Eine Prüfung wie keine zweite
Von
tastifix
Montag 28.08.2023, 08:53 – geändert Montag 28.08.2023, 13:27
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tastifix
Montag 28.08.2023, 08:53 – geändert Montag 28.08.2023, 13:27
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Schon seit Monaten hat Sven von morgens bis abends gebüffelt ...
Wegen der für Schüler ziemlich unüblichen intensiveren geistigen Betätigung raucht ihm inzwischen der Kopf.
´Egal, ich schaff das!`
Zu seinem Glück überfliegt er nicht noch zum 15. Male das Kapitel über Logarithmen. Sonst würde er seufzen:
„Schaff ` das ja doch nicht!!“
Heute ist der Tag, an dem es sich entscheidet …
Als er am Ort des Schreckens eintrifft, hocken vor der Abiprüfungsfoltertür schon mehrere vor Aufregung nassgeschwitzte Jammerlappen. Aus Angst geweiteten Augen scheinen sie die besagte Tür anzuflehen, den Raum dahinter doch im Nebel der Gnade vor Recht verschwinden lassen. Aber gemein bleibt alles, wie es ist. Ein paar Kameraden fixieren betreten ihre Schuhspitzen. Sven folgt ihrem Blick:
´Nee, nen Spickzettel ist da nicht eingeritzt!`
Vielleicht hoffen diese Kandidaten für die geistige Schlachtbank, dass sich der Boden öffnet. sie sich noch in letzter Sekunde durch einen unterirdischen Tunnel davon stehlen können und ihnen so der bevorstehende Gang ins Farbe-bekenn-Zimmer erspart bleibt.
´Ich hab zu oft geschwänzt. Pythagoras, was ist das nur??`
Auch Sven beherrscht lähmende Unsicherheit. Beklommen klemmt er sich auf einen der schmalen wackligen Stühle, der prompt bedrohlich knarrt. Sven vermeidet jede Bewegung, damit jenes Uralt-Ding nicht auseinander bricht und es zu einem schmerzhaften Fliesenrendezvous kommt. Im schlimmsten Falle in einer Ohnmacht endend. Der ist er sowieso gefährlich nahe.
´Die spare ich mir besser für drinnen auf. Wäre vielleicht hilfreich!`
Wie bringt er es jetzt nur noch, als halbwegs anständiger Schüler solch frevlerischen Plan in Betracht zu ziehen? Aber, sich dafür zu schämen, fällt ihm nicht ein.
Die Pforte zur Prüfhölle öffnet sich und das aufmunternd lächelnde Gesicht seines Mathelehrers lugt um die Ecke.
„Herr Merker, Sie sind dran!“
´Nomen ist ja eigentlich Omen!`, versucht der sich Mut zuzusprechen.
Angespannt folgt er dem Lehrer. Vor ihm sitzen ernster Miene die Prüfer. Kritisch mustern sie ihn durch die Gleitsichtbrillen, die zwar fast von den Nasen zu gleiten drohen, ihren Trägern aber trotzdem noch zusätzliche Würde verleihen.
„Und Sie trauen sich diese Prüfung zu?“
„Ja, ja!“, stammelt Sven.
„Na, dann fangen wir mal an ...“
Die Richter über Abi oder auch Nicht-Abi bombardieren ihn mit ständig komplizierteren Fragen.
„O je, wenn das so weitergeht, dann ...“
Aber das Lernen zahlt sich aus. Wie aus der Pistole geschossen schleudert Sven ihnen die richtigen Antworten entgegen. Jenen altehrwürdigen Herren wird es unheimlich. Ein Schüler, der allem standhält, zählt eher zu den Raritäten. Die Schule darf sich auf deren Wissensstand wirklich etwas einbilden, macht sie auch, wie man von dem stolz/ anerkennenden Blick des Lehrers ablesen kann. Doch den Prüfern bereitet es zunehmend Kopfzerbrechen. Auf ihnen lastet große Verantwortung. Nur nach strengster Einschätzung würden sie das ersehnte positive Urteil fällen. Deshalb versuchen sie Sven zu verunsichern. Doch wider dessen eigener Erwartung irritiert ihn selbst die brenzlige Frage nach den Logarithmen nicht.
Obwohl er sich bislang dermaßen tapfer geschlagen hat, bibbert er denn doch der letzten Frage entgegen: Das Selbstbewusstsein droht ihn erneut im Stich zu lassen, der Verstand desgleichen den Dienst zu verweigern. Aufgeregt verschränkt Sven die feuchten Hände hinter dem Rücken.
´Nun macht doch endlich!!`
Nochmals rücken die ehrwürdigen Herren die Brillen auf der Nase zurecht und thronen dann dort ähnlich einschüchternd wie so mancher Oberbefehlshaber der Bundeswehr.
„Ja, Herr Merker, nachdem Sie so sehr brillieren konnten, wird dies jetzt bestimmt eine Kleinigkeit für Sie sein ...“
Svens Herz pocht bis zum Hals.
„Also, dann verraten Sie uns mal: Wieviel ergibt eigentlich 1+1?“
´Hääh? Spinnen die jetzt?`
Sven erstarrt, ist im ersten Moment keines Wortes fähig. Doch dann:
´Das ist ´ne Fangfrage! Die wollen mich rein legen!`
Dies hat er gut erkannt, heißt ja nicht ohne Grund ´Merker`.
Es erleichtert. Prompt kehrt sein fast verloren geglaubtes Selbstbewusstsein zurück, sein Verstand arbeitet wieder auf Hochtouren. Aus seinem Blick blitzt der Schalk.
„Nuun, Herr Merker? Wir warten!“
„Ja also, es ist nämlich so …“ . startet der langsam, jedes Wort betonend.
Verblüfft horchen die Prüfer auf. Damit haben sie nicht gerechnet. Und dann müssen sie einsehen, dass es nichts gibt, was es nicht gibt, selbst während solch wichtiger Prüfungen nicht. Sven hebt nämlich an zu fast wissenschaftlichen Spekulationen, bezieht sich zunächst auf Allgemeines, bedient sich keck dabei der verhassten Wahrscheinlichkeitsrechnung und kleidet seine Ausführungen dreist in -zig Prozentangaben. Den hochstehenden Herrschaften verschlägt es eindeutig die Sprache. Darum jetzt ouverän lächelnd, treibt es Sven noch auf die Spitze:
„Und nun komme ich auf die den Ausschlag gebenden anderen Umstände zu sprechen, die, wie Sie sicherlich wissen, durch bestimmte Verhaltensweisen die faktische Erweiterung des grundlegenden Faktes 1+1=2 hervorrufen …“
Und fügt noch ein paar sehr weise klingende Erkenntnisse aus früheren Psychologie-Stunden an.
Gespannt blickt er in die Runde. Stille im Raum. Dann räuspert sich einer der Herren:
„Ja, hm, ääh …“
Ein zweiter beweist etwas mehr Fassung:
„Sie dürfen jetzt gehen, Herr Merker! Sie erfahren gleich das Ergebnis!“
´Gleich` dauert denn quälend lange, bis sich endlich ein zweites Mal die Tür öffnet. Wieder ist es sein Mathelehrer, der nun grinsend auf ihn zukommt.
„Gratuliere! Eine glatte Eins! So etwas ist denen garantiert noch nie geboten worden!!“