Ein Lied der Liebe
Von
tastifix
Montag 02.12.2019, 11:20
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tastifix
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Der Greis gedachte der Vergangenheit, der besseren Jahre, in denen er als erfolgreicher Geschäftsmann zur feinen Gesellschaft der Stadt gezählt hatte.
Damals konnte er sich vor Einladungen kaum retten, denn er war wegen seiner Anständigkeit und Hilfsbereitschaft hoch angesehen. Doch brachten ihn Neider durch eine eiskalte Intrige in Verruf. Er verlor alles: Sein Unternehmen, alle Freunde und selbst seine Familie mieden ihn seitdem. Niemand hatte ihn mehr besucht. Jetzt, nachdem er es im Laufe langer Jahre geschafft hatte, die Sehnsucht nach Kontakten zu verdrängen, zehrte er allein von Erinnerungen ...
Wieder einmal stand Weihnachten vor der Tür. Dem alten Mann in der ärmlichen Wohnung fröstelte es bei dem Gedanken daran, dass er wie immer allein sein würde. Von draußen drangen die Geräusche des bunten Lebens zu ihm. Anders als in den Jahren zuvor weckten sie wider Erwarten Gefühle, die zu empfinden er sich vor langer Zeit gezwungenermaßen verboten hatte. Weil jedoch die Angst, dass ihm die Mitmenschen ein weiteres Mal solch eine grausame psychische Verletzung wie damals zufügen könnten, übermächtig war, versuchte er sie auch jetzt niederzukämpfen - und verlor den Kampf.
Fast unmerklich schlich sich Neugier ein. Er setzte sich ans Fenster, starrte nicht länger wie sonst deprimiert auf die kahle graue Mauer des nächst stehenden Hochhauses, sondern beobachtete mit wachsender Aufmerksamkeit die Menschen auf der Straße. Fröhlicher Miene waren sie eifrig mit den Vorbereitungen für die Feiertage beschäftigt. Wenige Minuten später durchbrach etwas endgültig den Schutzwall der Zurückgezogenheit in seinem vergrämten Herzen. Eine Gruppe munter über den Gehweg hüpfender Kinder, deren Gesichter vor Vorfreude aufs Fest strahlten, zog seinen Blick auf sich.
„Ja, ihr werdet es warm und gemütlich haben, mit Vater und Mutter vor dem Baum stehen, frohe Lieder singen und wunderschöne Geschenke vorfinden. Ihr wisst nichts von mir, der ich arm und einsam bin."
Plötzlich sehnte er sich danach, dass Weihnachten auch für ihn zu einem besonderen Fest werden sollte. Erschrocken bemühte er sich, von dieser aufwühlenden Regung Abstand zu finden. Nein, wieder würde er weder Besuch bekommen noch selber jemandem aufsuchen. Der einzige Trost am Heiligabend würde ein kleiner hässlicher Baum sein, schief gewachsen und darum von den Anderen missachtet. Aufgerüttelt aus der Apathie übermannten den Greis Trauer und Verzweiflung. Demütig flehend richtete er die Worte an ´Ihn`, der allen zuhört.
„Bitte nimm mir zu Weihnachten meine Traurigkeit, lass mich gleichfalls ein wenig froh sein. So werde ich die Einsamkeit wenige Stunden lang besser ertragen.“
Es wurde Heiligabend. Der Greis hatte ein winziges Bäumchen erstanden, es mit ein paar Kerzen und etwas Lametta geschmückt. Die wirkliche Festtagsstimmung jedoch war den Anderen vorbehalten, die in der Gemeinschaft mit Familie und Freunden feierten. Als er gegen Abend, im Sessel sitzend, die kleine schüttere Tanne betrachtete, wunderte er sich, dass ihn der jämmerliche Anblick nicht traurig machte, sondern er sich wirklich am flackernden Schein der paar Kerzen zu freuen begann. Tief durchatmend schloss er die Augen, um sich dieser Empfindung ganz hinzugeben.
Als er sie wieder öffnete, entfuhr ihm ein leiser Schrei der Überraschung. Im Zimmer wirbelten Schneeflocken und senkten sich auf die Zweige des Bäumchens. Als eine blütenweiße Decke verzauberten sie die schüttere Tanne mehr und mehr in eine strahlende Schönheit. Das Kerzenlicht umschmeichelte sie mit goldenem Schimmer und der Baum blinkte wie ein wunderbar funkelnder Diamant. Das Auge des Greises verweilte auf dieser Pracht. Er fühlte seit langen Jahren zum ersten Male wieder Wärme und Geborgenheit.
Als wäre es des Wunders noch zu wenig, flatterte durch das wie von Engelshand geöffnete Fenster ein wunderschöner Vogel mit in allen Regenbogenfarben schillerndem Gefieder in die Stube. Er ließ sich auf dem höchsten Ast des Baumes nieder und tirilierte ein Lied, so fein und soo jubelnd, dass dem alten Mann die Augen wässrig wurden. Tränen des Glücks und der Dankbarkeit schwemmten all seinen Kummer hinweg. Sie befreiten ihn von der schweren seelischen Pein, als deren Gefangener er so lange gelebt hatte.
Ja, es war ein besonderes Weihnachten.
Sein Weihnachten.
Er hatte Liebe erfahren!