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Die Regenbogenleiter

Von tastifix Montag 22.02.2021, 13:01 – geändert Dienstag 23.02.2021, 14:02

Silvie hatte sich seit Wochen nicht mehr richtig gesund gefühlt und hatte, ohne ihre Eltern einzuweihen, einen Arzt aufgesucht. Es bestätigte sich, was die 18-Jährige schon befürchtet hatte: Sie war ernsthaft erkrankt.
Professor Jahn, ein Freund ihres Vaters, teilte ihr die Diagnose auf möglichst schonende Weise mit.
„Silvie, Du bist ein sehr starkes Mädchen. Gib dich nicht auf, sondern genieße jeden Tag, der Dir ohne Symptome geschenkt ist!“
„Wie lange noch?“, stammelte sie.
„Genau kann man es nicht sagen. Aber - allerhöchstens noch zwei Jahre!“
Erstarrt bemühte sich Silvie verzweifelt darum, die nachfolgenden Ratschläge des Arztes zu verinnerlichen. Doch das Meiste rauschte an ihr vorüber, so, als ob es eine Fremde und nicht sie selber betraf. Aufschluchzend flehte sie ihn an, den Eltern gegenüber vorläufig noch Stillschweigen zu bewahren.
„Für sie bricht eine Welt zusammen. Ich hab furchtbare Angst davor, wie sie reagieren werden!“
Obwohl Professor Jahn klar war, dass sie sich mit dieser Bitte an einen Strohhalm klammerte, der ihr nur kurzzeitig Halt bieten würde und genauso sein Schweigen nur einen Aufschub bedeutete, willigte er letztendlich ein.

Aber Silvie beschäftigte noch mehr: Sie wollte nicht schon jetzt nur noch als eine Schwerkranke angesehen werden, fürchtete nichts mehr als die mitleidigen Blicke, die übertriebene Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft.
´Nein, ich will mein Leben führen können wie meine Freunde und Freundinnen auch! So lange es geht!!`
Doch bedeutete es, alle täuschen zu müssen.
„Vor allem Mutti und Vati!“
Es schnürte ihr die Kehle zu.
„Ob ich das für längere Zeit überhaupt schaffe? Oder wird es mich fertigmachen??“

Am Feld entlang nach Hause wandernd kämpfte sie gegen das quälende Gedankenchaos an:
´Es hat schon so oft Fehldiagnosen gegeben. Vielleicht ists in meinem Fall ja auch so … Ich werde es mir einreden. Dann komme ich besser klar!`
Es half tatsächlich, sie bekam sie das Stimmungstief unter Kontrolle. Der Anblick des von der Sommersonne in ein leuchtendes Gold getauchten Feldes drängte die Bedrückung zurück. Als sich ein Vogel laut zwitschernd in die Luft schwang und dann fröhlich am Himmel schwingende Kreise zog, befreite es sie aus vorerst der tiefen Höhle der Verzweiflung.
´Wie schön ist die Welt doch ist!`
Nein, all dies war zu liebenswert, um sich selber aufzugeben. Sie würde kämpfen!
´Ein Monat ist eine lange Zeit. Und wer weiß, vielleicht ...`

Immer leichter wurde es ihr ums Herz und sie lächelte sogar ein wenig. Etwas munterer dribbelte sie ein Steinchen vor sich her. Aber es kullerte zur Seite und wurde von einem Grasbüschel am Wegesrand aufgehalten.
´Im Sport war ich ja immer eine Niete!`
Unwillkürlich lachte sie auf, die Lebensfreude kehrte zurück und sie erinnerte sich geplanter Verabredungen mit Freundinnen.
´Ich ruf gleich mal Karen an. Wir wollen ja am Freitag ins Kino!`

Als sie jedoch am Elternhaus eintraf und die Mutter im Garten erblickte, drohte der Wall des Selbstschutzes zu brechen. Aber Silvie ließ dies nicht zu, verschwand die Treppe hoch in ihr Zimmer und griff das Handy.
„Klar komme ich mit! Dann bis 16 Uhr, ja?“
Sylvies Herz machte einen Sprung. Dies war das normale Leben, alles andere wäre nur ein Alptraum.
´Ich treffe mich am besten so oft wie möglich mit meiner Clique. Dann hab ich sowieso keine Zeit, an meine Krankheit zu denken.`
Die Wochen verstrichen. Mit jedem weiteren Tag fiel Silvie der Selbstbetrug leichter, waren auch die Gewissensbisse den Eltern gegenüber besser zu ertragen.
´Schon soo lange und nichts hat sich geändert ...`
Doch erwies es sich als nur noch eine kurze Galgenfrist.

