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Böla Sester!

Von tastifix Samstag 01.06.2019, 08:12

Es spielt sich vor nunmehr 38 Jahren ab … :

Ach, wie erholsam ist doch ein Nachmittag im engsten Familienkreis. Je kleiner der Kreis, umso erholsamer. Sind wie bei uns nur Papa, Mama und zwei Kleinkinder mit von der Partie, bedeutet es doch Glück und Frieden pur. Tja, wir sind ja noch sehr unbedarfte Eltern und freuen uns auf ein stressfreies Wochenende. Wie allerdings traute Stunden enden können, beweist uns der ersehnte Samstag.

Zunächst läuft alles bestens. Wir spielen im Wohnzimmer mit den beiden Töchtern oder sehen zu, welche aparten Duplo- oder auch Lego-Häuser sie errichten. Manchen fehlen zwar die Türen, aber die Architektinnen werden sicherlich für Strickleitern sorgen. Kindliche Fantasie kennt ja keine Grenzen. Mit Feuereifer sind Alexandra, fünf Jahre alt und Nicole, gerade zwei Jahre alt, bei der Sache. Es entstehen die eigentümlichsten Bauten. Stolz strahlend lassen die Zwei sich keinesfalls von uns verunsichern, die wir zögerlich auf mögliche statische Probleme hinweisen.
„Allet hichtig!", versichert Nicki.
Sie bedient sich zeitweise noch der Babysprache.
„Gar nicht wahr!", widerspricht Alexandra.
In ihrer Stimme schwingt Mitleid mit den so erschreckend unkundigen Eltern.
„Ihr habt keine Ahnung!"
Es trifft tief. Wir verstummen.

Das Häusermeer ist fertig. Jeder Ort hat Straßen und auf denen fahren Autos. Dies weiß schon Nicki. Selbst für einen dermaßen gelenkigen Zweikäsehoch wird das Hocken auf dem Teppich nach einer Weile ziemlich unbequem und sie sieht sich, unterstützt von der älteren Schwester, fix nach einem geeigneteren Bauplatz um. Ihr prüfender Blick fällt ausgerechnet auf den Couchtisch, auf dem mein Rosenthal-Porzellan steht. Nicki und auch Alexandra planen zwischen den Kuchentellern und Untertassen sofort Straßen und Gassen. Darob werden wir Eltern ständig unruhiger. Frustriert verabschiede ich mich gedanklich von meinem Lieblingsservice. Es tröstet mich etwas, dass ich mich ja immerhin einige Jahre daran habe erfreuen dürfen.
"Irgendwann findet eben alles sein Ende!", seufze ich.

Derweil sausen Lego- und Duplo-Gefährte in rasendem Tempo quer über den Tisch, umrunden unablässig Tassen sowie Teller. Der Anblick macht mich fertig. Ich vergesse fast das Atmen. Auch der Papa ist sichtlich nervös. Bestimmt fragt er sich, ob die Zwei wenigstens die wichtigsten Verkehrsregeln beherrschen, dann zum Wohle unserer Nerven und auch des Porzellans. Es erscheint wie ein Wunder. Weder fällt etwas zu Boden noch beobachten wir Auffahrunfälle. Dennoch erinnern wir uns nach dem ersten Schock der Erziehungspflichten.
„Das dürfen wir nicht durchgehen lassen!", raune ich meinem Mann zu.
Der nickt. Aber laut der Elternzeitschrift darf man Kinder nicht heftig zurechtweisen, denn sonst tragen sie einen Schock fürs ganze Leben davon. Dies wiederum wollen wir auf keinen Fall verantworten müssen. Deshalb folgen nur vorsichtige Hinweise:
„Wäre es nicht besser, die Stadt in euer Kinderzimmer zu verlegen?"
Und fügen hinterlistig hinzu:
„Ist viel mehr Platz und ihr könnt prima Autobahnen bauen!"
Ob sie wohl darauf hereinfallen?! Von wegen. Nein, sie bestehen darauf, in unserer Nähe zu spielen. Wenigstens aber können wir sie dazu überreden, ihre Stadt auf den Teppich zu verfrachten.

Wir atmen auf. Zu früh gefreut! Denn nun sausen die Autos wild durcheinander. Dort steht ja kein Porzellan, um das sie sich herum schlängeln müssten. Alles an Zusammenstößen wird nachgeholt, was zuvor erstaunlicherweise ausgeblieben ist.
„Das macht die Nicki extra. Die will mir das Auto kaputtmachen!", beschwert sich Alexandra.
„Is dar nich wahr! Du bis doof!", schleudert Nicki mutig der Älteren entgegen.
Darauf Alexandra:
„Mama, die hat ´doof`` zu mir gesagt!"
Und zu Nicki:
„Selber doof!"
Die Zwei zanken sich wie die Rohrspatzen. Gemütlicher Nachmittag ade, Stress hallo!
„Herrgott, lass es Abend werden!"

Der Kampf zu unseren Füßen eskaliert. Nicki hat es auf ein Auto abgesehen, mit dem Alexandra in wahnwitzigem Tempo durch die Straßen und dann auch, selbstverständlich nur ´aus Versehen`, durch die Häuser fährt. In der Lego-Stadt herrschen wohl besondere Regeln. Entsetzt beobachten wir, dass jene Verstöße gegen die Straßenverkehrsordnung von den Playmobilpolizisten nicht geahndet werden. Alexandras Auto ist knallrot. Es ist Nickis Lieblingsfarbe. Also möchte sie es ihrer Schwester abluchsen. Keck greift sie zu. Alexandra aber lässt nicht los. Zwei Kinderhände umklammern je ein Ende des Autos, das den zweiseitigen Angriff tatsächlich als Eintel übersteht. Lego ist eben ein gut konzipiertes Spielzeug.

Nicki spürt wohl zunehmend die Überlegenheit der älteren Schwester. Die kennt eben schon viel mehr Tricks. Wutentbrannt steht sie auf, brüllt wie am Spieß, rast an uns vorbei aus dem Wohnzimmer und schreit:
„Böla Sester!!"
Die arme Zimmertür wird von außen so heftig zugeknallt, dass sie fast aus den Angeln springt.

Wir schauen Alexandra an. Sie starrt total fassungslos hinter Schwesterchen her. Noch nicht mal eine passende Antwort hat sie parat. Denn so etwas hat sich die Jüngere ihr gegenüber noch nie getraut.
„Dies ist die Grundsteinlegung zu einer wahrlich innigen Freundschaft!", flüstere ich dem Papa zu.
Um Alexandras Seele zu schonen, bemühen wir uns krampfthaft um ernste Mienen. Erst, als auch sie, dann genauso sauer, aus dem Wohnzimmer rast, lachen wir Tränen.

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