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Besuch beim Tierarzt

Von tastifix Donnerstag 11.04.2019, 11:50

´Sind ja nur zwei Stationen!`
Es sollte der einzige Lichtblick für den Tag bleiben. Ich griff mir Knödelchens Impfpass, dem zu ersehen war, dass wir stets alle Termine eingehalten und ich demnach ein gewissenhaftes Frauchen war. Gebürstet hatte ich meinen Hund schon. Er glich nun einem Dressman auf vier Beinen, was ich ihm auch sagte. Prompt trug er die Nase noch höher als ohnehin schon.
Für den Fall, dass er unterwegs wieder seinen, mir inzwischen schon bestens bekannten wegen-zum-Tierarzt-gehen-Trotzanfall bekam, steckte ich eine Tüte mit Leckerchen ein. Die sollten ihn vergessen lassen, wo der Spaziergang enden würde. Pech gehabt! Bereits auf dem Parkplatz vor dem Einkaufszentrum - der Bahnhof war noch gar nicht zu sehen - dämmerte ihm wohl etwas.
´Nee, wuff! Da stimmt etwas nicht!`
Die Knistertüte vor seiner Nase bewirkte nichts mehr. Wenige Minuten später auf dem Bahnsteig warf er mir anklagende Blicke zu und winselte. Ich tröstete und streichelte. Immerhin sprang er dann folgsam in den Zug. Aufatmend sank ich auf den nächstbesten Platz.
„Sitz!”
Knödelchen gehorchte. Dann aber trippelte er verunsichert hin und her.
´Nee! Es geht zum Tierarzt!`
Auf dem fremden Bahnsteig blieb er stur stehen, ich zog. Zerknirscht ließ er sich vorwärts schleifen, allerdings nur wegen der besagten Tüte. Aber noch gab er nicht auf. An der nächsten Straßenecke setzte sich dieses Angstpaket wieder auf den Po.
„Von wegen! So nicht!!“
Leicht frustriert schlich er im Schneckentempo neben mir her. An der Straßenecke Zwei versuchte mein Hund die Annäherung an die verhasste Praxis wenigstens noch etwas hinaus zu zögern.
´Cool, wuff, hat doch vorhin so toll geklappt …`
Er stemmte sich gegen die Laufrichtung, aber ich hatte zur Sicherheit das Halsband ein Loch enger geschnallt. So kämpften wir uns Schritt für Schritt vorwärts. Für den zu erwartenden Zirkus in der Praxis blieben nur fünf Leckerchen übrig. Dort angekommen, bugsierte ich Knödelchen halb durch die Luft hinein und schloss blitzschnell die Tür. Endlich angekommen - in der Höhle des Tierarztlöwen!

Im Wartezimmer zitterten vor allem Dackel und ähnliche Exemplare um die Wette. Die Mienen der Besitzer sprachen Bände. Nicht jeder Vierbeiner war wie meiner nur wegen einer Impfung hier. Herrchen und Frauchen heuchelten Gelassenheit, aber die Tiere ließen sich nicht täuschen. Vor lauter Angst verdrängten sie sogar Aggressionen gegenüber unsympathischen Artgenossen und auch anwesenden Katzen und Hasen. Einige Hunde
versteckten sich weit hinten unter dem Stuhl ihrer Besitzers und fahndeten verzweifelt nach Schutz versprechenden Mauselöchern. Knödelchen jaulte und bibberte nach Kräften mit. Sein einziges Ziel:
´Bloß weg hier! Frauchen kann sich ja pieken lassen. Ich jedenfalls nicht!`
Und zerrte wild an der Leine:
´Verflixt, wann reißt die denn endlich?`
Nur mit Zureden und den restlichen Leckerchen war er noch einigermaßen im Zaum zu halten.

Aus dem Katzenkorb neben uns maunzte es kläglich. Doch hier ignorierte mein Hund es, genau wie auch den kleinen Hasen, der direkt gegenüber in einem hübschen Weidenkorb hockte. Er hatte mit sich selber wirklich genung zu tun. Bald gab mein Liebling frustriert die Fluchtversuche auf und robbte kleinlaut unter meinen Stuhl.
„Hier findet mich kein Tierarzt der ganzen Welt!“
Doch Knödelchen war ziemlich groß und sein Schwanz lag deutlich sichtbar zwischen meinen Beinen. Nach geschlagenen eineinhalb Stunden Wartezeit war es endlich soweit. Freiwillig wäre er nie ins Behandlungszimmer getrabt. Also schleifte ich ihn resolut hinter mir her. Drinnen schielte er hilfesuchend zum leicht geöffneten Fenster, die Vorderpfoten landeten auf der Fensterbank und ein Zettelstapel segelte zu Boden.
„Spinnst du? Runter da!“
Energisch lotste ich ihn auf den Boden zurück.