Mittlerweile war es Herbst geworden. Auf dem Boden sammelten sich ständig mehr verwelkte braune Blätter. Dagegen hob sich das an den Bäumen noch verbliebene, rot gefärbte Laub wunderbar gegen den blauen Himmel ab. Silvie entschloss sich bei dem herrlichen Wetter zu einer Wanderung, nahm Hund Knödelchen, mit dem sie ein sehr inniges Verhältnis verband, an die Leine und marschierte los. Nur wenige Leute begegneten ihr, denn für den Nachmittag war Regen angesagt worden und die Meisten zogen es vor, es sich daheim gemütlich zu machen. Silvie genoss die Ruhe. Selbst, als sich eine halbe Stunde später allmählich die Wolken verdichteten, die Sonne sich nur noch mit Mühe behauptete, schließlich gänzlich verdeckt wurde und dann bald ein paar Tropfen fielen, genoss sie es.
Unerklärlicherweise aber überwältigten sie ausgerechnet in jenen Minuten die krampfhaft unterdrückten Gedanken um ihre Krankheit.
´Mutti, Vati! Wenn Ihr wüsstet … !!`
Silvie spürte, dass ihre Kraft, sich dermaßen streng zu disziplinieren, aufgebraucht zu sein schien. Hier, in dieser Abgeschiedenheit überließ sie sich erstmals ungehemmt ihren Gefühlen und brach in Tränen aus. Aber dies würde ihr Geheimnis bleiben, keiner es je erfahren.

Durch den Tränenschleier nach etwas in der Natur suchend, was sie hätte trösten können, wandte sie den Blick unwillkürlich zum Himmel. Fasziniert betrachtete sie einen aus zarten ineinander verschmelzenden Farben zusammengesetzten Lichtstreifen, der sich in breitem Bogen übers Feld spannte. Sylvie atmete tief durch und schloss entzückt die Augen, um so jenes zauberhafte Bild tief in sich wirken zu lassen. Als sie sie erneut öffnete, erwartete sie ein Schock. Die Helligkeit, das Licht der Sehenden, existierte für sie nicht mehr. Dagegen umgab sie undurchdringliche Dunkelheit.
´Nein!!`, schrie sie lautlos. ´Professor Jahn hat Recht behalten. Ich bin erblindet! - Und, was wird jetzt werden??`
Hilflos tastete sie nach ihrem Hund, suchte Halt bei ihm. Dieser spürte ihre Verzweiflung und drängte sich eng an sie, wie, um ihr zu sagen:
´Keine Angst: Ich bin bei Dir!!`
Weinend verbarg Sylvie ihren Kopf in seinem Fell und liebkoste ihn.
„Ach, mein Knödelchen!!“
Die Zuneigung des treuen Kameraden vermittelte ihr, dass sie nicht verloren war. Es gab ihr neue Energie und in ihrer Seele spiegelte sich der wunderbare Regenbogen.

Auf einmal verspürte Sylvie tiefe Sehnsucht, ins Reich der Fantasie zu entfliehen. Der Wunsch wurde übermächtig. Sie senkte die Lider über die toten Augen, machte sich über eine Lichtleiter auf die Reise zu ihrem eigenen Regenbogen und wurde zu einem Wesen des verinnerlichten Erlebens. Ein ungekanntes Glücksgefühl durchströmte sie. Von dann gehörten ihr beide Welten. Sie lebte noch zusätzlich das Leben aus Vorstellungen und Träumen - das Leben des Regenbogens.
Noch immer lehnte ihr Hund an ihrem Bein. Er würde ihr niemals mehr von der Seite weichen und sie nun auch sicher nach Hause führen.






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