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Der Schrank

Von Muehlbachhexe1 Montag 26.11.2018, 12:04


Ein besonders Einkaufserlebnis

Mein Bruder benötigte einen Kleiderschrank. Da er, als Anhänger von Nachhaltigkeit, grundsätzlich keine Neumöbel aus Möbelhäusern – egal ob deutsch oder schwedisch- in seinem Waldlerhäusl aufstellt, war ich ganz glücklich, ihm einen Gebrauchtmöbelhändler als „Geheimtip“ verraten zu können.
Der gute Mann betreibt sein Gewerbe tief drin im Bayr. Wald, gar nicht weit entfernt von der Adresse meines Bruders und da ich selbst auch noch nicht das Vergnügen hatte, wollten wir beide uns das Angebot erst einmal unverbindlich beäugen.

Vor ein paar Tagen also, machten wir, nach telefonischer Vorankündigung, dem Menschen unsere Aufwartung, mit dem Resultat, daß sich mein Bruder heute im Besitz eines unschönen Kleiderschranks befindet und außerdem um 100 Euro ärmer ist.

110 ganze Euro wollte der kleine, dürre, wohl um die 80 Jahre alte Weidinger * ursprünglich, eine Summe, die angesichts des armseligen Verkaufsobjekts jedem Anderen die Schamesröte in`s Gesicht getrieben hätte.
Aus berechtigtem Protest ( da waren wir uns einig) sahen wir uns verpflichtet und genötigt, den stolzen Preis herunterzudrücken, was uns mit vereinten Kräften, nach viel Mühe und Zeitaufwand und schließlich gar eines Appells an seine Menschlichkeit, doch noch, wenn auch nur um magere 10 Euro, gelang.
Diesen unseren Erfolg weiß allerdings nur der als wahre Meisterleistung zu würdigen, der das alte Schlitzohr kennt! Einen Versuch, den Preis eventuell noch weiter zu drücken, wäre unweigerlich zum Scheitern verurteilt gewesen, das war uns beiden sofort klar.
Keinen unserer bescheiden hervorgebrachten Einwände, betreffs der qualitativen Minderwertigkeit des Objekts ließ er gelten und keinen unserer trotzigen Hinweise auf verschiedene Schmierer und Kratzer ließ er als „wertmindernd“ durchgehen.
Ja, er verstand es schließlich sogar, uns jede Scharte und abgestoßene Kante so als Antiquität anzupreisen, daß wir am Ende fast bedauerten, keinen „antikeren“ Schrank kaufen zu dürfen (er hatte keinen mehr auf Lager) und uns gegenseitig zu diesem trefflichen Kauf beglückwünschten.

Ich glaube, in diesem Verhandlungsstadium hätten wir freudig das Doppelte auf den Tisch geblättert, wenn`s der Weidinger* verlangt hätte. Aber er tat es nicht- aus reinem Mitleid vermutlich.
Als er schließlich noch „das Stangl“ aus einer Ecke gekramt hatte, war der Handel perfekt. Den Schlüssel gab es gratis obendrein.

Bevor wir glücklich von Dannen ziehen durften, mussten wir aber erst noch sein reichhaltiges Möbellager besichtigen.
Da standen Kästchen und Schränkchen, Kommoden, Öfen und Stühle, Tische und Bänke, eine wilde Mischung ab ca. den Siebzigern.
Und während er uns von einer tischlerischen Kostbarkeit zur anderen zerrte, schimpfte er unermüdlich auf die unlauteren Machenschaften der derzeitigen Möbelfabrikanten, die „billig`s Glump“ für horrende Preise verschacherten- wohl dem also, der seine Raritäten, sozusagen als Geschenk, mit nachhause nähme!
Wir waren überwältigt und hatten fast das reuige Gefühl, ihn mit dem gedrückten Preis für den erstandenen Schrank, gewaltig übers Ohr gehauen zu haben.

Vollständig von seiner Güte überzeugte uns der gute Mann, als er es sich nicht nehmen ließ, uns zum Schluß noch eine Schnur- zum Festzurren der Schrankteile - zu schenken! (Mein Bruder wird sie immer in Ehren halten!)

Zurück mit der Beute, hat mein Bruder den Wert seines kostbaren Schrankes, durch Hinzufügen einer weiteren Scharte (mittels Fußtritt) noch gesteigert.
Also ehrlich- gegen ein original Weidinger Stück, sieht ein „Billy“ doch nur alt aus-oder?

*Name geändert

Muehlbachhexe1

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