Die versteckte Welt (4)
Von
tastifix
Dienstag 05.11.2019, 13:34
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Von
tastifix
Dienstag 05.11.2019, 13:34
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
„Du darfst die Augen wieder öffnen!“, erlaubte Emir.
Gunnar blinzelte ins Helle. Kein menschliches Wesen vor ihm hatte jemals den Traumhimmel des Elfenreichs gesehen. Die Drei waren allein in diesem Naturwunder. Stille lag über allem. Schwebend tanzten sie zwischen zart rosa Wolken, deren Ränder von Sonnenstrahlen rotgolden gefärbt waren, weiter dahin. Dennoch dauerte Gunnar die wunderbare Reise viel zu kurz, erreichten sie viel zu rasch ihr Ziel. Unter sich erkannte er eine Bergkette.
„Eigenartig ...“
„Was denn?“ fragte Piri erstaunt zurück.
„Diese Berge sehen aus wie unsere!“
„Es sind Eure Berge!“, bekräftigte Emir. „Es ist wahr, wie die Sagen es erzählen: Dort wohnen wir.“
Bald landeten sie auf einem schmalen Pfad unter dem Grat eines mächtigen Felsens. Kein Baum, kein Strauch, nur nackte Erde.
„Geschafft!“, meinte Piri erleichtert.
Hier jedoch waren sie nicht länger allein. Vor ihnen kauerte ein winziges Wesen. Sein Gesicht ähnelte dem eines Hutzelweibleins, der Körper einer Baumwurzel.
„Na, endlich kommt ihr!“
Gar ein bisschen vorwurfsvoll klang es. Und dann bemerkte der Winzling Gunnar.
„Hiillfe! Das ist doch ein Mensch. Was sucht der denn hier??“
„Keine Angst, Wurzel! Er wird mit Mutter verhandeln …“
„Seid Ihr Euch dessen ganz sicher?“, bibberte Wurzel.
Seine knorpeligen Beine zitterten wie Espenlaub.
„Er ist einer unserer Wurzelmänner. Ein lieber Kerl, wohnt unten an der Waldgrenze und versorgt die Bäume mit Nahrung", stellte Emir ihn vor. „Jeden Abend kommt er zum Elfendinner ins Schloss. Das lässt er sich nicht entgehen. Denn es fallen immer ein paar Leckereien für ihn ab."
Derweil musterten sich Gunnar und Wurzel prüfend und entschieden, sie
könnten es ja mal miteinander versuchen.
Die Drei marschierten auf ein Felsentor zu, in einiger Entfernung gefolgt von Wurzel, der sich mühsam vor grub. Bald standen sie vor einem breiten Portal. Emir berührte es mit der Hand. Lautlos glitten dessen Hälften auseinander. Ein langer Tunnel führte steil nach unten. Dicht hintereinander betraten ihn die Vier. Laternen brauchten sie nicht. Die Elfenkörper leuchteten auf einmal wie Sterne und verdrängten die bedrohliche Dunkelheit. Immer tiefer ging es hinab. Gunnar erschien es wie eine Ewigkeit, bis sie endlich vor einem zweiten Tor Halt machten. Von leuchtendem Rosenrot, der Farbe der Liebe, war es der Eingang zum Elfenschloss. Er war aufgeregt. Hinter dieser Tür würde sich ihm eine andere Welt auftun. Eine bessere? Oder waren die Sagen um die Elfen eher Rosen gleich, die den menschlichen Seelen zuliebe ihre Dornen versteckten, um ihnen Rückhalt und Stärkung in der bisweilen harten Wirklichkeit zu sein? Ja, er wäre zutiefst enttäuscht, wenn sich etwa alles als schmeichlerische Lüge erweisen würde. Gunnar hoffte nämlich auf etwas überirdisch Schönes, wie er sich eben ein wirkliches Zauberreich vorstellte.
Wieder nahmen Piri und Emir ihn in die Mitte:
„Vergiss nicht: Du bist der erste Mensch, der unser Reich betreten darf. Zeige, dass Du es verdient hast!“
Der kleine Wurzel war derweil auch am Tor angekommen. Zu Gunnars Füßen verschnaufte er. Es war eben sehr anstrengend, sich auf knorrigen Beinen fortzubewegen. Gunnar sah ihm an, wie sehr ihn des Elfen Worte rührten. Wurzel versuchte, sich so gerade wie möglich aufzurichten, um so diese Stunde zu ehren. Aber, weil er nur ein Wurzelmann war, brachten seine Bemühungen nicht viel. Verlegen legte er den Kopf in den Nacken und lächelte Gunnar von unten besonders lieb an - sozusagen zum Ausgleich. Dieser verstand und lächelte herzlich zurück. Sie waren sich sehr sympathisch geworden.