Die Akte X
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Feierabend-Mitglied
Dienstag 27.10.2026, 06:11
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Ich führe inzwischen eine Akte. Nicht offiziell. Eine graue Pappmappe reicht völlig. Darauf steht:
Akte X
X wie: Warum?
Früher kommentierte die Betreffende nahezu jeden meiner Texte. Es war beeindruckend. Manchmal hatte ich einen Beitrag gerade veröffentlicht, da stand ihr Kommentar schon darunter.
Ich hegte zeitweise den Verdacht, sie wohnte im Internet.
Dann geschah etwas.
Was genau, konnte bis heute nicht ermittelt werden.
Die Kommentartätigkeit brach schlagartig ab.
Nicht allgemein.
Nur bei mir.
Bei anderen schrieb sie weiterhin Kommentare von beeindruckender Länge und Ausdauer.
Der Sachverhalt wurde dadurch deutlich komplizierter.
Erste Ermittlungen verliefen erfolglos.
Tatwaffe: unbekannt.
Motiv: unbekannt.
Tatzeit: unbekannt.
Täter: vermutlich niemand.
Zeugen: keine.
Ich stellte verschiedene Hypothesen auf.
Hypothese 1: Ich habe sie beleidigt.
Nach gründlicher Prüfung fand ich keine Beleidigung.
Andererseits übersehe ich gelegentlich auch meine Brille.
Die Hypothese blieb daher vorläufig im Verfahren.
Hypothese 2: Sie erwartete etwas von mir.
Was genau, ließ sich nicht feststellen.
Die Ermittlungen verliefen im Sand.
Hypothese 3: Sie bekam bereits, was sie wollte.
Diese Theorie gefiel mir sofort. Nicht weil sie wahr sein musste. Sondern weil sie elegant war.
Sie hätte dann einfach ihre Mission erfüllt.
Objekt untersucht.
Daten gesammelt.
Auftrag abgeschlossen.
Weiter zum nächsten Einsatzgebiet.
Ich stellte mir vor, wie irgendwo ein geheimer Bericht erstellt wurde:
„Subjekt M erfolgreich beobachtet.“
„Vorlieben: Ostsee, Katzen, Geschichten.“
„Besonderheiten: trockener Humor.“
„Gefährlichkeit: gering.“
„Weitere Beobachtung derzeit nicht erforderlich.“
Akte geschlossen.
Der Fall wäre damit geklärt.
Leider existiert dieser Bericht vermutlich nicht.
Oder er wird unter Verschluss gehalten.
Heute ist die Akte X weiterhin ungelöst.
Gelegentlich sehe ich die Betreffende anderswo schreiben.
Sie lebt also.
Die Spur ist nicht abgerissen.
Sie führt nur nicht mehr zu mir.
Inzwischen habe ich mich mit der Situation arrangiert.
Jede gute Kriminalgeschichte braucht schließlich ein ungelöstes Rätsel.
Und sollte die Wahrheit eines Tages ans Licht kommen, besteht eine ernste Gefahr:
Dass sie vollkommen langweilig ist.
Vielleicht lautet die Erklärung schlicht:
„Ich hatte irgendwann keine Lust mehr.“
Und dafür habe ich keine Akte angelegt.
Denn selbst die beste Ermittlerin kann gegen die menschliche Belanglosigkeit nichts ausrichten.
Die Akte X wurde schließlich geschlossen.
Nicht, weil der Fall gelöst war.
Sondern weil sämtliche Ermittlungen ergebnislos verliefen.
Die Betreffende kommentierte weiterhin fleißig bei anderen.
Nur bei mir nicht.
Das war ihr gutes Recht.
Genauso wie es mein gutes Recht war, das merkwürdig zu finden.
Nach langer Prüfung aller Tatsachen blieb daher nur ein einziges gesichertes Ermittlungsergebnis:
Sie wusste, warum sie schwieg.
Ich wusste es nicht.
Und vermutlich war ich die Einzige, die sich überhaupt noch mit dieser Frage beschäftigte.
Ich legte die Akte in den Schrank.
Direkt neben die Unterlagen über den verschwundenen zweiten Socken.
Beide Fälle gelten bis heute als ungelöst.
Wobei der Socken deutlich weniger verdächtig wirkt.
Monatelange Observationen.
Drei Leitzordner.
Vier Theorien.
Zwei Nebenakten.
Ein verdächtiger Socken.
Und dann endlich die lang ersehnte Aussage der Hauptverdächtigen:
„Ach so. Nein. Ich hatte einfach nichts mehr zu sagen.“
Das ist ungefähr so, als würde man nach zwanzig Jahren erfahren, dass das Monster von Loch Ness eigentlich nur eine Ente mit schlechter Körperhaltung war.
Aufwand und Ergebnis:
Ermittlerin: „Ich habe sämtliche Indizien ausgewertet, Zeugenaussagen verglichen und verschiedene Motive geprüft.“
Hauptverdächtige: „Ja ... weiß auch nicht. War halt so.“
Damit wäre der Fall offiziell abgeschlossen.
Der Socken dagegen bleibt weiterhin unter Beobachtung.