Neu hier? Lies hier über unser Motto gemeinsam statt einsam.
Mitglied werden einloggen




Passwort vergessen?

10 6

Der Bikini

Von Feierabend-Mitglied Montag 26.02.2024, 12:49

Der Bikini
Sie stand in der engen Kabine und schwitzte. Es war Samstagnachmittag und der Laden voller Leute. Sie hasste die Ladenbesitzer, die ihren Kunden diese winzigen Verschläge zumuteten, die nur mit einem dünnen, freischwebenden Vorhangstoff abgeteilt wurden. Man konnte sich darin kaum rühren, geschweige denn die eigene Kleidung verstauen, ohne den staubigen Boden zu fegen.
Der rote Bikini, den ihr eine wohlmeinende, aber wohl kurzsichtige Verkäuferin gereicht hatte und in den sie sich mühevoll hineingezwängt hatte, war wirklich zu klein. Die über das Bikinihöschen quellenden Speckröllchen zeigten ihr gnadenlos, wo das Problem lag. Unglücklich betrachtete sie sich im Spiegel. Wenigstens hatte sie keine Cellulite, aber das war nur ein schwacher Trost. Dabei hatte sie doch bereits vor Monaten den Entschluss gefasst, sich bis zum Sommer eine bikinitaugliche Figur zu erarbeiten.
Frustriert drehte und wendete sich in dem stickigen kleinen Kabuff und wünschte, sie hätte sich eine großzügigere Dosis ihres Deos gegönnt.
Von draußen hörte sie das ungeduldige Winseln von Timmy, ihrem kleinen weißen Westi. Weil sie wusste, dass er ihre Aufforderung „Sitz!“ nur eine gewisse Zeit befolgen konnte, hatte sie ihn an einem Sessel in der Nähe der Kabine angebunden. Dieses Mal musste er warten, sie brauchte diesen Bikini unbedingt für ihren Urlaub an der Costa Brava.
Verbittert quälte sie sich, den dünnen, elastischen Stoff auf ihrer schweißnassen Haut in die richtige Position zu ziehen. An diesem ganzen Drama war nur ihr Mann schuld. Warum fiel es ihm ausgerechnet jetzt ein, jetzt wo sie sich dazu durchgerungen hatte, den unerwünschten Pfunden ernsthaft zu Leibe zu rücken, ständig Süßigkeiten zu kaufen und sie frech in der Speisekammer zur Schau zu stellen. Er, der sich eigentlich wenig aus Naschereien machte, stapelte vor ihren Augen die pure Verführung in Form von Keksen, Pralinen, Bonbons und Schokolade in allen nur erdenklich köstlichen Variationen. Wie sollte man da jedes Mal die Tür entsagungsvoll wieder schließen, wenn einem die Leckereien beim Öffnen entgegensprangen und „Iss mich!“ zuriefen. Sie unterstellte ihm Böswilligkeit und hinterlistige Torpedierung ihrer Anstrengungen, die Taille um einige Zentimeter zu verkleinern. Zu ihren Vorwürfen hatte er nur mit der Schulter gezuckt. Was hatte ihr leicht untergewichtiger Mann noch vor zwei Tagen gesagt „Ich mag keine dürren Weiber“. Ja, du lieber Gott, in die Kategorie „dürres Weib“ könnte sie vielleicht noch mit der Hälfte ihres aktuellen Gewichtes antreten, aber doch nicht so!
Schließlich hatte sie ihn zur Rede gestellt, ihm deutlich gemacht, dass er sich nicht einbilden müsse, sie tappe in seine Falle. Von ihrem eisernen Willen hatte sie ihm erzählt und von ihrer Standhaftigkeit. Bei dem Wort „Selbstdisziplin“ hatte er ihr laut ins Gesicht gelacht.
Aber gestern, gestern Abend nach der sehr übersichtlichen Essensration musste es keinen verwundern, dass ihr Heißhunger auf Süßes mit ihr durchgegangen war. Noble Tropfen in Nuss“, eine ihrer Lieblingssüßigkeiten, hatte er bei seinem letzten Einkauf mitgebracht. Warum ausgerechnet diese, wo er doch genau wusste, dass sie dafür morden würde und aus eben diesen Gründen sich selbst niemals, nein wirklich nie, nie, nie diese hochkalorischen Köstlichkeiten kaufen würde!
