DAFÜR HAT DER WEIHNACHTSMANN KEIN GELD
Von
egalis
Dienstag 15.12.2020, 18:55
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egalis
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©ElkeBontjerDobertin
1953. Meine Eltern waren mit meinen Brüdern und mir von Hannover ins Ruhrgebiet gezogen, weil mein Vater sich in Essen ein gesichertes Einkommen in einem eigenen Betrieb versprach. Leider hatte der seine Firma überschreibende Onkel nicht verraten, dass er mit roten Zahlen zu kämpfen hatte, aus denen mein Vater nicht herauskommen konnte. Wir gingen langsam aber sicher Konkurs und Papa war arbeitslos.
Inzwischen waren wir zwar um meine beiden Schwestern reicher geworden und somit fünf Kinder, aber sonst ärmer als zuvor.
"Schmalhans" hieß ab sofort Muttis Küchenmeister. Magere Rezepte aus den Kriegsjahren kamen wieder zum Einsatz.
(Das Kochbuch habe ich immer noch.)
Gehungert haben wir nicht.
>Ich erinnere mich an Brot- und Kohlsuppe. An Pellkartoffeln mit Quark. An Linde's Malzkaffee, auch Muckefuck oder Blümchenkaffee genannt, weil er so dünn war, dass man die Blümchen vom Tassenmuster erkennen konnte. Bohnenkaffee, von Mutti heiß geliebt, war unerschwinglich. Manchmal gönnte sie sich für 50 Pfennig ein Töpfchen Vox-Kaffee. Der Inhalt der kleinen plissierten Aludose – außen rot, innen golden – reichte für eine Tasse, mit viel Wasser verlängert auch für zwei Tassen.
Trotz der Geldknappheit schafften es meine Eltern, einmal im Monat außer der Reihe, eine Tafel Schokolade zu kaufen. Die war nicht eingeteilt, sondern am Stück, so dass über mehrere Tage lang ein schmaler Streifen abgeschnitten wurde, von dem jeder in der Familie ein Fingernagel-großes Stück probieren konnte.
Abgelegte Kleider bekam ich von einer Schulfreundin und selig war ich, wenn ich bei einer Schulkameradin, die ich zur Schule abholte, Frühstückspfannküchlein mitessen durfte. Auf mein Schmalz- oder Margarine-Schulbrot gab es Zwiebeln, Speck, Salz oder Zucker. <
Wie gesagt, satt geworden sind wir.
Nur Spielzeug – da gab es nicht viel. Unser Papa hat vieles selbst gebastelt und was Mutti dazutun konnte, tat sie, z. B. kleine Säcke für die Mühle nähen und so etwas.
In unserer Straße gab es einen Eisladen, der im Winter Spielzeug verkaufte. Wie drückten wir uns da die Nasen am Schaufenster platt! Meine kleineren Brüder waren nicht von der Eisenbahn wegzukriegen. Klasse, das wäre was für uns drei. Pfeil und Bogen – dafür konnte ich mich ebenso erwärmen.
War ja mehr Junge als Mädchen. Bauklötze, Fischertechnik. Doll!! Und die Teddys, Rollschuhe und das Blechspielzeug und all die anderen schönen Sachen.
Jeden Tag mussten wir zu Vossens Laden und nachsehen, was neu im Fenster war. Der Wunschzettel wurde lang und länger. Feuerwehr, Polizeiauto, der Teddy und noch andere Begehrlichkeiten wurden notiert. Wenn wir das unseren Eltern erzählten, dann sahen die uns betrübt an. „Dafür hat der Weihnachtsmann kein Geld“, hieß es dann. Wir waren ja gerade erst in den Kohlenpott umgezogen und Geld war zu wenig im Portemonnaie.
So blieb uns nur, weiterhin die Nasen am Schaufenster plattzudrücken. -
Mit Sehnsucht nach all den schönen Sachen.
Und da war ich dann eines Tages in der Adventszeit wie vom Blitz getroffen: Braune Augen sahen mich an und zwei Arme streckten sich mir entgegen. Da stand sie in der linken Ecke und ich wusste sogleich, wie sie heißen sollte: Erika! Wie Rotkäppchen sah sie aus: mit roter Haube auf ihren schwarzen Locken, weißer Bluse, schwarzem Mieder, rotem Rock, weißen Kniestrümpfen und schwarzen Schuhen.
Hatte ich sonst lieber Indianer, Räuber und Gendarm mit den Jungs gespielt, in der Wildnis getobt, war Roller gefahren, auf Bäumen herumgeklettert: Zum ersten Mal in meinem fast elfjährigen Leben wollte ich eine Puppe haben.
Diese Puppe.
Nur dieser eine Wunsch kam auf den Wunschzettel für den Weihnachtsmann: Ich wünsche mir die Puppe aus Vossens Laden.
