt und flog in hohem Bogen in die piekenden Sägespäne, wo ich völlig perplex liegen blieb. Mein Pferd hatte sein Ziel erreicht.
Aber weil wir Freunde geworden waren, tat ich ihm dort so tief unter ihm anscheinend doch leid. Jedenfalls rührte er sich nicht von meiner Seite. Es schien, als würde er bewusst darauf achten, mich ja nicht aus Versehen zu treten. Aus den schönen Augen traf mich ein schelmischer Blick.
„Na warte!", rappelte ich mich auf und kletterte ächzend zurück in den Sattel.
Hiermit hatte er wohl nicht gerechnet, bockte ein zweites Mal, aber nun ohne Erfolg. Aus Erfahrung lernt man.
„Denkste, nicht nochmal mit mir!", raunte ich ihm ins gespitzte Pferdeohr.
Ob er es wohl verstand? Blitzschnell zog ich die Zügel straff. Ein kurzes Aufmucken, dann gab er klein bei. Stolz thronte ich auf seinem Rücken, dirigierte ihn linksherum, dann rechtsherum, trieb ihn an zum Trab und sogar zum Galopp. Er gehorchte auf den kleinsten Schenkeldruck. Ich hatte gewonnen.
Der Urlaub hielt noch eine dritte Überraschung für mich bereit. Eine Familie aus Hamburg traf ein. Mutter, Vater und ein 15-jähriger Sohn, Hans-Otto mit Namen. Unsere Eltern verstanden sich auf Anhieb. So verbrachten er und ich viel Zeit miteinander. Ich bewunderte ihn maßlos. Hans-Otto sah nett aus, hatte blitzblaue Augen, eine sehr schöne Stimme und - ein eigenes Reitpferd und das gab für mich den Ausschlag. Zunächst fand ich ihn nur nett und dann immer netter. Mein Herz begann heftig zu klopfen, sobald er mich ansah. Wir liefen Hand in Hand. Jeden Morgen brachte er mir unter dem Zimmerfenster ein Ständchen. Ich strahlte vor Stolz. Wir wurden unzertrennlich und unternahmen alles gemeinsam.
Dann kam der schicksalsschwere Tag, an dem sich unsere junge "Liebe" beweisen musste. Wie immer strolchten wir auf dem Gut umher und hatten Spaß. Plötzlich trippelte aus einem Gebüsch am Wegesrand auf vier niedlichen weißen Samtpfoten eine kleine Katze auf uns zu, umstrich miauend unsere Beine, wollte offensichtlich schmusen und dachte nicht daran, sich mit nur einer kurzer Vorbeigeh-Krauleinheit zufriedenzugeben: Nein, erstens so nicht und zweitens langweilte sie sich. Darum schloss sie sich uns an. Es war aber Abendbrotzeit und wir mussten zurück. Wie mir es mit Tieren immer ergeht, erging es mir auch damals: Erst kraulte ich, dann spielte ich und danach landete das Mini-Kätzchen prompt auf meinem Arm. Hans-Otto war fast abgemeldet. Zumindest fühlte er sich wohl so, denn er lief ein wenig verunsichert neben mir her. Eine Viertelstunde lang hörte er ja nur noch:
„Ist die nicht süß? Guck mal die Äugelchen, die niedliche Schnute und die putzigen Pfoten usw. ... "
Der Arme!
Wir betraten die Gaststube und fanden unsere Eltern in ein intensives Gespräch vertieft vor. Ich stand dort mit Hans-Otto an der Hand und dem schnurrenden Kätzchen auf dem Arm, strahlte und war in meiner Begeisterung nicht mehr zu bremsen. Meine Eltern sollten an meinem Glück teilhaben und Hans-Ottos Eltern auch. So posaunte ich es in Lautstärke 300 heraus, damit auch wirklich alle hören sollten, wie sehr ich mich freute und verkündete:
„MUTTI, VATI, EENDLICH HABE ICH EINEN BETTGENOSSEN!"
Ich erwartete, dass sie sich mit mir freuen würden. Stattdessen herrschte Totenstille neben mir, am Tisch und auch in der weiteren Runde. Mein Jubelschrei war nicht zu überhören gewesen. Es wusste jetzt jeder Bescheid. Hans-Otto starrte mich entgeistert an, meine Eltern guckten noch entgeisterter und seine Eltern saßen dort mit versteinertem Gesichtsausdruck und bekamen ihre Mimik nicht unter Kontrolle. Soo eine entsetzliche Eröffnung und das vor sämtlichen Gästen des Hauses. Mein Gott, wie peinlich! Ihnen blieb allein, die Koffer zu packen und schnellstens abzureisen.
Mutter und Vater erwachten langsam aus der Erstarrung. Ich hatte mich unmöglich daneben benommen. Es bedurfte einer heftigen Gardinenpredigt. Mutti wollte gerade eine wohlgesetzte Rede vom Stapel lassen, als ich, völlig verdutzt wegen ihrer total unerwarteten Reaktion, noch hastig an Erklärung anhing:
„Ach, die ist so süß. Die darf heute bei mir schlafen!"
Ich schielte zu Hans-Otto. Ihm schien gerde ein Fels von der Seele geplumpst zu sein. Ein Blick zu meinen Eltern, dann zu seinen: Sie hatten doch gerade erst zu diszipliniertem Benehmen zurückgefunden. Doch jetzt fiel den Vieren die Kinnlade runter. Sie schämten sich sichtlich in Grund und Boden, versuchten aber betroffen, es mit einem verlegenen Lächeln zu überspielen.
„ACH DU Grüne Neune! WIE HABEN WIR ABER NUR ANNEHMEN KÖNNEN, DASS ... ?"
Die Zeit heilt ja alle Wunden, auch die, die man sich selber zugefügt hat. So wurde nach einigen, ja wohl mehr als angemessenen Reue-Minuten aus dem Lächeln ein befreites Lachen, dass dann in einem lauten Gelächter gipfelte. Das Kätzchen verschlief eine gemütliche Nacht bei mir im Bett. Als ob nichts gewesen war, brachte mir Hans-Otto am nächsten Morgen wieder ein Ständchen.