Neu hier? Lies hier über unser Motto gemeinsam statt einsam.
Mitglied werden einloggen




Passwort vergessen?

6 7

Claire

Von Feierabend-Mitglied Freitag 21.08.2020, 00:08

Claire


Die Zeit verging wie im Fluge. Ausgefüllt mit der Arbeit bei Nacht, der Schule bis zum Mittag, danach den Hausaufgaben, um dann tief und fest zu schlafen, bis gegen 23 Uhr der Wecker wieder zur Arbeit rief.
Drei Jahre schon arbeite ich bei Monsieur Meurzec in "Les Halles". Inzwischen bin ich siebzehn Jahre alt geworden. Wenn ich, früh am Morgen, nach Hause laufe, mache ich manchmal den kleinen Umweg durch die Rue Baltard wo die hübschen Mädchen stehen und auf Kunden warten. Ich war viel zu schüchtern und total unerfahren, aber ich ahnte, daß mich da etwas schönes erwarten könnte. Meine Kollegen hatten außer Hohn und Spott und dummen Sprüchen wirklich nichts zu meiner Aufklärung beigetragen. Also beschloß ich, das fremde Terrain im Alleingang zu erkunden.
Das Hauptquartier der Mädels war das "Chez Bertrand". Hier wärmten sie sich auf, hier tranken sie etwas oder aßen eine Kleinigkeit. Daß sie hier auch ihren "Mac's" genannten Beschützern das Geld abzuliefern hatten, wußte ich nicht. Das "Chez Bertrand" hatte im vorderen Teil eine lange Theke, an der immer die Arbeiter standen, die hier ihren Pastis oder einen kleinen Espresso tranken und eine kleine Pause einlegten. Im Nebenzimmer saßen die Mac's, spielten Karten oder standen um den Billiardtisch. Sie waren auffallend gut gekleidet, keiner der Arbeiter von "Les Halles" lief so herum. Am auffälligsten war, daß sie über und über mit Schmuck behangen waren. Schwere goldene Ketten am Hals und den Handgelenken, kostbare Krawattennadeln und riesige mit Diamanten besetzte goldene Ringe waren ihr Markenzeichen.
Die Mädels saßen an der Theke, nippten an ihren Getränken und schäkerten mit den Arbeitern. Ab und zu rutschte eines der Mädels vom Hocker und verschwand mit einem der Arbeiter für eine schnelle Nummer durch eine Tür neben der Theke.

Ich setzte mich auf einen der freien Hocker. Gleich darauf setzte sich eines der Mädels zu mir. Sie heißt Claire, sagt sie und frägt mich aus. Wie heißt du, woher kommst du bei wem arbeitest du, hast du Geld dabei? Ich war so aufgeregt, daß ich kaum sprechen konnte.
Claire war 19 und hatte den dunklen Teint der Mädchen aus dem Maghreb. Sie hatte schweres, blauschwarzes Haar, strahlend weiße Zähne und dunkle Mandelaugen. Ihre Haut war zart wie Samt und ich versteckte meine von der Arbeit in den Kühlhäusern rissigen Hände in den Hosentaschen. Sie trug eine hellblaue Djellaba mit bunten Stickereien. Das Dekolleté war tief geschlitzt und nur von einer goldfarbenen Kordel locker verschlossen. Kurzum, sie war wunderschön. Ich konnte meine Augen nicht von ihr lassen. Sie hatte einen starken arabischen Akzent wie alle Menschen aus dem Maghreb und ich verstand nicht, was sie mir ins Ohr flüsterte. Ich war ganz benommen von dem schweren, süßen Parfum, so nah an meinem Gesicht. Komm mit, sagte sie und ich, der bis dahin noch nie mit einem Mädchen zusammen war, ging mit zitternden Knien hinter ihr die schmale Treppe hinauf in ihr kleines Zimmer im "Chez Bertrand".

Und ich verliebte mich. Meine Kollegen schüttelten sich vor Lachen, als ich ihnen davon erzählte. Die "arme Claire" unterstützte ihre "kranke" Mama und ihre zahlreichen Geschwister und ich half nicht ganz uneigennützig mit meinem halben Monatslohn bei dieser guten Tat. Es hat fast ein Jahr gedauert, bis meine algerischen Freunde mir drastisch die Augen öffneten und ich für immer von Claire geheilt war. Ein schmerzhafter Prozeß war das.
Ich hab mich mit ihr ausgesöhnt und ihr einen "echten Diamantring" einen riesigen Klunker "aus altem Familienbesitz" für ihren Mac zum Vorzugspreis von 3.200 neuen Franc verkauft. Das war zufällig in etwa die Summe, die ich in Clairs "Hilfsprogramm" für die arme Familie investiert hatte. Den Ring hatte ich von den Jungs aus Marokko für 40 Franc gekauft, die Jungs, die weiße Pülverchen mit Backpulver vermischten und in den Bars an der Place Pigalle verkauften. Sie handelten mit allem. "Echtem" falschen Schmuck, "echten " Rolex Uhren und auch sonst mit allem, was auch immer man haben wollte. Die Lehrer des Lycée Francaise waren für die Bildung zuständig, Claire für die Schule der Liebe, die Straßenjungs für die Schule des Lebens. Die Kunst bestand darin, mit allen befreundet zu sein, ohne sich in ihre Geschäfte verwickeln zu lassen. Vergessen habe sie nie. Nicht die eine und alle anderen auch nicht.

Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten

Mitglieder > Mitgliedergruppen > Kreativ Schreiben > Forum > Claire