Das Bündnis2
Von ehemaliges Mitglied Donnerstag 02.01.2020, 22:45
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Der Zauberer nahm sein Herz in die Hand, wie alle Zauberer es können und wrang es über dem Topf aus wie die Wäscherinnen die Wäsche. Und die Hexe folgte ihm. Bald war der Topf bis zum Rand mit den Säften ihrer Herzen gefüllt, da befand Magus Magicum, es fehle ihnen noch an einem Namen für ihr Kind. Nach einer Weile rief Maga Magica, „ich hab ‘s, wir nennen sie Lätitia.“
„Lätitia? Hört sich gut an, und wenn es ein Junge sein wird, heißen wir ihn Lätitio.“ Die Hexe nickte. Sie standen vor dem kochenden Sud, die Hexe blies Feuer, der Zauberer zauberte Scheite hinzu. Aber selbst Zauberer und Hexen müssen einmal ruhen, und so schliefen sie nach vollendeter Arbeit ein. Der Schloßhahn weckte sie noch vor Sonnenaufgang. Sie staunten, denn wo gestern noch ein Herd mit dem Topf darauf gestanden hatte, gewahrten sie nun eine aus Farnen geflochtene Wiege, und die fleißigen Spinnen hatten einen weißen Schleier drumherum gewoben. Sie gingen leise heran, und ihre Gesichter hellten sich auf, als sie den Säugling erblickten. „Ach, ist das ein schönes Kind“, befanden beide. „Aber eines haben wir vergessen“, gab die Hexe zu bedenken. „Was denn?“ erkundigte sich der Zauberer. „Na, du charmanter Zauberer, wenn auch, wie du lobtest, ich nur anders schön bin, wie soll ich es säugen, denn mein Busen ist trotz seiner anderen Schönheit nun mal leer.“ Magus Magicum aber beschwichtigte sie, „ich finde schon eine Lösung.“ Und da Zauberer alles wissen, was irgendwo geschieht, wußte Magus Magicum auch, daß Wilhelma Widder zu dieser Stunde sich ihrer Kinder glücklich schätzte. Also trat er vor sie hin und frug, ob sie Lätitia säugen würde. Wilhelma Widder stimmte zu, wenn er derweil auf ihre Kinder achten würde. Aber Magus Magicum schlug ihr vor, mit ihren Kindern aufs Schloß zu kommen, dort wären sie sicher. Und so geschah es dann auch. Lätitia wuchs heran, und der Eltern Herzen gingen über vor Glück und Stolz. Als Maga Magica eines Morgens ins Kinderbettchen schaute, rief sie den Zauberer herbei, „sieh dir das an.“ Aus der Stirn des Kindes ragten zwei Hörner, wie sie dem Widder gebührten. „Sie hat eben Widdermilch getrunken“, erklärte der Zauberer, „sieht doch schön aus. Findest du nicht?“
„Wundervoll.“
„Märchenhaft.“
„Zauberisch.“
„Hübsch.“
„Entzückend.“
„Reizend.“
„Berauschend.“
„Prächtig.“
„Vollendet.“
„Vollkommen.“
„Hinreißend.“
„Herrlich.“
Irgendwann fiel den beiden nichts mehr ein, die Auserlesenheit zu benennen. Da schwiegen sie und lächelten, reichten einander die Hände und beschworen Lätitias höchstes Glück. Lätitia wurde größer, und sie tollte des Tags im Schloßhof umher. Als die Zeit herankam, in der Lätitia den ersten Weg zur Schloßschule bestreiten mußte, ging Magus Magicum zum Fuchs. „Du bist ein schlauer Geselle, doch leider auch hinter jungen Widdern her. Dennoch wirst du meine Tochter lehren, und sollte der Appetit dich einmal packen, verwandele ich dich in einen Floh.“ Der Fuchs versprach Zurückhaltung, wenngleich er sich den Mund verbog, als er Lätitia zum ersten Mal sah. Doch ein Floh wollte er nicht werden, mithin lehrte er die ihm Anvertraute. Eines Abends saß Lätitia stumm da. „Warum bist du so still, mein Kind?“
„Ach, lieber Vater, dieses Geweih ist es, ich werde nie einen Kameraden finden.“ Die Hexe ließ ihre Strickarbeit sinken, und der Zauberer schluckte, aber er war doch ein Zauberer und wußte bald Rat. „Komme mit mir, mein Liebes, wir gehen jetzt zu denen, deren Besonderheiten Mißbildungen sind.“ Maga Magica flehte ihn an, dies nicht zu tun, doch Magus Magicum entgegnete, „sie soll erfahren, daß ihre sonderlichen Zeichen keine Verkrüppelung, sondern die Vielfalt der Schöpfung darstellen, dies will ich ihr beweisen.“ Die Hexe ließ sie nur schweren Herzens ziehen. Sie langten in der großen Stadt derjenigen an, deren Besonderheiten Mißbildungen sind, und der Zauberer lauschte in die Masse der Menschen hinein. Bald vernahm er, wonach er suchte, und sie tauchten in einer der Tausenden Wohnungen dieser Stadt auf, sie blieben aber unsichtbar, wie Zauberer und deren Kinder es immer sind. Da saß ein Mädchen an einem Tisch und wollte die Suppe nicht essen. Der Vater schimpfte, sie solle essen, sonst setze es Prügel. Das Mädchen aber aß nicht. Da schlug der Vater auf seine Tochter ein, sie fiel vom Stuhl und brach sich den Arm dabei. Und weil Zauberer auch durch die Zeit fliegen können, fanden sie die Verletzte in einem Krankenhaus wieder und sahen mit an, daß der Arm nicht recht verheilte, sondern krumm verkrüppelt blieb. „Was hat der Mann mit dem Mädchen gemacht?“ frug Lätitia. „Er hat sein Kind geschlagen, und nie mehr wird die Wunde heilen.“ Und weil die Mißhandelte nun mit einem ihrer Arme nicht mehr spielen konnte, lachten andere Kinder sie aus und hießen sie einen Krüppel. „Laß uns von hier fortgehen“, bat Lätitia, und sie flogen auf der Stelle davon. Lätitia betrachtete im klaren Wasser des Schloßteiches ihre Besonderheit, „in allem, was ich bin, sind meines Vaters und meiner Mutter Sehnsucht und Glück, aber auch ihre Not, und darum bin ich anders und liebe sie deswegen.“ Maga Magica und Magus Magicum hörten dies, und Erleichterung stieg in ihren Herzen auf.