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Eine archaische Geburt 1989

Von Feierabend-Mitglied Samstag 01.08.2020, 10:40

Meine große Tochter kam zu mir: "Ich habe mich vor 2 Wochen von dem Kindesvater getrennt und möchte die Geburt mit dir machen. Ich schluckte... sie war mitten im Studium. Sie hatte eine 2 Zimmerwohnung von einem Alkoholiker übernommen und steckte alle Zeit und das wenige Geld in die Totalrenovierung. Durch ihren vorher erlernten Beruf als Maler und Tapezierer machte sie alles allein und es wurde zu einem Schmuckkästchen, kreativ, warm mit Möbeln Second Hand, an den Wänden selbstgemalte Bilder und viele Pflanzen, jetzt stand nur noch das Kinderzimmer an.

"Du, ich weiß nicht so recht, wir sind uns dabei körperlich und seelisch sehr nah und wir haben noch immer Probleme mit der Ablösung, Mutter und Tochter. Lass mich ein paar Tage darüber nachdenken." Sie verstand mich nicht. "Was ist los mit dir?" fragte sie, "früher haben die Töchter immer die Geburt mit ihren Müttern gemacht." Ich freute mich über ihr Vertrauen, mein Verstand zögerte und doch sagte ich ja.

Der Termin kam näher, Geburtsvorbereitung lehnte sie ab: "Du bist ja dabei und du kennst das." Es ging ihr gut. Sie rief mich auf der Arbeit an, es geht los, und sie fährt jetzt ins Krankenhaus. Ich ließ mich vertreten und fuhr sofort hin.
Dort traf ich eine reizende Hebamme, eine strahlende Tochter und sammelte mich für das Kommende. So vergingen 13 Stunden zwischen Lachen und Wehen. In unserem Plaudern vermischten sich Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart. Es gab das Bett und eine Matratze, auf der wir immer wieder saßen. Ich mit dem Rücken an einem Kissen, meine Tochter saß zwischen meinen Beinen, bei jeder Wehe lehnte sie sich an und sie machte die Atmung genau so, wie ich es mit meiner Atmumg vorgab. Oft lachten wir miteinander. Es war eine mir unbekannte Intensität. Mehrmals kam die Hebamme, untersuchte und sagte: "Ich bin ganz beruhigt, es sieht aus, als ob sie Beide das schon einige Male zusammen erlebt haben."
Endlich war es soweit, die Presswehen hatten eingesetzt, die Hebamme war da und ich trat ans Fußende. Als das Köpfchen durchkam sahen mich zwei große Kinderaugen an, ein Ausdruck, den ich nie im Leben vergessen werde. In diesem Blick war das ganze Wissen der Welt, dann ging ein Schleier über die Augen und es war einfach ein neugeborener kleiner Junge. Ich habe dafür keine Worte, war zutiefst erschüttert und brach in Tränen aus. Ich nahm meine Große in den Arm. Sie lächelte erschöpft und meinte: " Mama, bitte geh jetzt nach Hause und besuch mich für eine Woche nicht. Ich muss jetzt erst mal begreifen, dass es mein Kind ist und nicht deins, auch wenn wir es beide ins Leben geatmet haben. Was für ein weiser Satz...
Ich fuhr total erschöpft nachts um 1 Uhr weinend mit dem Taxi nach Hause, dankbar, wie gut alles gelaufen war. Aber auch verstört über den sekundenkurzen, in mich eingedrungenden Blick eines neuen Erdenbürgers aus einer kosmischen Welt, die ich nicht kannte. Dieser kurze Moment hat sich tief in meine Seele eingegraben.
Auch die Gedurt des zweiten Enkels durfte ich begleiten, noch heute habe ich einen vertrauten und innigen Kontakt mit ihnen.



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