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Die erste Dauerwelle

Von ehemaliges Mitglied 10.03.2019, 15:11

So war es wirklich…

12 Jahre Bundeswehr lagen hinter, die Eroberung der freien Welt vor mir. 12 Jahre Disziplin, Zuverlässigkeit und vor allem ein „ordentlicher“ Haarschnitt bestimmten in der Zeit mein Leben (natürlich neben vielen anderen Dingen auch). Es galt, alte Zöpfe abzuschneiden und den Stallgeruch loszuwerden. Niemand sollte merken, dass ich so lange Zeit Soldat war, für den Befehl und Gehorsam zum Tagesablauf gehörte wie Haarspray für Rudolf Mooshammer.
Um es kurz zu machen: Ein neue Haarschnitt musste her!! Was bot sich Anfang der 80er Jahre an? Ganz klar eine fesche Dauerwelle, nicht unbedingt ein Afrolook, den hatte meine Frau schon hinter sich gelassen, aber so richtig schöne Dauerwellen, die noch dazu äusserst praktisch sein sollten.
Aber dieser Wunsch stürtzte mich auch in einen großen Zwiespalt: Wie komme ich zu so einem ganz neuen Look? Beim Damenfriseur? Ich unter lauter hochsensiblen Frauen Seit an Seit im Damensalon?? Eine schier unerträgliche Vorstellung. Und ich lebte ja mitten auf dem Dorf, da geht das ja gleich zweimal nicht, denn bevor der Hahn dreimal gekräht hätte, wäre die Kunde schon bei letzten Bäuerin angekommen gewesen, dass da „so ein Gespinnerter“ sich Dauerwellen hat machen lassen.

Nun, nach langem Hin und Her kam mir der rettende Einfall: Ich fahre nach München und geh in den größten Salon der Stadt, da falle ich garantiert nicht auf. Nachdem ich meinen ganzen Mut zusammen genommen hatte, fuhr ich eines Tages nach München in das Kaufhaus Hertie, die hatten nämlich (für mich natürlich) einen riesigen Frisörsalon (damals schrieb man noch Friseur). Ich setzte mich in der Wartehalle (so groß war das..) in einen Sessel und wartete, bis ich aufgefordert wurde, mitzukommen. Übrigens von einer aussergewöhnlich attraktiven Frisörin. Sie geleitete mich zu den Herren, legte mir ein ärmelloses Kleid um und fragte mich dann, wie ich Haare denn gerne geschnitten haben möchte. Als ich was von Dauerwellen stammelte, bekam sie große Augen und ein Lächeln huschte über ihr wunderschönes Gesicht. In diesem Augenblick dachte ich an alles andere als an Dauerwellen…

„Ahhh, Dauerwellen wünscht der Herr, da sitzen wir jetzt aber ganz falsch, bitte folgen Sie mir doch“ hörte ich eine so wohlklingende Stimme, dass ich der bis ans Ende der Welt gefolgt wäre. Aber jetzt überkam mich doch die verdrängte Angst und mir schwante Schreckliches: Ich muss in die Damenabteilung. Ich folgte ihr und machte mich dabei so klein wie es nur ging, damit mich ja niemand erkennen konnte. Stolze 184 cm schmolzen auf gefühlte 120 cm zusammen. Ich verkroch mich dann in den von ihr zugewiesenen Foltersessel und harrte der Dinge, die da kommen mögen. Bei dem Gang nach Canossa spürte ich die durchdringenden Blicke der anwesenden Damen, deren Köpfe schon überwiegend umrahmt von diesen Folterapparaturen waren.

Diese unglaublich attraktive Angehörige ausserirdischer Wesen wickelte dann einige Handtücher um meinen Hals und drückte meinen Oberkörper samt Kopf in die Waagrechte, reichte mir noch einen Waschlappen („um meine Augen vor Wasser zu schützen…“) und begann dann ganz geschickt, meine Haare zu waschen, dabei mit ihren unglaublich zärtlichen Fingern meine Kopfhaut zu massieren. In diesem Augenblick fragte ich mich, weshalb ich nicht schon viel früher mir beim Frisör die Haare habe waschen lassen?

