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Böla Sester!!

Von tastifix Mittwoch 05.09.2018, 20:57 – geändert Freitag 05.10.2018, 17:34

Ach, wie erholsam ist doch ein Nachmittag im engsten Familienkreis. Je kleiner der Kreis, umso erholsamer. Sind wie bei uns nur Papa, Mama und zwei Kleinkinder mit von der Partie, bedeutet es Glück und Frieden pur, denken wir und freuen uns auf ein stressfreies Wochenende. Wie jedoch solche trauten Stunden enden können, beweisst dann der ersehnte Samstag.

Zunächst läuft alles bestens. Wir spielen im Wohnzimmer mit den beiden Töchtern oder gucken zu, welche aparten Duplo- oder Lego-Häuser sie errichten. Manchen fehlen zwar die Türen, aber die Architektinnen werden sicherlich für Strickleitern sorgen. Kindliche Fantasie kennt ja keine Grenzen. Mit Feuereifer sind Alexandra, fünf Jahre alt und Nicole, gerade zwei Jahre alt, bei der Sache. Es entstehen die eigentümlichsten Bauten. Die Zwei strahlen vor Stolz und lassen sich keinesfalls von uns verunsichern, die wir zögerlich auf mögliche statische Probleme hinweisen.
"Allet hichtig!", versichert Nicki.
Sie bedient sich zeitweise noch der Babysprache.
"Gar nicht wahr!", widerspricht Alexandra.
In ihrer Stimme schwingt Mitleid mit den so erschreckend unkundigen Eltern.
"Ihr habt keine Ahnung!"
Es trifft tief. Wir verstummen. Das Häusermeer ist fertig. Doch jeder Ort hat Straßen und auf denen fahren Autos. Dies weiß schon die kleine Nicki. Selbst für einen dermaßen gelenkigen Zweikäsehoch wie sie wird das Hocken auf dem Teppich nach einer Weile ziemlich unbequem und sie sieht sich, unterstützt von der älteren Schwester, fix nach einem geeigneteren Bauplatz um. Ihr prüfender Blick fällt ausgerechnet auf den Couchtisch, auf dem mein Rosenthal-Service steht. Nicki und auch Alexandra planen zwischen den Kuchentellern und Untertassen sofort Straßen und Gassen.

Für uns Eltern weicht die Ruhe einer sich ständig steigernden Unruhe. Frustriert verabschiede ich mich gedanklich von meinem Lieblingsservice und tröste mich damit, dass ich mich ja immerhin einige Jahre daran habe erfreuen dürfen.
"Irgendwann findet eben alles sein Ende!", seufze ich im Stillen.
Derweil sausen Lego- und Duplo-Gefährte in rasendem Tempo quer über den Tisch, umrunden unablässig Tassen sowie Teller. Der Anblick macht mich fertig. Ich vergesse fast das Atmen. Auch der Papa ist sichtlich nervös. Garantiert fragt er sich, ob die Zwei wenigstens die wichtigsten Verkehrsregeln beherrschen, dann zum Wohle unserer Nerven und auch des Porzellans. Es erscheint wie ein Wunder. Weder fällt etwas zu Boden noch beobachten wir Auffahrunfälle. Dennoch erinnern wir uns nach dem ersten Schock der Erziehungspflichten.
"Du, das dürfen wir nicht durchgehen lassen!", raune ich ihm zu.
Er nickt. Aber laut der Zeitschrift ´Eltern` darf man Kinder nicht heftig zurechtweisen, denn sonst tragen sie einen Schock fürs ganze Leben davon. Dies jedoch wollen wir als liebende Eltern nicht verantworten müssen. Darum lassen wir nun nur vorsichtige Hinweise folgen:
"Wäre es nicht besser, die Stadt in euer Kinderzimmer zu verlegen?"
Und fügen hinterlistig hinzu:
"Ist viel mehr Platz und ihr könnt prima Autobahnen bauen!"
Ob sie wohl darauf hereinfallen?! Von wegen. Stur bestehen sie darauf, in unserer Nähe zu spielen, lassen sich aber immerhin dazu überreden, ihre Stadt zurück auf den Teppich zu verfrachten. Wir atmen auf. Zu früh gefreut! Denn dort sausen die Autos wild durcheinander. Sie müssen sich ja nicht mehr um das Porzellan herum schlängeln. Alles an Zusammenstößen wird nachgeholt, was zuvor erstaunlicherweise ausgeblieben ist.
"Das macht die Nicki extra. Die will mir das Auto kaputtmachen!", beschwert sich Alexandra.
"Is dar nich wahr! Du bis doof!", schleudert Nicki mutig der Älteren entgegen.
Darauf Alexandra:
"Mama, die hat ´doof`` zu mir gesagt!"
Und zu Nicki:
"Selber doof!"
Die Zwei zanken sich wie die Rohrspatzen. Gemütlicher Nachmittag ade, Stress hallo! Unsere Nerven flattern.
"Herrgott, lass es Abend werden!"
Der Kampf zu unseren Füßen eskaliert. Nicki hat es auf ein Auto abgesehen, mit dem Alexandra in wahnwitzigem Tempo durch die Straßen und ab und zu auch, selbstverständlich nur ´aus Versehen`, durch die Häuser fährt. In der Lego-Stadt herrschen wohl besondere Regeln. Wir stellen entsetzt fest, dass Verstöße gegen die Straßenverkehrsordnung von den Playmobilpolizisten überhaupt nicht geahndet werden. Alexandras Auto ist knallrot. Es ist Nickis Lieblingsfarbe. Also möchte sie es ihrer Schwester abnehmen. Keck greift sie zu. Alexandra aber lässt nicht los. Zwei Kinderhände umklammern je ein Ende des Autos, das den zweiseitigen Angriff tatsächlich als Eintel übersteht. Lego ist eben ein gut konzipiertes Spielzeug. Es wird gekniffen und getreten. Nicki spürt zunehmend die Überlegenheit der älteren Schwester. Die kennt eben schon viel mehr Tricks, um sich durchzusetzen. Um sich nicht bloßstellen zu lassen, rappelt Nicki sich wutentbrannt auf, brüllt wie am Spieß, rast an uns vorbei aus dem Wohnzimmer und schreit:
"Böla Sester!!"
Sie knallt die Zimmertür von außen mit einer solchen Wucht zu, dass die fast aus den Angeln springt. Wir wenden uns Alexandra zu, die fassungslos dort steht. So etwas hat sich Nicki ihr gegenüber noch nie getraut. Noch nicht einmal eine passende Antwort fällt ihr ein!
"Das ist die Grundsteinlegung zu einer wahrlich innigen Freundschaft!", flüstere ich dem Papa zu.
Um Alexandras Seele zu schonen, bemühen wir uns um ernste Mienen. Erst, als auch sie, dann genauso wütend, aus dem Wohnzimmer rast, lachen wir Tränen.

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