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Das Sterben kann warten....Teil 2

Von Feierabend-Mitglied Mittwoch 17.05.2023, 17:53

Wir als Familie treffen uns regelmäßig und nehmen Anteil an ihrem Weg. Sie nahm enorm an Gewicht ab, und wir sind erschrocken, wie elend sie aussieht, nur ihre Augen leuchten noch immer und sie macht weiterhin Pläne. Mein Bruder liest ihr jeden Wunsch von den Augen ab und macht die scheinbar unmöglichsten Dinge möglich. Da sie wegen der Erschöpfung abends immer früh schlafen geht legt sich mein Bruder zu ihr, hält sie im Arm, bis sie eingeschlafen ist und macht dann die Dinge, zu denen er am Tage nicht kommt.
Am 1. Mai habe ich sie am Nachmittag besucht, sie erzählte mit einem Lächeln, dass ihr Mann sie im Rollstuhl auf die 1. Mai-Demonstration gebracht hat, sie 4 Stunden blieben und viele Bekannte und Freunde getroffen hat. Dieses Ritual, dass sie viele Jahrzehnte gemacht haben, wollte sie noch einmal erleben.
Ihr nächstes Ziel ist heute, sie hat von Freunden zwei Karten für ein Konzert von Pink Floyd in der Mercedes-Benz-Arena geschenkt bekommen und freute sich riesig darauf. Aber letzte Woche wurde sie und mein Bruder positiv auf Covid getestet und sie stürzte in ein tiefes Loch. Gestern bekam ich die Nachricht, dass der Test inzwischen negativ ist und sie heute Abend dort hinfahren. Durch den Kontakt mit dem Veranstalter ist alles gut organisiert, sie bekommen ganz vorn einen Rollstuhlplatz und werden am Eingang abgeholt. Wir alle sind sprachlos, denn gestern teilte mein Bruder uns mit, dass ihr nächstes Ziel die Insel Usedom ist, noch einmal das Meer sehen, im Rollstuhl täglich draußen sein, sie fahren am Samstag für eine Woche dort hin, ein Palliativarzt übernimmt dort die tägliche Betreuung mit der künstlichen Ernährung und dem Morphium.
Ins Hospiz möchte sie nicht, da sie zu Hause durch den Pflegedienst, menschliche Nähe, tägliche kleine Ausflüge mit dem Rollstuhl und dem schönen Garten alles hat, was sie braucht.
Mein Bruder hatte ein Pflegebett bestellt, es sollte im Wohnzimmer aufgestellt werden mit Blick in den Garten. Das gemeinsame Schlafzimmer ist im Souterrain und über ein paar Stufen erreichbar. Sie hat das Bett für das Wohnzimmer abgelehnt und möchte in ihrem vertrauten Bett nah bei meinem Bruder sein. Er hilft ihr jeden Tag die Stufen rauf und runter. Die Beisetzung ist vorbereitet, dunkle Kleidung ist nicht erwünscht, es wird u.a. Musik von den Beatles gespielt. Sie hat mit meinem Bruder schon mehrmals ihre zukünftige Grabstelle besucht, der Platz daneben ist für meinen Bruder bestimmt.
Ich habe selbst einige Jahre im Hospiz gearbeitet, aber solch ein langsames und trotz allem positives Vorbereiten auf das Sterben habe ich nicht erlebt

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