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Ein trauriges Mitbringsel von meiner Reise

Von ehemaliges Mitglied Montag 16.09.2019, 19:43

Ich habe mir ein liebes Schaf mitgebracht, ein dummes, aber sehr liebes Schaf…aber ist man dumm, wenn man der Liebe wegen durch das halbe Land fährt, einmal fast von ganz Ost nach fast ganz West.

Aber erstmal von Anfang an.
Ich sitze in meinem Zug und bin auf dem Weg nach Hause. Es war eine herrliche Woche in und um Dresden herum, trotz des Regens und ich bin ganz traurig, dass ich den schönen Osten unseres Landes wieder verlassen muss. Die Menschen die ich dort besuche, sind so herzlich und Gastfreundlich und es macht immer Spaß mit ihnen zu sein, ob bei Regen, Schnee und besonders bei Sonnenschein.

Da sitze ich und denke noch über die vergangenen Tage nach, als eine junge Frau in den Zug steigt, nach einem freien Platz sucht. Neben mir ist noch frei und so setzt sie sich zu mir.
Kaum kam sie zur Ruhe, nahm sie ihr Handy, wählte offensichtlich eine bestimmte Nummer, horchte und steckte das Handy, mit einem lauten Seufzer, wieder ein. Wenige Minuten später wiederholte sie den Vorgang, und dies ging eine ganze Weile so, und die Seufzer wurden immer verzweifelter.
„Na, ist wohl ein sehr wichtiger Anruf?“, sprach ich sie an und da schauten mir zwei traurige blaue Augen entgegen.
„Ich versuche meinen Freund zu erreichen, aber das Handy ist immer ausgeschaltet.“
„Hat er denn auch eine Festnetznummer, oder kennen sie die Nummer von Freunden?“
Sie verneinte und wurde immer trauriger. Schließlich erzählte sie mir, dass sie von Bitterfeld komme und nach Düren wolle; der Liebe wegen, und nu könne sie ihn nicht erreichen.
Sie sprach davon, dass sie ihn über das Internet kennen gelernt habe, und dass sie viel telefonierten und sie auch schon bei ihm zu Besuch war. Noch am Donnerstag haben sie sich stundenlang unterhalten, was sie an diesem Wochenende alles unternehmen wollten, und dass er eine Überraschung für sie vorbereite, weil er sich so freue, sie zu sehen.
Sie 38 trifft Herzensmann 39…mir schwante leider nichts Gutes, aber davon sprach ich nicht.
Die Fahrt ging immer mehr ihrem Ende zu und sie erreichte ihn noch immer nicht.
Ich fing langsam an ihr meine Gedanken nahe zu bringen, dass er vielleicht nicht am Bahnhof sein würde…sie wollte davon nichts hören…denn es war ja alles soweit in Ordnung und Bestens.
Schließlich, nachdem ich Bahnhofsmission und Hotel ausgeschlossen habe, bei einem eventuellen Notfall, und wir uns immer mehr auf Düren zu bewegten und von dem Angebeteten noch immer kein Zeichen wahr zu nehmen war…wohlgemerkt nach immerhin fast 10 Stunden Fahrt, da gab ich ihr meine Telefonnummer für den absoluten Notfall.

Wir trennten uns in Düren, wo sie voller Hoffnung und absolut übernervös ausstieg. Ich habe sie noch beobachtet und sah aber niemanden, der sie abholen würde.
Dann fuhr mein Zug weiter und schließlich, eine halbe Stunde später, stand ich dann auch vor meiner Wohnungstür.
Ich hörte das Telefon klingeln und beeilte mich mit dem Eintreten, denn ich ahnte, was ich dann zu hören bekam.
Sie saß am Dürener Bahnhof fest und wusste nicht weiter. Für das Hotel reichte ihr Geld nicht und die Mission war abgeschlossen.
Also sagte ich ihr, dass sie wie verabredet nach Aachen kommen solle und gab ihr meine Adresse.
Total am Zittern und verzweifelt weinend kam sie an.
Sie erzählte mir, dass sie nicht mal ins Haus konnte und dass die Nachbarn schimpfend öffneten, weil sie so laut geklopft habe.
Der Angebetete öffnete anscheinend verdutzt die Tür und ließ sie nicht ein. Was sie denn wolle, er habe ihr schließlich eine Mail geschrieben, und außerdem hätte er Besuch.
Auf die Frage wann die Mail geschickt habe, gab er zur Antwort dass es gegen Mittag gewesen sei, zu einer Zeit, wo er genau wusste dass sie da schon im Zug saß. Schließlich war dies ja auch Thema der ganzen Woche über, während ihrer stundenlangen Gespräche, in denen er dies angeblich nicht mitbekommen habe; darüber wurde nicht gesprochen.

Und da saß nun dieses arme enttäuschte Schaf vor mir und verstand die Welt nicht mehr. Sie war so geschockt über das Erleben, dass sie nicht einmal mehr weinen konnte, und auch Essen und Trinken ablehnte.
Eine Matratze war schnell aufgebaut und Bettzeug gelegt, und sie legte sich hin und schlief bald, vor Erschöpfung und mit geweinten Tränen in den Augen, ein.

Am Samstag sind wir dann zur Bahn und da sie unbedingt nach Hause zurückwollte, hat sie sich ein neues Ticket gekauft und ist mit der nächsten Bahn zurückgefahren. Sie war in Aachen zu einem Geldautomat und hatte so wieder Geld für die Fahrt.
Während der Wartezeit bis zur Abfahrt, sah ich im Schaufenster eines Geschäftes ein kleines Diddel-Schaf. Das habe ich ihr zum Trost gekauft und ihr gesagt:
„Ein liebes kleines Schaf, für ein anderes liebes kleines Schaf.“

Mit einem herzlichen Drücker, einem tränenreichen Danke setzte ich sie in den Zug, und wir wollten in Verbindung bleiben.

Sicher wird jemand jetzt wiedersagen:“ Wie kann man nur so sau dumm sein…“
Ja, ich gebe demjenigen ja Recht, aber auch wieder nicht.
Ist es denn so dumm, wenn man sein Leben noch einmal in andere Bahnen lenken möchte, und sich der Liebe wegen auch räumlicher Veränderungen vorstellen kann?
Ist es denn so dumm mehr vom Leben zu erwarten, als dies, was man hat…Einsamkeit.
Ist es so dumm, zu vertrauen und in vollem Vertrauen seinen Weg zu gehen?
Nein, denn wenn man etwas im Leben erreichen möchte, so muss man auch ein Risiko eingehen. Nichts ist wirklich sicher, alles, was wir entscheiden ist in jeder Sekunde unseres Lebens ein Moment, aus dem wir lernen können.
Wer nie etwas riskiert, macht auch keine Fehler und kann auch nichts dazu lernen.

Ganz ehrlich…ich bewundere diese Frau…sie hat wohl schmerzlich lernen dürfen, aber nur weil sie etwas riskiert hat.

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