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"Elfriede, die Geißen sin bockisch!"

Von Feierabend-Mitglied Mittwoch 11.11.2020, 07:11

"Elfriede, die Geißen sin bockisch!"

In den meisten saarländischen Berg- und Hüttenarbeiterfamilien auf dem Land war eine kleine Nebenerwerbslandwirtschaft unverzichtbar zum überleben. So auch bei uns. Dabei spielten Ziegen, im Saarland Geißen genannt, eine wichtige Rolle. Jede Geiß lieferte zwischen drei und vier Liter Milch am Tag und nach etwa sechs Jahren gut vierzig Kilo Fleisch für die Salami-Produktion. Das Fleisch einer sechs Jahre alten Geiß eignete sich nicht zu einem Braten. Es wurde zu Hackfleisch durchgedreht , mit der gleichen Menge Hack vom Schweinebauch vermischt und zu einer würzigen Salami verarbeitet, die noch vier bis sechs Monate mit den Schinken, Schweinebauch und Speck im Rauchhäuschen hing. Aber ich greife vor.

Jedes Jahr im Herbst wurden Brennnessel geschnitten und zusammen mit Futterrüben gehäckselt. Diese Vitaminbombe, angereichert mit einer Schaufel Haferschrot bekamen unsere beiden Ziegen zu fressen und sie verfehlte niemals die angestrebte Wirkung. Spätestens nach acht Tagen erschien Papa, der die Ziegen täglich beobachtet hat in der Stube und verkündete: "Elfriede, die Geißen sin bockisch!" Geißen sind normalerweise friedvolle Tiere, aber in Zeiten, in denen sie „bockig" sind machen sie diesem Ausdruck alle Ehre.

Etwas außerhalb des Dorfes hatte der Weber Helmut sein Häuschen und daneben den Bockstall. In ihm stand ein imposanter, gräßlich stinkender, angriffslustiger Geißenbock. Waren die Geißen bockig, was sich durch lautes, ständiges Gemecker bemerkbar machte, mußten sie schnellstmöglich zum Bock gebracht werden. Mit einem Strick um den Hals durchs Dorf führen, so, wie wir Kinder die Geißen zum hüten führten, das war in dem Zustand nicht möglich. So wurden der Geiß kurzerhand die beiden Vorderbeine zusammengebunden und sie wurde in einen Ziehwagen, auch Bollerwagen genannt, hineingestellt. Mein Bruder und ich zogen den Wagen, die Mama hielt die Geiß an einem kurzen Strick fest, ging neben dem Wagen her und redete beruhigend auf die meckernde Geiß ein.

Beim Bockstall angekommen wurde der Strick von den Vorderbeinen gelöst und die Geiß vom Wagen geholt. Aus dem Bockstall kam ungestüm der große, gehörnte Geißenbock, schnüffelte am Hinterteil der Geiß und tat dann, wofür sein Halter blanke 5 neue Franc kassiert hatte. Nach zehn Minuten war alles vorbei und die Geiß ließ sich, im Gegensatz zum Hinweg auf dem Heimweg lammfromm am Strick nach Hause führen. Was unsere Mama zu dem für uns Kinder unverständlichen Spruch animierte: "So en Geiß hat jo aach Gefühl im Leib".

Aus dem „ Gefühl im Leib " wurden nach rund hundertfünfzig Tagen meist zwei Zicklein. Zu Ostern und Pfingsten erschien, während wir Kinder in der Schule waren, der Steins Karli, schlachtete und die Zicklein hingen, wenn wir nach Hause kamen abgezogen an zwei Haken in der Scheune. An den Feiertagen landeten sie in der Bratröhre, waren sie Geißlein, dann wurden zwei alle drei oder vier Jahre als Nachwuchs für den Stall behalten, die Alten wurden geschlachtet, wenn die Jungen geschlechtsreif waren.

Die Zeiten der Nebenerwerbslandwirtschaft und somit die Zeiten der Geißen ging etwa 1960 nach dem Anschluß des Saarlandes an die BRD und dem Einzug des Wirtschaftswunders zu Ende. Es war das Ende einer armen, aber weiß Gott nicht der schlechtesten Zeit.

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