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Die Möchtegern-Gräfinnen

Von tastifix Mittwoch 08.05.2019, 14:16

Elfi in Miesbach, Sonja in Würzburg und Manuela in Stuttgart hocken gebannt vor der Flimmerkiste. Ihnen schaut werbend ein Graf mit echtem Schloss und noch waschechterem Vermögen entgegen. Fast das halbe Leben hat er bereits hinter sich und trotz blauen Blutes sowie Geld wie Heu keine würdige Partnerin gefunden.
´Entweder stellt der total überzogene Ansprüche oder hat ´nen Sprung in der Schüssel!`
Wie meint er gerade?
„Sie sollte bildhübsch sein, intelligent, meine Interessen teilen und repräsentieren können. Aber vor allem muss sie sich unterordnen.“

Elfi, das hübsche 25-jährige Bauernmädel aus Bayern, sagt sich: „Das mit der Unterordnung würd i dem noch abgewöhnen! Aber: Inlent bin i und repentiert hab i au scho, nämlich auf dem letzten Maifest an der Seite vom Bürgermeister.“
Sie ist sehr von sich überzeugt.

Sonja, die 26-jährige schöne Studentin aus Würzburg, grübelt: ´Wir würden Museen und Theater besuchen und mit namhaften Größen aus Gesellschaft und Kulturkreisen verkehren.`
Gleich Elfi traut sie sich zu, ihm die Unterordnungsmacke fix austreiben zu können.

Manuela, die 30-jährige rassige Friseurin aus Stuttgart hat gleich ihm eine deutliche Macke. Ihr Lupenhund, Mischung Chihuahua/ Bohnerbesen, obendrein Kleopatra genannt, trippelt nie ohne ihr mit Glitzersteinen verziertes Halsband und ihre farbig passenden Lederschuhe einher, wackelt jedoch in den Luxustrete arg unbeholfen herum. Genauso kämpft Frauchen Manuela auf den 10cm-Absätzen ihrer pinkfarbenen Stöckelschuhe verzweifelt ums Gleichgewicht.

Nur selten sind sich Frauen dermaßen einig:
´Nichts wie hin!`
Rasch packen sie die Koffer:
Elfi wählt ihr blaues Sonntgdirndle. Dann flicht sie sich Zöpfe.
„So sehe ich nooch jünger aus!“
Ältere Männer mögen junge Frauen.
Sonja dagegen wählt ein dezentes Seidenkostüm heraus, dazu die passende Handtasche und schlichte Pumps. Das blonde Haar lässt sie offen über die Schulter fallen.
In Stuttgart dreht sich Manuela vor dem Spiegel:
„Der kriegt Stielaugen!“
Sie greift sich ein weißes, tief ausgeschnittenes, extrem kurzes Kleid, das den üppigen Busen und auch die wohlgeformten Beine bestens zur Geltung bringt. Klein-Kleopatra trägt einen weißen Jogginganzug mit Kapuze und weiße Turnschuhe.

So treffen die drei Möchtegern-Gräfinnen vor dem Schloss unerwartet aufeinander. Zwar machen sie gute Miene zum peinlichen Spiel, strahlen sich an und murmeln zuckersüße Worte, aber hegen dabei bitterböse Gedanken. Im Empfangssalon nehmen sie auf einem hochvornehmen Sofa Platz.
Kurz darauf lässt der Graf bitten.
Als Erste folgt Elfi der Aufforderung. Es empfängt sie ein charmantes Lächeln.
´Bloß keine Unsicherheit zeigen!`
Elfi lächelt charmant zurück.
„Erzählen Sie mal etwas über sich!“
Der Graf erfährt: Elfi, auf einem Bauernhof aufgewachsen, kennt sich bestens mit Kühen und Schweinen aus und kann sogar reiten. Der Edelmann lächelt höflich und ist scheinbar tief beeindruckt.
„Und - haben Sie schon mal in der Öffentlichkeit gestanden?“
„Ja, einmal! Da hab i dem Bürgermeister sein Mikro festgehalten.“
„Donnerwetter!“, ringt er um Disziplin und verabschiedet sich mit einem Wangenkuss.

Als Nächste betritt Sonja souverän lächelnd den Salon. Dem Grafen gefällt sie auf Anhieb. ´Hübsch, wirkt intelligent. Sehr viel Gefühl für Stil!`
Sie führen ein interessantes Gespräch, beide vergessen die Zeit.
´Eine attraktive Frau!`- “Es ist hoffentlich nicht unser letztes Treffen gewesen!“
Strahlend verlässt Sonja den Raum.

