Die Glasperle
Von
tastifix
Freitag 15.03.2019, 14:37 – geändert 17.03.2019, 02:04
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tastifix
Freitag 15.03.2019, 14:37 – geändert 17.03.2019, 02:04
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Es war einmal ein kleines Mädchen. Emmi fehlte es an nichts: Sie hatte liebe Eltern, nette Freundinnen im Kindergarten, viele hübsch Kleider und auch ganz viele Spielsachen.
Eines Tages schenkte die Mutter ihrer Tochter eine kleine Glasperle. Die hing an einem bunten Band. Hielt das Mädchen sie ins Licht, funkelte sie wunderschön. Über kein anderes Spielzeug freute sich Emmi so sehr wie über diese Perle und wenn sie nach ihr gefragt wurde, antwortete Emmi:
„Die ist ein Schatz!“
Die Erwachsenen lächelten nachsichtig. Emmi aber trug die Perle immer bei sich und legte sie nur zur Seite, wenn sie sich ein Bilderbuch anschauen oder toben wollte. Doch dann merkte sie sich genau, wo sie sie hin gelegt hatte.
Zu gern ließ Emmi das Perle an deren Band hüpfen, nach oben, nach unten und auch zur Seite. Manchmal schwang sie sie auch herum, so dass sie sich drehte wie an einem Karussell. Begeistert sah das Mädchen zu, wie sehr die Perle dabei glitzerte.
Emmi ahnte ja nicht, diese Perle ein Geheimnis barg …
Eines Abends, nach einem aufregenden Tag - sie hatte mit Mama und ihren Großeltern einen tollen Freizeitpark besucht - war Emmi sehr müde und schlummerte rasch ein. Um ihren Mund spielte ein frohes Lächeln, denn sie war Achterbahn gefahren, hatte sich in die Geisterbahn getraut und zwischendurch war ihr auch noch ein Eis spendiert worden.
Jedoch schaute ihr Gesicht nicht allein deshalb so froh aus. Den zweiten Grund dafür kannte nur Emmi:
Im Traum war das kleine eitle Mädchen nämlich eine richtige Prinzessin mit einer Krone auf dem Kopf und die Perle nicht aus Glas, sondern ein echter strahlender Diamant. Alle in ihrem Schloss, die Kammerzofen, die Diener und auch die Köche aus der Schlossküche bewunderten den Schmuck, aber selbstverständlich noch viel mehr ihre Prinzessin, denn Emmi war ein hübsches Mädchen mit riesigen blauen Augen und langem blonden Haar.
Emmi vertrieb sich die Zeit damit, all die wunderschönen seidenen Kleider und die schicken Schuhe Kleiderschränken aus den königlichen Kleiderschränken anzuprobieren. Was um sie herum sonst so passierte, interessierte sie nicht. Eigenartig: Mit jedem weiteren Tag, an dem sich Emmi nur stundenlang im Spiegel betrachtete, verlor ihre einstige Perle, nun ein echter Diamant an einer Halskette mehr und mehr seinen Glanz.
„Prinzessin, Prinzessin, Ihr Diamant!“, riefen die Kammerzofen erschrocken.
Emmi wurde blass und weinte bitterlich, so, als ob es nichts Wichtigeres auf der Welt gäbe als ihn. Ja, Hauptsache, sie hatte alles, was ihr Herz begehrte.
Nach einem langen Spaziergang durch den Schlosspark sank sie abends todmüde in ihr Prinzessinnenbett mit der rosa Bettwäsche. Um den Hals trug sie wie immer die Kette mit dem Diamanten. Diese Nacht aber träumte sie einen Traum, der ihr so gar nicht gefiel:
Ihre Perle, ihr Diamant war ein wertloser, unscheinbar grauer Kiesel geworden, der ständig dicker wurde und dann ganz schwer an ihrem Hals hing. Und dieser hässliche Kiesel sprach sie an:
„Emmi, Emmi! Ist Dir dies alles so wichtig? Ist nicht Anderes viel wichtiger? Ich werde Dir zeigen, wie es wirklich ist in der Welt!“
Mit weit aufgerissenen Augen starrte Emmi ihn an. Wieso wagte der, so mit ihr zu sprechen? Sie war schließlich eine Prinzessin und einer Prinzessin gegenüber geziemte sich das nicht.