Im selben Moment kam Frau Dr. Pieks herein. Knödelchen mochte sie sehr und ließ sich trotz seiner Panik von ihr kraulen. Auch die herbeizitierten Hilfskräfte (irgendwer musste ihn ja bändigen!) durften ihn streicheln. Die Ärztin meinte:
„Sonst habe ich vor Chowchow ähnlichen Hunden etwas Respekt. Aber er würde nie beißen!“
Selbst den Maulkorb wollte sie ihm ersparen. Doch ich bestand darauf.
„In Panik kann jedes Tier mal zuschnappen!“
Lieb ließ sich Knödelchen das Ding überstreifen.
„Brav!“, lobte ich.
Nur - aus Nervösität hatte ich es ihm falsch herum aufgesetzt. .
„Ach entschuldige. Frauchen ist ein bisschen blöd!“
Ein fixer Griff und der Maulkorb saß richtig. Mein Hund fand den mehr als lästig, strich mit der Pfote über seine Schnauze und der Korb baumelte unter derselben. Ehe er aber den kleinen Triumph auskosten konnte, befestigte ich fix das Ärgernis ein wenig enger.
´Verflixt, gemeines Frauchen!`
Eine Assistentin schnappte sich mit geübtem Griff meinen Teddy, der dann total unglücklich wie ein nasser Sack auf ihrem Arm hing, prompt losjaulte und ihr, weil ihm ja jegliche andere Chance zur Gegenwehr vereitelt worden war, mit allen Vieren fest gegen den Bauch trampelte. Sie ließ sich aber nicht verunsichern und Knödelchen fand sich oben auf dem beweglichen Untersuchungstisch wieder. Dort probte er noch äußerst heftig den Aufstand, um der Freiheitsberaubung durch den dreifachen Klammergriff von vorne, von der Seite und von hinten zu entkommen. Pfiffig rutschte er rückwärts auf das hintere Ende des Tisches zu.
´Vielleicht merken die es ja gar nicht!?`
Doch, wir merkten es und umklmmerten ihn mit aller Kraft, denn nun näherte sich die böse Spritze. Weinerlich schielte er erst zu mir und dann auf das spitze, etwa sieben Zentimeter lange Ungetüm.
´Winsel, gleich brennt es!`
Doch ging alles so fix, dass mein Hund noch nicht mal quiekte und nur sehr überrascht drein schaute. Weil er wahrlich extrem tapfer gewesen war, lobte ich ihn über den grünen Klee. Nach Hundeart nahm er es für wahre Münze.
´Hast recht, Frauchen. Bin eben ein richtiger Held!`
Der Hauptakt war überstanden. Er landete ein zweites Mal auf dem Arm des jungen Mädchens. Völlig groggy ließ er die Beine baumeln und alles Weitere mit sich willenlos geschehen.

Im nächsten Augenblick spürte er wieder festen Untergrund unter den Pfoten, wuchs in Nullkommanix vom Floh über die Maus zu einem Prachtexemplar von Eurasier und guckte sofort wieder blasiert. Erleichtert ließ er sich vom Maulkorb befreien:
´Puuh, endlich weg!`
Er genoss zwar die Streicheleinheiten von allen Seiten, schnupperte aber trotzdem noch gründlich den Boden ab:
´Nicht, dass etwa noch eine nachträgliche Gemeinheit auf mich wartet!`
Doch war zu seiner Beruhigung wieder alles in bester Ordnung. Er lebte noch und die vier Beine waren auch noch dran.
„Meine Güte! Knödelchen hat doch solch schreckliche Angst gehabt und ist dennoch soo lieb gewesen!“, begeisterte sich Frau Dr. Pieks.
Tja, für ihn kam eben Knurren oder gar Schnappen nicht in Betracht.
´Die wollen mir nur helfen und außerdem ist Frauchen ja bei mir!`
Aber jetzt in diesem doofen Behandlungszimmer ein Belohnungsleckerchen anzunehmen, fiel ihm nicht ein:
´Denkste, hier ganz bestimmt nicht!!`
Routiniert spielte er dagegen den gequälten Patienten. Auf seine Medaille verzichtete er aber denn doch nicht und nahm sie hochnäsig in Empfang.
„Tollwut geimpft!“, stand auf dem Orden.
Kaum war die Praxistür hinter uns zugefallen, hockte er mit Bettelblick vor mir, hob die Pfote und forderte:
´Wuwuuh! Her mit dem Frolic!`
Frau Dr. Pieks beobachtete uns und lachte. So etwas erlebte sie nicht jeden Tag.

Als wir später daheim eintrafen, wusste Knödelchen nichts Besseres zu tun, als seinem Quinny die Ohren voll zu bellen und sich so die Restaufregung von der Hundeseele zu reden. In dem eigenen Revier fühlte er sich eben wieder als King.

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