Ein unscheinbares Buch
Von
tastifix
Donnerstag 19.07.2018, 20:49
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tastifix
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Die Arbeitszimmerschränke des Barons beherbergten in prächtiges, mit Goldschrift und Ornamenten verziertes Leder gebundene Werke der Weltliteratur. Verschiedene berühmte Lexika und die bedeutendsten Schriftsteller der letzten Jahrhunderte gaben sich ein Stelldichein.
Legte sich der Baron abends zur Ruhe, erwachten die Bücher zum Leben. Sorgfältig prüften sie, ob sich auf ihrem Ledereinband ein Fleck eingeschlichen hatte.
„Es wäre eine Schande!“
„Nicht auszudenken!“, bekräftigte ein anderes.
Edle Bücher präsentierten sich stets tadellos sauber. Damit ihr elegantes Äußeres so blieb und sie nicht etwa an Staub-Verfettung erkrankten, war als nächstes ein ausgiebiges Fitnesstraining angesagt. Lebhaft flatterten sie mit den Seiten. Sie achteten jedoch darauf, dass dabei kein einziger ihrer hochgestochenen Buchstaben heraus fiel. Fehlende Buchstaben oder gar Wörter hätten sie zu Mängelexemplaren abgestempelt und den Ausschluss aus der illustren Buchgesellschaft bedeutet.
Danach beschäftigten sich diese Papier-Snobs stundenlang damit, Ihresgleichen und erst recht sich selber pausenlos zu bewundern und sich zu schmeicheln.
„Wir sind die Krönung aller Literatur!“
Die Lexika brüsteten sich voreinander mit dem in ihnen zusammen getragenen Wissen und versuchten, blasierter Goldschriftmiene ihren Konkurrenten gravierende Fehler bei der Schilderung wichtiger Fakten zu unterschieben. Die Belletristik-Werke gaben mit den bekannten Geschichten weltberühmter Schriftsteller und den Werken bedeutender Maler an.
Vor lauter Selbstbeweihräucherung beachtete keines von ihnen das schmale, unscheinbare Buch, das abseits in der hinteren Ecke mit seinem schlichten, braunen Rücken an der Seitenwand des Bücherschrankes lehnte. Doch, wer annahm, es schämte sich seines unauffälligen Äußeren, der irrte sich. Mit beinahe mitleidigem Blick beobachtete es die vor Gold strotzenden Kameraden.
„Wenn Ihr wüsstet, wie lächerlich Ihr Euch macht!“
Abrupt hörten die Anderen auf, sich gegenseitig mit Komplimenten zu überhäufen. Wütend und von oben herab musterten sie das armselige Etwas.
„Was hast eigentlich Du in unseren erlauchten Reihen verloren?“
„Wie kannst Du es wagen, so mit uns zu reden?“
Ein gewaltiger Lexikon-Band setzte giftig noch eins drauf:
„Uund, was hast Du denn überhaupt zu bieten??“
Das kleine Buch ließ sich mitnichten beirren:
„Ihr vermittelt wichtiges Wissen. Ich aber entführe die Menschen ins Reich der Träume. Lesen sie meine Geschichten, wachsen ihrer Seele Flügel!“
Das höhnische Lachen darüber blieb den versnobten Bänden zwischen den Seiten stecken ...