Als ihr hungrig auf der Lauer liegende innere Schweinehund sie zu einigen unnötigen Besuchen der Küche und ziellosen Inspektionen der Speisekammer gedrängt hatte, wo die Verlockung offen zu Tage lag, brach schließlich ihre sorgsam errichtete Festung des Widerstands. Es gab kein Halten mehr. Ein Griff, ein rascher Schritt in ihr Zimmer und der Karton landete in der Schublade ihres Schreibtisches. Vorsichtig lauschte sie nach Geräuschen von draußen. Kein Grund zur Sorge. Ihr Mann sah die Tagesschau. Rasch entfernte sie die Cellophan-Verpackung, öffnete den Deckel und schon präsentierten sich die Objekte ihrer Begierde unverhüllt vor ihren Augen. Die erste Praline verschwand in ihrem Mund. Um den Genuss ein wenig hinauszuzögern, lutschte sie zunächst nur daran. Dann aber konnte sie ihre Gelüste nicht weiter zügeln und biss energisch in die zersplitternde Köstlichkeit. Schon mischte sich das hochprozentige Obstwasser mit der Schokolade und den knusprigen Nüssen. Ihre Geschmacksnerven vibrierten vor Lust. Es war einfach göttlich. „Nur drei Stück! Mehr nicht“! drängte sie sich selbst zur Ordnung. Aber der innere Schweinehund ließ nicht mit sich handeln, bis die letzte Praline krachend von ihren Zähnen zermalmt war.
Bei den letzten Stücken hatte sie keine Freude mehr verspürt und von Genuss war keine Rede. Im Gegenteil, ihr war speiübel. Ihr Unvermögen, nach einigen Stücken aufzuhören, versetzte sie in eine leichte Depression. Keine Selbstdisziplin! Sie war über ihre eigene Zügellosigkeit außer sich und schämte sich für diese durch nichts zu stoppende Gier. Ja, ja hätte sie nicht so viel davon und von den anderen Dingen in sich hineingestopft, hätte sie jetzt keine Probleme mit dem Bikini.
Morgen früh, schwor sie sich, würde sie den leeren Karton durch einen neuen ersetzen. Ihr Mann würde es sicher gar nicht merken. Seinen hinterhältigen Triumph hätte sie nicht ertragen.
Entmutigt zog sie das Oberteil des Bikinis aus. Gerade wollte sie der Verkäuferin zurufen, sie müsse doch eine Nummer größer nehmen, als sie irritiert bemerkte, dass es vor ihrer Kabine plötzlich zu einem kleinen Tumult kam. Könnte Timmy der Grund dafür sein? Er war doch angebunden. Den Vorhang vor sich haltend, wagte sie einen verstohlenen Blick nach draußen und, ehe sie noch reagieren konnte, sah sie Timmy freudig bellend auf sie zustürmen. In seiner ungestümen Wiedersehensfreude verhedderte er sich allerdings mit seiner Leine so heillos im Kabinenvorhang, dass er diesen zu Boden riss und sie, nur mit einem zu knappen Bikinihöschen bekleidet, mit ungläubig offenstehendem Mund, dem Erstaunen und der offensichtlichen Freude aller dort anwesenden Personen ausgesetzt war.
Für einen Augenblick stand sie in regloser Starre mit bebenden Busen und wogenden Hüften unbedeckt da, dann riss sie blitzschnell ihre Bluse an sich und bedeckte mit zitternden Händen ihre Blöße. Sie stürzte in die nebenstehende leere Kabine und zog hastig ihre Bluse an.
Das laute Lachen und Durcheinanderreden vor ihrer Kabine brachte ihr Herz zum Rasen und ihre Wangen zum Glühen. Welch schreckliches Schauspiel! Was für eine Blamage! Auf jeden Fall würde sie vor lauter Scham solange in der Kabine bleiben, bis sich das Chaos verzogen hatte.
„Kann ich Ihnen helfen?“, rief eine herbeieilende Verkäuferin.
Helfen? Ein heiseres Krächzen: „Nein danke, ich komme schon alleine zurecht.“ bahnte sich mühsam seinen Weg aus ihrem ausgetrockneten Mund.
Tränen der Ohnmacht und des Zorns über die unfreiwillige Peepshow quollen ihr aus den Augen. Hart sah sie Timmy an, der sich freudig an ihre nackten Beine drängte. „Du böser Hund, du Miststück, was hast du mir da angetan? Zum Gespött aller Leute hast du mich gemacht!“ Wütend sah sie auf ihn herab. Timmy, der nicht wusste, wie ihm geschah, schaute mit seinen dunklen Knopfaugen erstaunt und, sich keiner Schuld bewusst, zu ihr hoch, so dass sie dem kleinen Kerl nicht wirklich böse sein konnte.
Als sie endlich vollständig angekleidet aus der Kabine trat, sprach sie eine junge Frau an: „Ach, Sie sind das? Der arme Hund zerrte so heftig an der Leine, dass ich dachte, er erstickt und da habe ich ihn losgebunden.“
Sie schaute die Frau unfreundlich an und sagte nur: „Danke, das haben Sie wirklich gut gemacht.“

Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten

Mitglieder > Mitgliedergruppen > Kreativ Schreiben > Forum > Der Bikini