Der umtriebige Hund Flocki
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Feierabend-Mitglied
Dienstag 11.06.2024, 17:23 – geändert Dienstag 11.06.2024, 17:27
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In ihrer Kindheit und Jugend war Flocki, der Hund meiner Großeltern, der Liebling meiner Mutter, die von allen nur Vicky genannt wurde. Wenn er nicht gerade mal wieder im Dorf nach dem Rechten sehen musste, hing er stets an ihren Fersen. Ein unerschrockener Jack-Russel-Terrier-Verschnitt mit schwarzem Gesicht und einem weißen Streifen, der von seiner Stirn bis unter das Kinn lief und ihm ein verwegenes Aussehen gab.
Jedes Jahr im Mai feierte das Dorf, in dem Vicky lebte, seine Kirchweih. Bei dieser Gelegenheit wetteiferten die Frauen mit ihren Koch- und Backkünsten. Traditionell wurde am Festtag ein Sauerbraten mit Rahmsoße und zarten, duftigen Hefeknödeln gereicht. Am Nachmittag gab es die heißgeliebten dreierlei Küchlein. Kleine, flache, runde Kuchen aus einem üppig mit Butter und Zucker zubereiteten Hefeteig. Die Küchlein wurden entweder mit Pflaumenmus, Quark oder Mohn mit Streusel gebacken und je nach Geschmack, zusätzlich mit flüssiger Butter bestrichen. Vickys Mutter war eine viel gelobte Köchin. Am Vortag des Festes hatte sie bereits den Rinderbraten vorbereitet und mehr als drei Dutzend der süßen Küchlein gebacken. Voller Stolz schaute sie gerade auf ihr gelungenes Werk und stellte die drei Backbleche zum Abkühlen auf die große Fensterbank.
Flocki schlich schon den ganzen Morgen in der großen Bauernküche herum. So oft er des Zimmers verwiesen wurde, so hartnäckig kam er bei der nächsten Gelegenheit wieder zurück. „Herrschaftszeit, scher dich raus!“ Die Großmutter kannte kein Pardon. Zu seinem großen Kummer war es Flocki nicht gelungen, etwas von dem verführerisch riechenden Rinderbraten zu ergattern. Mit den Worten „Raus, hier gibt’s nichts für dich“ scheuchte ihn die Großmutter wieder einmal aus der Küche. Der Braten verschwand in der Vorratskammer und war für Flocki nicht mehr erreichbar. Aber er war beharrlich. Einmal musste doch seine Chance kommen? Und sie kam, in Gestalt der Nachbarin, die an der Haustür klopfte und um ein bisschen Hefe bat. Darauf hatte Flocki nur gewartet. Kaum hatte die Großmutter die Küchentür einen Spalt geöffnet, da drängte er sich durch die angelehnte Tür und sprang zielsicher auf die Fensterbank, wo die Küchlein auf den Blechen abkühlten. Gierig schleckte er die vor Butter triefenden Küchlein ab, wobei er mit einem Auge die Tür beobachtete, durch die Vickys Mutter wieder in die Küche kommen könnte. Nach kurzer Zeit kam sie und ertappte Flocki, wie er mitten auf einem Blech voller Küchlein stand. Bei ihrem Anblick sprang er vor Schreck aus dem Küchenfenster. Drei ohrenbetäubend laut klappernde Bleche voller Küchlein folgten ihm im hohen Bogen.
Da lagen sie nun – die einst so leckeren Küchlein - wie hingespuckt, teils in der Küche, teils draußen vor dem Fenster auf der Erde. Vom Donner gerührt blieb die Großmutter starr vor Entsetzen einen Augenblick an der Tür stehen. Als sie das Gemetzel sah, das Flocki angerichtet hatte, war ihr Zorn unbeschreiblich „Ich bring ihn um, den Sauhund“, schrie sie erbost. „Der kommt mir nimmer ins Haus. Ich will ihn hier nie mehr sehen. Morgen feiern wir den Hl. Nepomuk und ich habe keine Küchlein“. Tränen des Zorns und der Ohnmacht traten ihr in die Augen. Die ganze Arbeit durch einen verfressenen Hund zunichte gemacht. Sie war außer sich. Denn das hieß für sie, noch einmal mindestens drei Dutzend Küchlein zu backen. Eine lange Zeit wütete sie in der Küche über den undankbaren Hund, den sie wie eine Natter an ihrer Brust genährt hätte, und dann diese abgrundtiefe Niedertracht! Als sich schließlich ihre Aufregung und ihr Zorn etwas gelegt hatten, ging sie schicksalsergeben in die Speisekammer, um die Backzutaten für die neuen Küchlein zusammen zu suchen.
