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Der rote Faden

Von tastifix Donnerstag 28.12.2017, 19:47

Der rote Faden


Der junge Mann liebte jenen Faden. Dieser hatte ihn seines Lebensweges geleitet, war ihm als ein helles Licht, das sich ihm immer wieder sanft rosa zeigte, Hilfe und auch Halt gewesen. So verlor er nie den Glauben an die Freude im Leben.

Vor allem im vergangenen Jahr hatte Jörg zufrieden durch die Tage und Monate gehen können. Beruflich erfolgreich, durfte er genauso privat viele frohe Stunden genießen, die er mit seinen Freunden in geselliger Runde verbrachte oder sich seinen Hobbys widmete. Und er hatte viele Hobbys und freute sich an ihnen. Dennoch empfand der junge Mann eine Sehnsucht, die er sich nicht zu erklären wusste. Er hatte ja alles, was ein Mensch braucht, um sich wohl zu fühlen: Gute Freunde, seine Hobbys, auch eine schöne Wohnung und zudem genug Geld, dass er mehrmals im Jahr verreisen konnte. Wieso also diese wachsende Unruhe, dieses zunehmende Gefühl der Leere?

Eines frühen Abends im Hochsommer machte Jörg wie so oft einen längeren Spaziergang am Fluss entlang. Er lauschte dem leisen Plätschern des Wassers, das nun allmählich zart rosa und dann wenige Minuten später, ständig kräftiger rot gefärbt zu sein schien. Es war ein zauberhafter Anblick und der junge Mann schaute unwillkürlich träumend zum Himmel empor. Überall schmückten rote Ränder die Wolken und durchzogen farbige Streifen wie dicke Fäden das Himmelsblau. Von leuchtendem Rot waren diese Fäden, so, wie er es sich stets von seinem Leitfaden erhofft hatte.

Ergriffen schloss Jörg einen Moment lang die Augen, um dieses Wunder der Natur tief in seinem Herzen wirken zu lassen. Als er sie wieder öffnete, war jene für ihn bislang unerklärliche Sehnsucht dem Frohsinn gewichen. Er fühlte er sich leicht und beschwingt wie noch nie in seinem Leben. Erneut bewunderte der junge Mann den flammenden Himmel über sich, wandte sich dann ab und wanderte beschwingten Schrittes nach hause. Ohne recht zu überlegen, was er eigentlich tat, setzte er sich an seinen Schreibtisch, griff ein Blatt und begann zu schreiben. Immer leichter ging es ihm von der Hand. Sein roter Faden, auf den er so lange gewartet hatte, leitete ihn von Kapitel zu Kapitel. Wochen und Monate vergingen, in denen der junge Mann fast die Nächte durch schrieb. Als er sich dann nach einem halben Jahr erschöpft, aber glücklich zurück lehnte, lag dort vor ihm sein erstes von ihm selber verfasstes Buch.

Er war sich sicher: Er wollte Schriftsteller sein ...


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