Der treffende Vergleich
Von ehemaliges Mitglied Mittwoch 03.06.2020, 15:33 – geändert Mittwoch 03.06.2020, 16:54
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Jüngst führte mich ein Geschäft in eine Stadt, deren Namen nicht von Bedeutung ist. Ich kam zu früher Stunde in dieser Stadt an und hatte demnach noch genügend Zeit für die Erledigung der geschäftlichen Dinge. So kehrte ich in einer Gaststätte ein, nahm dort an der Theke Platz und bestellte einen Kaffee. Kurz nach mir betrat ein älterer fein gekleideter Herr das Gasthaus, der hier wohl bekannt war, denn ohne daß er ein Wort sagte, kredenzte der Wirt ihm ein Glas Rotwein. Der ältere Herr indes machte sich an dem Musikautomaten zu schaffen, bis aus ihm ein Schlager aus den siebziger Jahren erklang. Der Herr kostete den Wein und schmunzelte dabei, und dieses Schmunzeln verblieb in seinem Gesicht, so lang der veralterte Schlager spielte. Nachdem der Musikautomat verstummt war, trank der Mann seinen Wein, bezahlte ihn und verließ das Lokal.
Wochen darauf kehrte ich wieder einmal hier ein, und wieder betrat der Herr die Gaststätte, ging zu dem Musikautomaten, wählte das ergraute Lied, trank Wein und schmunzelte. Es plagte mich die Neugier, also wandte ich mich an ihn. „Verzeihen Sie, wenn ich Sie so einfach anspreche, aber frage ich mich, weswegen Sie schmunzeln, wenn Sie diesen Schlager hören.“ Der Herr ließ das Weinglas sinken, „ach, es ist nicht das Lied, das mich erheitert, es ist die Geschichte, die sich an ihn bindet.“
„Wären Sie so freundlich, und würden Sie mir erzählen, ich lasse mich gern erheitern.“
„Aber gerne. Hören Sie zu: es ist jetzt schon einige Jahre dahin. Damals wollte ich in für meine Modelleisenbahn Zubehör kaufen; in dieser Stadt gab es den einzigen Händler weit und breit, der über besonderes Zubehör verfügte. In jener Straße, in welcher der Händler ansässig war, gab es eine Gaststätte. Aus einem halboffenen Fenster klang Musik, eben dieser Schlager, den ich immer auswähle. Er gefiel mir, also betrat ich die Wirtschaft. Drinnen waren ungewöhnlich viele Frauen versammelt. Ich setzte mich an die Theke, bestellte einen Rotwein und lauschte der Musik. Da setzte sich eine junge Dame zu mir und frug, ob mir ihre Gesellschaft lieb sei. Mir schwante, ich welch ein Lokal ich mich verirrt hatte, doch blieb ich, lud die Frau zum Wein ein. „Mögen Sie das Lied?“ frug sie, und als ich es bejahte, wählte sie den Schlager erneut. Wir sprachen über dies und das, bis sie mir anbot, mit auf ihr Zimmer zu gehen. Ja, und ich bin mit ihr gegangen. Den Weg zu dem Modelleisenbahnladen konnte ich mir nachher ersparen, denn war das Angebot der Dame, wie Sie sich denken können, nicht kostenlos und billig war es auch nicht.“
Der Herr nippte an seinem Wein und befand, „gewiß, keine besondere Geschichte, aber immer, wenn ich dieses Lied höre, erinnere ich mich des Geschehens; eigentlich wollte ich Modelleisenbahnzubehör kaufen, statt dessen verpraßte ich das Geld dafür mit einem leichten Mädchen. Aber darum geht es gar nicht, ich erheitere mich weder an dem Lied, noch an der Frau, sondern allein an meinem – wenn Sie so wollen, Fehltritt. Verstehen Sie, ich lache über mich selbst, über andere kann man nur selten lachen. Mal einen Fehler begehen, ihn nicht zu bereuen, sich seiner erfreuen, sei’s drum.“
„Und genau genommen“, fügte ich dem bei, „war Ihre Entscheidung gar nicht mal falsch.“ Er verstand mich wohl nicht, so setzte ich hinzu, „mit Verkehr hat beides was zu tun – Eisenbahn und Frau.“ Mein Gesprächspartner grinste und gab zu, dies so noch nicht gesehen zu haben, es stimme aber.