Anschließend tänzelt Manuela herein. Der Graf ist froh, dass er sitzt. Ihr Busen hüpft bei jedem Schritt auf und nieder, sie wiegt sich in den Hüften und lenkt seinen Blick immer wieder auf die schier endlos langen Beine. Kleopatra duckt sich in ihrer Armbeuge, ist offensichtlich enttäuscht, hat bestimmt auf einen schicken adeligen Rüden gehofft. Der Graf ist tief beeindruckt, aber anders, als Manuela glaubt.
´Oh nein! Der reine Pamela-Anderson-Verschnitt und dazu noch dieser Hund ...` „Ist er/sie immer dabei?“
„Ohne sie geh i nirgendwo hin. Nachts schläft sie auf meinem Kopfkissen. Nich, Kleopatrachen, mein Schnuckelchen?“
Kleopatra ist in diesem Moment die Klügere und schweigt. Gut erzogen bemüht sich der Edelmann um weitere Konversation.
„Und wofür interessieren Sie sich sonst noch?“
„I geh für mei Leben gern shoppen, aber nur Gucci oder so … Und chic essen, kenne einige Restaurant der Extraklasse.“
´So exaltiert, wie die auftritt, verkehrt sie ja vielleicht in Künstlerkreisen`, denkt der Graf und fragt: „Kennen Sie Hundertwasser?“
Den Namen hat Manuela schon mal gehört.
´Das ist jedenfalls etwas Modernes!`, brütet sie. „Ist das eine neue Parfümmarke?“
Fassungslos beendet der Graf das Gespräch, diesmal ohne Handkuss und ohne das obligatorische charmante Lächeln.

Einige Tage später erhält Sonja einen Brief. Der Graf lädt sie für eine Woche auf sein Schloss ein. Prompt sieht sie sich dem hochgestochenen Ziel ihrer Träume ziemlich nahe.
„Der hat Feuer gefangen!“
Sie legt ihre edelsten Designer-Kleider sorgfältig gefaltet in den Koffer.
´Angehende Gräfinnen machen das so!`
Einige Stunden später betrachtet sie hingerissen das Schloss. Schnell noch richtet sie ihre Frisur. Schon schreitet der Graf strahlend auf sie zu. Gibt ihr einen Handkuss und schaut ihr dabei tief in die Augen. Sonja landet auf Wolke Sechs. Er führt sie zu einem Gästegemach. Von dem traumhaften Himmelbett aus kann sie durchs Fenster bis zum Horizont schauen.
„Wunderschön!“, schwärmt sie. ´Vielleicht gehört alles bald zur Hälfte mir …“
Die junge Frau packt den Koffer aus.

Eine halbe Stunde später treffen sie sich zu einem ersten Rundgang. Überall stehen antike Möbel, hängen wertvolle Gemälde und liegen kostbare Teppiche. Vor der Ahnengalerie hebt der Schlossherr zu ausschweifenden Erklärungen an. Sonja heuchelt bewunderndes Interesse und langweilt sich dagegen zu Tode.
Nachmittags scheint die Sonne. Der Graf schlägt einen Ausritt vor.
´Woow!`
Sonja langweilt sich plötzlich gar nicht mehr. Den gutaussehenden Mann auf dem edlen Pferd neben sich und die weiten Ländereien vor Augen, fühlt sie sich schon fast als Gräfin. Sie reden und sie lachen viel. Stunden vergehen. Auf einer Anhöhe machen sie Rast.
„Es muss wunderbar sein, hier zu leben!“
Doch unerwartet schaut der Graf auf einmal sehr ernst.
„Es wäre so, wenn nicht ...“, antwortet er zögerlich.
Sonja horcht verunsichert auf. Mit einem schnellen Seitenblick zu ihr fährt er fort:
„Die Unterhaltung des Anwesens ist zu teuer geworden. Ich werde alles verkaufen und in die Stadt ziehen müssen!" -
Sonja ist schockiert. Ihr lang gehegter Traum zerplatzt wie eine Seifenblase.
´Kein Schloss, adieu, Luxusleben!`
Auf einmal ist der Graf in ihren Augen nur noch ein unbedeutender Jemand, der sie zudem noch schlimm betrogen hat.
´Vortäuschung falscher Tatsachen!`- „Das hat der feine Herr ja prima eingefädelt! Du - und ein Adliger? Ein jämmerliches, unverschämtes Würstchen biste!!“
Wutverzerrten Gesichtes setzt sie eiskalt hinzu:
„Nicht mit mir! So habe ich mir das nicht vorgestellt!“
Sie lässt den leichenblassen, sie entsetzt anstarrenden Grafen einfach stehen und braust davon. ´Dafür hab ich nicht Benimm-Kurse besucht, Lexika auswendig gelernt und mich an der Uni als Studentin eingeschrieben!!!`

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