Auch im Winter bei Schnee und Frost spannte Vickys Vater die Pferde täglich an, damit sie Bewegung hatten und ihr Blut nicht träge wurde. Am schönsten war es, wenn man im Schlitten saß, ein paar angewärmte Ziegelsteine die Füße warm hielten und die Schlittenglocke mit ihrem fröhlichen Klingeling die Fahrt durch die weiße Winterlandschaft begleitete. Auf diesen Fahrten durfte Flocki nicht mit dabei sein. Er hätte mit seiner aufgeregten Art sowohl den Kutscher als auch die Pferde in den Wahnsinn getrieben. Dass er zu Hause bleiben musste, fand er wiederum nicht richtig und so lief er unaufhörlich und ungeduldig im Haus hin und her. Mit aufgestellten Ohren lauschte er nach draußen und lief immer wieder zum Fenster. Er terrorisierte die Anwesenden dermaßen, dass man das Fenster trotz eisiger Kälte für ihn öffnen musste, dann stellte er sich auf die Hinterbeine und schaute und lauschte im Minutentakt prüfend hinaus. Als die Familie noch lange nicht hörte, dass sich Vickys Vater wieder näherte, spitzte Flocki bereits die Ohren. Dann gab es kein Halten mehr. Durch das geöffnete Küchenfenster sprang er in einem Riesensatz unaufhaltbar über den Hof und den Zaun auf die Straße und dem Gefährt entgegen. In seiner Freude, Vater und Pferde wiederzusehen, sprang er bellend und vor Erregung zitternd, wie ein Gummiball in die Luft, um sich schließlich an die Trense von Vera, dem gutmütigen Kaltblüter zu hängen, und sich ein paar Meter von ihr mittragen zu lassen. Vera, die Flockis Extravaganzen gut kannte, ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und Flocki war vorsichtig genug, Vera bei seiner Hängepartie nicht aus Versehen in das empfindlich weiche Pferdemaul zu beißen. Wie er diesen zirkusreifen Akt fertigbrachte, blieb selbst seinen Menschen verborgen. Vor überschwänglicher Begeisterung über das Wiedersehen war Flocki völlig aus dem Häuschen. Man hätte meinen können, dass er Vickys Vater mit seinem Gespann seit Tagen nicht gesehen hätte.
Viele Jahre war Flocki ein treuer und umtriebiger Begleiter der Familie. Eines Tages aber, ich glaube es war Winter, kam Flocki von seinem Inspektionsgang durchs Dorf nicht mehr nach Hause. „Wo bleibt nur unser Flocki? Er müsste doch schon lange hier sein“.Aber Flocki kam nicht. Stundenlang suchte die ganze Familie nach ihn. Er war nicht aufzufinden. Alle hatten schon aufgegeben, nur meine Mutter nicht. Sie suchte und suchte bis in die späte Dämmerung hinein. Schließlich wollte
sie schon aufgeben, aber dann machte sie sich noch einmal auf den Weg, der an einem Steilhang endete und rief nach ihrem Hund. Als sie sich über den Abhang neigte, hörte sie von unten ein leises Wimmern. Da unten lag tatsächlich Flocki und konnte sich nicht rühren. Sie sprang den Abhang hinunter hob den wimmernden und zitternden Flocki auf
und trug in ihren Armen nach Hause. Tränen der Sorge um sein Schicksal liefen ihr über die Wangen. Wahrscheinlich war Flocki bei der Verfolgung irgendeines Tieres im Überschwang den Abhang hinuntergesprungen und hatte sich das Rückgrat schwer verletzt. Man holte den Tierarzt, aber der machte keine Hoffnung. „Wenn es morgen nicht besser ist, müssen wir was tun“. Meine Mutter ahnte, was das bedeutete. Sie legte Flocki in einem, von ihr liebevoll ausgepolsterten Korb vor ihr Bett und hoffte auf ein Wunder. In der Nacht konnte sie kaum schlafen. Jedes Mal, wenn sie nach ihm sah, schaute Flocki sie mit seinen schwarzen Augen still an. Als sie schließlich fest einschlief und am nächsten Morgen aufwachte, lag Flocki tot im Korb neben ihr. Er war in der Nacht leise gestorben. Beim Anblick ihres geliebten Hundes schluchzte meine Mutter laut auf und lief weinend in die Wohnstube. Ihre Eltern versuchten sie zu trösten, aber es gab keinen Trost für sie. Sie konnte den Verlust ihres treuen Hundes und Spielkameraden über viele Monate kaum ertragen. Ihren Flocki hat sie nie vergessen und auch wir
Kinder weinten jedes Mal heiße Tränen, wenn sie uns vom tragischen Tod ihres geliebten Hundes erzählte.