Nachdem dieser Auftakt für die nachfolgende Prozedur abgeschlossen war, brachte sie mich wieder in eine sitzende Position. Ich schielte immer wieder verstohlen nach links und rechts ob da nicht ein paar von diesen neugierigen Blicken auf mich gerichtet waren. Ich konnte das durch die Spiegel ganz genau erkennen.

Meine Haare wurden zunächst leidlich getrocknet und nun begann der für mich bis dahin erniedrigendste Vorgang: Das Eindrehen von sogenannten Haarwicklern oder wie mir jemand später erklärte von Miniplis. Wäre in diesem Augenblick ein bekanntes Gesicht aufgetaucht, ich wäre halsüberkopf geflohen!

Als diese unsägliche Handarbeit beendet war, kam dann eine noch größere Erniedrigung: Statt mir einen Dornenkrone wie dem Jesus aufs Haupt zu drücken, damit ich alle meine Sünden tilgen konnte, schob sie mir eine Warteschlange zwischen Haaransatz und Gesicht, Hals und Nacken. „Damit meine Haut durch die nun aufzutragende Chemie nicht gereizt wird“ erklärte mir diese verdammt gut aussehende rechte Hand des Teufels ganz fürsorglich. Und kaum gesagt, spürte ich auch schon die Wirkung dieser Säure auf meiner Kopfhaut. „Wieso dürfen Menschen anderen unbescholtenen Menschen so etwas ungestraft antun?“ schoss es mir durch den Kopf. Aber für solche Gedanken war es jetzt schon zu spät, ich fügte mich dem Schicksal und schloss einfach nur die Augen, „ich werde das doch überleben, unsere Kriegsteilnehmer haben viel größere Strapazen ausgehalten.“

Als diese alchemistische Substanz verbraucht war, kam das nächste Folterinstrument zum Einsatz: Eine Höllenmaschine, die Hitze, Wind und Lärm erzeugte, als wäre ich nicht schon geschunden genug… Ich denke, dass ich gefühlte 5 Stunden unter der sogenannten Trockenhaube (welch niedliche Beschreibung) verbrachte. Vorher fragte mich diese wirklich unglaublich gut aussehende Frisörin mit ihrer melodischen Stimme, ob sie mir einen literarischen Wunsch erfüllen dürfte. Um mich ja keines weiteren Verdachtes auszusetzen, wählte ich die Auto, Motor und Sport obwohl ich viel lieber die Neue Illustrierte durchgeblättert hätte, einfach nur um mal wieder auf andere Gedanken zu kommen…

Als dann endlich diese Höllenmaschine abgestellt wurde und ich wieder aufrecht im Sessel sitzend der Miniplis entledigt wurde, rückte der Augenblick immer näher, ab dem ich mich mit einer neuen Identität versehen im Spiegel betrachten konnte. Vorher war noch eine weitere geheimnisvolle Substanz in meinen Haaren verteilt worden )“damit die Dauerwelle länger hält“) irgend so was wie ein Neutralisator.

Der erste verstohlene Blick in den Spiegel. Da blickte mir ein völlig fremder Mensch entgegen, der aber den selben Oberlippenbart wie ich trug. Auch die Haarfarbe war identisch. Hätte mich die sagenhafte Frisörin mit meinem Namen angesprochen, ich hätte bei einer Zeugenbefragung vor der Polizei Stein und Bein darauf geschworen, diesen Kerl vorher noch nie gesehen zu haben…

Jetzt noch ein paar korrigierende Schnitte mit der Schere, dann war meine Metamorphose beendet, der Kittel wurde abgenommen und ich konnte mich jetzt von allen Seiten in Augenschein nehmen. „Und?“ fragte mich die Stimme aus einer anderen Welt, „passt es?“ Ich traute mich nichts anderes zu sagen wie „ja, genau so hab ich es mir vorgestellt“. Sie meinte dann noch mir sagen zu müssen, dass die Dauerwelle erst in 2 bis 3 Wochen so richtig schön wird und ich dann beginnen kann, ein ganz anderer Mensch zu werden. Das aber war ich jetzt schon.

Und es sollte nicht die letzte Dauerwelle gewesen sein. Alle fünf Monate die selbe Prozedur, verbunden mit der Freude ein Hahn im Korb zu sein…

15 Jahre blieben die Locken mein Markenzeichen…

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