Ich weiß nicht mehr, wem von meinen Eltern ich dieses aus der Ferne geliebte Wesen zeigte. In Erinnerung ist mir bis heute der Satz geblieben:
„Die ist zu teuer, dafür hat der Weihnachtsmann kein Geld.“
Die Antwort blieb gleich, wann immer ich davon anfing.
Tieftraurig stand ich weiter vor dem Schaufenster und starrte sie an und wünschte und wünschte.
Unser Weg führte uns jeden Tag zu Vossens Laden, wo wir uns besahen, was wir so gerne haben wollten.
Einmal, kurz vor Weihnachten, liefen wir wieder zu Vossens Laden, drückten die Nasen am Schaufenster platt.
Aber was war das? Feuerwehr, Polizeiauto, Teddy und noch andere Spielsachen waren nicht mehr da! Und sogar die Puppe stand nicht mehr in ihrer Ecke. Der Platz war leer. Nach diesem Schreck wollten wir wissen, was mit den Sachen passiert war. Es konnte ja sein, dass Herr Vossen sie woanders dekoriert hatte. Aber nein. Er sagte, dass es ihm leidtäte, er hätte die Sachen verkauft.
Seitdem weiß ich, was Herzweh ist.
Traurig liefen wir nach Haus. Wie wir die Tage bis Weihnachten rumgekriegt haben, das weiß ich gar nicht mehr. Weihnachten war für mich nicht mehr von Bedeutung. Ich hatte „keinen Bock“ mehr, würde man heute sagen. Meinen Brüdern ging es nicht viel anders.
Heiligabend verlief nach dem gewohnten Ritual. Wir sangen erst die Weihnachtslieder, sagten unsere Gedichte auf und durften dann zu unseren Geschenken. Neben dem von unserer Mutter selbst Gestricktem, Marzipan
und Keksen nach ihrem Rezept, gab es für mich noch ein Buch. „Susi Sausewind“ – ich habe es immer noch. Na schön. Ich las ja sehr gerne und verzog mich auch gleich in eine Sofaecke.
Da wollten unsere Eltern wissen, ob die Jungs schon unter den Tisch gesehen hätten. Es könnte sein und da wäre noch etwas. Was gab das für ein Hallo! Feuerwehr und Polizeiauto standen dort. Hatte der Weihnachtsmann das doch bezahlen können? Ich habe mich mit meinen Brüdern gefreut.
Als ich in dem Buch weiterlesen wollte, meinte Mutti, ich solle doch mal hinter den Tannenbaum sehen, da warte wahrscheinlich noch etwas auf mich.
Oh, welche Freude! Erika saß da und streckte mir ihre Arme entgegen!
Ich glaube, glücklichere Kinder als uns an diesem Abend hat es nicht geben können.
Sehr viel später habe ich erfahren, dass meine Eltern mit großer Mühe die vielen Raten abgestottert haben, zu denen sich Herr Vossen einverstanden erklärt hatte.
Schon damals hatten Schildkrötpuppen ihren Preis und fühlten sich noch teurer an, weil man sie sich nicht leisten konnte.
Erika hat eine wechselvolle Geschichte im Laufe der Jahrzehnte erlebt. Nachdem eine meiner jüngeren Schwestern ihr die Kunstlocken gewaschen hatte und sich die Haarpracht auflöste, musste eine neue Perücke her. Das ging aber erst, nachdem Papa eine neue Arbeit hatte und bessere Zeiten für uns anbrachen.
Diesmal war die Perücke aus Echthaar mit langen Zöpfen. Die hatte sie allerdings auch nicht lange, weil einer meiner Brüder zum Fasching einen Piratenbart brauchte und ihr einen Zopf abschnitt. –
Der kleinere Bruder ließ sie fallen: Zehen an einem Fuß abgebrochen. Dann wollte die Jüngste sehen, was hinter den Schlafaugen ist. Am Ende konnte Erika nicht einmal mehr Mama rufen. Sie lag vergessen lange Zeit in irgendeinem Karton und kam mit mir nach Ostfriesland, wo sie mir eines Tages in die Hände fiel.
Eine Puppendoktorin hat Erika wieder hergerichtet. Zwar hat sie jetzt blaue Augen und kurze, braune Haare und die Stimme immer noch verloren, sieht auch nicht mehr aus wie Rotkäppchen, aber:
ich habe sie wieder
und ganz für mich allein
und ich liebe sie noch immer.
„Dafür hat der Weihnachtsmann kein Geld“ ist mir jedes Weihnachten gewärtig. Dass meine Eltern trotz ihrer wirtschaftlichen Schwierigkeiten uns doch die Freude gönnen wollten, das vergesse ich niemals.
>Bild: Erika und ihr Freund Nordbärt sehen nach, ob der Hefeteig aufgegangen ist...