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Die gehässige Bandscheibe

Von tastifix 22.07.2018, 13:29

Name: Gifty Bolz
Adresse: L4/L5 (Lendenwirbelsäule)
Weibliches Exemplar Mensch, Name: ´Gaby`

Gifty ist frustriert, leidet unter schwindendem Selbstbewusstsein, denn in 55 Jahren nur etwa drei- bis viermal einen stechenden Erfolg verbucht zu haben, bedeutet für eine ausgewachsene Bandscheibe eine schreckliche Blamage. Doch jetzt naht ihre große Chance, weil sich Gaby wieder falsch bewegt hat. Zu ihrem Ärger aber bewahren sowohl die Nerven als auch die Muskeln die Ruhe. „Klägliche Feiglinge!“, ranzt die Bandscheibe sie an. „Heute herrscht ´nen Ausnahmezustand. Da haben Körperteile zusammenzuhalten. Na, was ist jetzt mit eurer Solidarität mir gegenüber?“ Die Angeklagten schweigen betreten. Nach kurzem Nachdenken regt sich bei den Nerven das Mitleid. „Schließlich ist sie vorgefallen ... Und das ist ein äußerst peinlicher Vorfall!“ Darin sind sie sich alle einig. --- „W..Was hast du d..denn vor, Gifty?“
„Gaby ist anscheinend nicht so schnell außer Gefecht zu setzen. Wenn ich daran denke, wie selten nur ich in der Vergangenheit die Möglichkeit hatte, mich bemerkbar zu machen, krieg ich noch heute die Wut. Sie hat mich doch tatsächlich aus meinem Bett befördert und dann immer nur knappe drei Wochen gebraucht, um sich von den Folgen dieser Unverschämtheit wieder zu erholen, während ich noch heute an der falschen Stelle sitze. Das schreit nach Rache. Die mach ich fertig!“ „Hm, sei lieber vorsichtig!“, mahnen die Muskeln. „Sie bringt es und lässt sich operieren. Dann biste still gelegt - für immer!“ „Irrtum! Der Arzt hat gesagt: Operiert wird nicht!“ „Wenn Du meinst ... “, zweifeln die Nerven. Irgendwie verstehen sie die Bandscheibe ja und zudem hat sie das mit der Solidarität nachhaltig beeindruckt. Wer lässt sich schon gerne vorwerfen, dass er sich unsolidarisch verhalten würde ... --- „Wir haben es uns überlegt. Wir machen mit!“ Gifty ist hoch zufrieden. „Und was jetzt?“ „Als Erstes ...“ Die Bandscheibe hat bereits alles bis ins kleinste Detail geplant. „Zunächst rührt sich der Oberfuß. Tanzt Gaby trotzdem wie eine Wilde, gebt ihr den Muskeln des Oberschenkels und der Wade folgenden Befehl: „Ziehen!“ Sollte es sie unbeeindruckt lassen, heißt es anschließend: „Brennen!“ Und falls sogar das nicht wirkt, dann ... : „Brennen, Stechen, Ziehen und zwar alles auf einmal auf Stufe Drei!! Ihr werdet sehen: Es wirft sie um!“ „Quatsch!“, widersprechen die Nerven. „Gaby schluckt notfalls eine Tablette mehr und macht weiter.“ „Irrtum! Irgendwann gibt sie auf ... “ --- Am nächsten Morgen verspürt Gaby ein merkwürdiges Gefühl im Fuß. ´Egal!` Sie tanzt weiter. Am Tag darauf zieht es bis in den Unterschenkel. „Hach, wie blöd!“ Gaby wandert und tanzt immer noch. Zwei Tage später brennt und zieht es wie verrückt vom Knöchel über die Wade bis in den Oberschenkel. Sie ignoriert es, nimmt eine Tablette und lässt sich von ihren Aktivitäten nicht abhalten. Einige Tage darauf, mittlerweile schmerzt das ganze Bein, schildert Gaby denn doch ihrem Arzt den Stand der Dinge. „Sie haben ein Wurzelreizsyndrom L5/S1. Nehmen Sie diese Schmerztabletten (400 mg) bis zu dreimal am Tag.“ --- Gaby ist mit Medikamenten äußerst vorsichtig und beschränkt daher die Dosis auf eine Tablette pro Tag. Es hilft nicht. Nach mehreren Tagen steigt sie um auf zwei Tabletten, was aber gleichfalls nicht genügend Erleichterung bringt. Mittlerweile tanzt sie nicht mehr und die Wanderungen wandeln sich in kürzere Spaziergänge. „Ich lass mich davon nicht unterkriegen!!“ Tapfer geht sie weiterhin spazieren. „Wenn es wirklich ein Bandscheibenvorfall ist, darf ich mich nicht hängen lassen. Dann ist Bewegung wichtig!“ Doch weil sich nichts bessert, telefoniert sie nochmals mit der Praxis: „Ich brauche etwas Stärkeres.“ Der Arzt verschreibt ihr, ohne sie vorher über die Art des Medikamentes aufzuklären, ein starkes Betäubungsmittel, das jedoch ausschließlich den Schmerz, aber keinesfalls die Entzündung bekämpft. Beim Lesen des Beipackzettels ist Gaby entsetzt. „Was?? Es macht schnell süchtig? Das nehme ich nicht!“ --- Kurz darauf sind die Beschwerden dermaßen stark, dass Gaby sich entschließt, nochmals einen anderen Arzt aufzusuchen. Er eröffnet ihr die gleiche Diagnose wie sein Kollege, stellt allerdings zusätzlich noch ´Teilsteife des rechten Beines` fest. Niemand sieht es, aber Gaby weiß eben, dass es so ist. Sich seitlich zu bücken, wird für sie zur wahren Katastrophe. „Puuh!!“ Sie schnappt nach Luft. „Na, was habe ich euch gesagt?“, frohlockt Gifty. Den Nerven und Muskeln bleibt nichts anderes übrig, als der Bandscheibe ihren Mini- Erfolg zuzugeben. Eigentlich könnten sie sich etwas darauf einbilden, denn schließlich wäre es ohne ihr Zutun nie dazu gekommen. Aber so richtig wohl ist ihnen nicht dabei, denn Gaby ist ihr Leben lang sehr um sie bemüht gewesen und hat sie fürsorglich trainiert. „Aber was sie mit Gifty angestellt hat, ist ja wohl kaum fürsorglich zu nennen!“ --- Gaby bekommt 600 mg-Tabletten. Drei Tage lang soll sie 3/pro Tag nehmen. „Danach sehen wir weiter! Übrigens eignet sich das Medikament X wegen der Suchtgefahr zur Schmerzlangzeittherapie überhaupt nicht!“, betont der Arzt noch. „Die kriegst du nicht klein, Gifty!“, versetzen die Nerven der Bandscheibe. „Sie fährt jetzt stärkere Geschütze auf!“ „Stiiicheel!!“ In den darauf folgenden Tagen vergeht der Bandscheibe das Sticheln. Das feindliche Lager ´Gaby plus Bombenmedikament` verweist sie den Schmerz abtötend deutlich in ihre Schranken. Beinahe zur Untätigkeit verurteilt, trotzt sie: „Bild` dir bloß nicht ein, du hättest mich besiegt. Irgendwann einmal steche ich dich noch in die Waagerechte!!“

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