Das Paradepferd
Von
Salzbaron
Freitag 12.07.2024, 20:02
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Salzbaron
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ICH HABE EINE STIMME, DIE MAN HÖRT …
Nie war ich klarer, als in jenem Moment des Zu-mir-Kommens im Aufwachraum der Krebsklinik. Routineoperation hatten sie betont lässig gesagt, obwohl ich gar nicht gefragt hatte. Natürlich kann auch mal was schiefgehen, aber das ist Statistik.
Ich war also nicht tot. Nur sprachlos. Irgendwie leer, obwohl der Tubus in meiner Mundhöhle mir vorgaukelte, dass ich voller Sauerstoff und hiermit am Leben war.
Aber warum bin ich trotz klarer Gedanken so undankbar, so unglücklich? Müsste ich nicht jubeln? Ein Arzt hat gesagt, es sei alles bestens. Ich konnte mich nicht freuen. Totale Leere. Auch Tage danach, nur Watte im Hirn. Der imaginäre Starter sprang nicht an.
„Du brauchst ein neues Ziel“, sagte Thomas, der medizinische Psychologe aus der Onkologie und blätterte in meiner Krankengeschichte.
„Was für ein Ziel?“, fragte ich gelangweilt.
„Tu einfach, was du schon immer gerne tun wolltest!“
Der hat leicht reden, dachte ich. Am liebsten würde ich ihm all den aufgestauten Frust ins Gesicht schleudern. Doch ich besann mich. Der Mann meint es gut mit mir. Was kann ich tun? Mich erinnern an die Zeit, als mein zweites Leben begann? Damals nach dem Ausstieg aus dem Säuferleben, da war doch was. Aber das ist lange her … dachte ich.
„Das Paradepferd … Ich war einmal ein Paradepferd!“, sprudelt es plötzlich aus mir heraus.
„Ein Paradepferd?“. Thomas schaut mich völlig entgeistert an. „Erzähl mal, Ferdinand.“
Und ich erzählte ihm meine Geschichte, die Geschichte vom hoffnungslosen Alkoholiker Ferdinand, der in der Gosse lag und irgendwann auf die Idee kam, die Telefonseelsorge anzurufen. Ich hatte mich in einen Erzählrausch hinein gesteigert, ich beschrieb Thomas das Wunder einer nie geglaubten Umkehr, berichtete vom märchenhaften Aufstieg eines halbtoten Obdachlosen, der zum gefeierten Unternehmer wurde. Eben dem Paradepferd der Telefonseelsorge.
„Wahnsinn“, entschlüpfte es dem sonst so nüchternen Psychologen, „so wie du das erzählst, so musst du das festhalten, niederschreiben. Ach was sage ich denn: Am besten du steigst auf die Dächer und schreist es in die Welt hinaus. Du hast eine Stimme, die gehört werden muss!“
Während ich mir früher unter Sprache nur die verbale Art der Verständigung vorstellte, bedeutet sie mir jetzt viel mehr. Seit ich weiß, dass ich etwas zu sagen habe, ist Sprache die Kraftquelle meiner Gelassenheit geworden, deren Ursprung in tiefer Demut liegt.
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