„Nein, will ich aber nicht! Ich bleibe hier im Schloss. Hier gehört alles mir und sieht so schön aus!! Ws draußen los ist, ist mir egal!!"
„Emmi, Emmi! Ob Du willst oder nicht: Du stehst jetzt sofort auf!"
Murrend setzte sich Emmi auf. So streng redete sonst niemand mit ihr und nun ausgerechnet ihre einst geliebte Perle, die jetzt so unschön aussah. Ärgerlich wollte sie die Kette vom Hals streifen, doch sie umschloss ihn wie eine bedrohliche Fessel. Verängstigt gehorchte das Mädchen, streifte das Seidenkleid über und schlüpfte in die königlichen Sandalen. Kaum war sie fertig angezogen, zog die Halskette sie zum Fenster. Dessen Flügel standen weit geöffnet und ein starker Wind zerrte Emmi nach draußen.
„Hiiilfe!“, schrie sie, doch niemand vernahm ihr Schreien.
Immer weiter trug der Wind Emmi fort. Ihr Schloss blieb in der Ferne zurück, erschien ständig kleiner und war dann bald nicht mehr zu sehen. Die Landschaft unter ihr war ihr völlig fremd. Wüst und verlassen wirkte sie. Anders als im Land ihres Vaters wuchsen hier weder hohe Bäume mit wunderschönen Laubkronen noch lustig bunte Blumen und nirgends entdeckte Emmi solch glitzernde Seen wie die daheim.
Wieder redete der Kiesel mit ihr:
„Ja, schau hin!! Jene halbverhungerten Kinder dort unten haben kein Zuhause, keine liebevollen Eltern wie Du, kennen kein Spielzeug. Abends versuchen sie sich mit ein paar alten Blättern gegen die Kälte der Nacht zu schützen. Sie sind froh, wenn sie am nächsten Tag noch leben!! - Niemand ist da, der ihnen helfen würde!!"
Fassungslos schaute Emmi auf das Elend unter ihr. Selbst, wenn sie es gedurft hätte, hätte sie es nicht mehr fertig gebracht, einfach wegzugucken.
"Die Armen!". flüsterte sie stockend.
Unwillkürlich streifte ihr Blick den Kiesel und es schien ihr, als ob dieser etwas kleiner geworden wäre und auch wieder ein wenig schimmerte.
Emmi schämte sich sehr. Zum ersten Male in ihrem Leben grübelte sie drüber nach, was sie vielleicht für Andere tun könnte.
„Ich möchte, dass es ihnen besser geht! Was kann ich nur machen?“
Ein wenig zögerlich betrachtete sie ihr glänzendes Kleid und ihre Sandalen.
´Ich hab alles, was ich mir nur wünschen kann: Mama, Papa, ein tolles Zuhause, Spielsachen und ganz viele schöne Kleider. Aber die dort haben gar nichts!`
Plötzlich ging ein Leuchten über ihr Gesicht.
„Ich schenke denen meine Kleider und auch Spielsachen und bitte Mama und Papa, dass sie dafür sorgen sollen, dass kein Kind mehr Not leiden muss!”
Eigenartig: Es wurde ihr auf einmal so heiter und warm ums Herz. Sie war viel glücklicher als wenn sie wieder wie so oft ein tolles neues Kleid bekommen hätte. Und weil sie so froh war, begann sie zu lächeln und dann glockenrein zu lachen.
Ohne es etwa zu bedauern, rief sie laut, ihr hübsches Prinzessinnenkleid betrachtend:
"Auch das schenk ich einem der Kinder!!”
Im selben Moment trug sie nicht länger den grauen, hässlichen Kiesel um den Hals, sondern eine Perle, die noch tausendmal schöner glänzte als die, die sie bislang wie einen Schatz gehütet hatte.
“Du hast Dich geändert. Du bist ein gutes Kind!”, lobte diese sie liebevoll.
Wieder blies der Wind, doch nun war es ein sanftes Wehen, das Emmi fürsorglich nach Hause trug. Niemals mehr würde sie vergessen, wie gut es ihr selber ging und was dagegen Andere entbehren mussten.