Ein nicht gehaltenes Versprechen
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Feierabend-Mitglied
Donnerstag 03.08.2023, 10:36
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4 Wochen vor dem Tod meiner Mutter saß ich wie üblich nachts an ihrem Bett, nur wenige Worte wurden gewechselt. Wir hatten mit allen Geschwistern noch ein schönes Weihnachten gefeiert. Dann legte Mutter sich ins Bett, stellte die Nahrung ein und sprach nur noch wenig. Ich sagte: “Mama, du musst essen, du wirst immer schwächer. Du willst doch noch deine Freundin in Oldenburg besuchen.” Mutter lächelte und sagte: “wenn ich diese Reise nicht mache, dann mache ich bestimmt eine viel größere.“ Ich verstand nicht und fragte, was sie meint. Sie sagte nur, bald wirst du es verstehen.
Ich nahm ihre Hände in meine und fühlte, wie dünn sie geworden war. Dann nahm sie ihren Ehering ab, schaute mich eindringlich an, steckte ihn mir an den Finger und sagte: “wenn ich nicht mehr bin, dann trage diesen Ring und halte die Familie zusammen., das ist mein Wunsch. Bitte versprich es mir!“ ”Aber Mama,“ sagte ich, “das hat noch Zeit, du bist erst 55 Jahre und du wirst bald gesund. „Versprich es, bitte, dann kann ich besser schlafen.“ Und ich versprach es, ohne zu wissen, was sie mir damit aufbürdete.
Am 5.Februar starb sie in meinen Armen. Noch im Krankenhaus fühlte sie, ob ich den Ring trage. Zur Trauerfeier waren alle Geschwister anwesend, wir saßen lange zusammen. Dann ging jeder seiner Wege.
Ich organisierte das erste Familientreffen, alle kamen, aber es war nicht entspannt. Es war eine merkwürdige Fremdheit eingetreten. Nach ca . 6 Monaten habe ich wieder eingeladen, in der Zwischenzeit hatten wir kaum Kontakt. Es wurde ein wenig geplaudert, aber sehr bald verabschiedeten sich alle und ich blieb in meiner ersten eigenen Wohnung allein. Das wiederholte sich etwa über 3 Jahre. Dann sagte mein ältester Bruder: “Hör zu Schwester, wir waren als Kinder eine Notgemeinschaft, aber jetzt sind wir frei. Jeder lebt jetzt sein eigenes Leben, wir brauchen Abstand von unserer Kindheit. Wir möchten, dass du diese Einladungen einstellst, wir fühlen uns verpflichtet, und wir wollen das nicht mehr.” Ich war fassungslos: „aber ich habe es Mutter versprochen!“ Sie nahmen mich zum Abschied in den Arm und weg waren sie.
So vergingen einige Jahre, in denen wir uns mal zufällig auf einer Demo trafen oder ein kurzes Telefonat führten. Das Versprechen, das ich unserer Mutter gegeben hatte, drückte mich und ich habe viel geweint. Ich nahm ihren Ring ab und sagte ihr, dass ich es nicht schaffe, alle zusammenzuhalten, und dass ich mein Versprechen nicht halten kann. Mit einem bangen Gefühl legte ich den Ring in eine Kästchen, weinte mich in den Schlaf und sah im Traum meine Mutter, sie lächelte und sagte, es ist genug, vertraue einfach!
Zu seinem 50. Geburtstag lud mein Bruder alle ein, auch Freunde. Es war ein fröhliches Fest, ich lernte meine Geschwister ganz neu kennen. Jeder hat im sozialen Bereich seinen Weg gemacht. Sie sind liebenswerte Menschen und ich liebe sie. Seitdem treffen wir uns 1-2 mal im Jahr, telefonieren, wissen umeinander und sind füreinander da, ganz freiwillig.