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Auweia!

Von tastifix Freitag 14.06.2024, 07:43 – geändert Donnerstag 20.06.2024, 06:57

Es passierte auf der Hochzeitsfeier meiner Cousine. Ich war damals 16 Jahre alt. .
Alles ging hoch vornehm zu. Die ganze Verwandtschaft in edlen Roben, ein typisches Restaurant der Oberklasse mit versnobtenn Kellnern, die herumschwirrrten wie aufgescheuchte Bienen, uns entsetzlich auf die Nerven fielen und die übertrieben geschmückte lange Tafel in einem ebenso überladen hergerichteten Saal. Puuh, wie ich einen solchen Zirkus hasste! Aber wider meiner Erwartung stieg die Stimmung mit der Zeit beträchtlich. Heiraten ist aufregend und Dabeisein und Zugucken auch. Als Nesthäkchen saß ich am Fußende der Tafel. Wie gemein! Obendrein noch thronten diagonal über Eck von mir Mutter und neben ihr mein Bruder, der mich vielsagend angrinste. Der wusste genau, wie ich mir dort auf dem Präsentierteller vor kam.

J.`s Jetzt-endlich-Angetrauter hatte schon längst die verwandtschaftliche Herzen im Sturm erobert. Auch meines! Doch hielt ich mich noch sehr mit Sympathiebezeugungen zurück. Denn er war Lehrer! Der Brautwalzer endete, J. setzte sich aufatmend. Das Tanzen war nicht ihre Stärke. W., der Bräutigam, hüpfte dagegen ausgesprochen gern auf dem Parkett herum und forschte nun nach Ersatz. Eifrig bemüht, auch die letzten Zweifler von sich zu überzeugen, erinnerte er sich seiner just angeheirateten kleinen Cousine, verbeugte sich formvollendet und forderte mich auf. Mutter und Bruder tuschelten eifrig. Kein Wunder, denn ich ähnelte einer überreifen Tomate. W. war Frauenkenner, und wusste genau, wie er mich beeindurcken konnte. Lobte,wie gut ich tanzen könne, woraufhin ich dann, total verlegen, nur noch auf seinen Schuhen herum trampelte. Ein einziges solches Kompliment und prompt verzieh ich ihm den Lehrer!

Das Abendessen verteilte sich auf fünf Gänge delikater Häppchen und stammte aus der feinsten französischen Küche. Es schmeckte mir sogar, obwohl ich sehr wählerisch und meine Lieblingsspeise eigentlich Kartoffelsalat mit Bockwürstchen war.
Der Hauptgang verabscheidete sich.

Zehn mit blasierter Miene nasal redende Kellner mit ebenso vielen Tellern überfielen den Saal. Auf den Tellern entdeckte ich ein honigfarbenes, halbmondförmiges Etwas mit etwas Grün an seinem ebenfalls halbrunden Rücken. Obwohl ich als brave Tochter bereits an den alkoholischen Getränken vor mir genippt hatte (Ich hasse Alkohol), tippte ich schon beim ersten Versuch ins Schwarze, was sich mir da näherte: Eine Melone. Ich ahnte, die würde erfrischen und ich von dem Geschmack bestimmt begeistert sein. Dagegen war mir noch total unklar, wie ich diesem Imitat-Halbmond Frau werden sollte. Unter den Tisch zu kriechen, um sie dort in aller Heimlichkeit zu zerteilen, geziemte sich nicht. Nein, ich war gezwungen, mich dem angesichts meines feixenden Bruders sowie nachsichtig lächelnder Tanten und Onkel oberhalb der Tischkante zu stellen. Ich versuchte vorzutäuschen, dass ein Melonenrendevous für mich nichts Besonderes wäre, also gelasssen zu wirken, derweil ich aber ausgesprochen ratlos die Anderen beobachtete. Bissen sie einfach rein oder bearbeiteten sie das Ding mit Messer und Gabel?

Bei dem Gedanken, mich eventuell gar furchtbar zu blamieren, brach mir der Schweiß aus. Anstatt mir einen nützlichen Tipp zuzuraunen, grinste mein Bruder nur fies und amüsierte sich offensichtlich königlich.
„Wenn Du glaubst, dass ich jetzt aufgebe, dann hast Du Dich geschnitten!", würdigte ich ihn keines Blickes mehr und heftete jenen lieber auf meine, mir gegenüber am Kopfende der Tafel sitzende Oma.
Sie bediente sich sehr erfolgreich des Bestecks und genoss sichtlich die saftige Frucht. Wenn sie es konnte, dann ich auch! Mit der Absicht, die Melone zwecks einfacheren Verzehrs in mundgerechte Scheiben zu zerteilen, griff ich mir Gabel und Messer. Doch im nächsten Moment fiel mir frustriert der Spruch ein:
´Man denkt, aber die Melone lenkt!`
Etwas abgewandelt, aber egal!

Sie hatte so harmlos in ihrem Saft auf meinem Teller gelegen, honiggelb mit zartgrünem Rücken. Eben dieser Saft verhalf ihr urplötzlich zu ungeahnter Beweglichkeit. Je kräftiger das Messer drückte, umso mehr rutschte sie auf der Saftrutschbahn hin und her. Die Gabel war machtlos, verwandelte die glatte Frucht zwar in einen super Schweizer Käse, fand aber keinen Halt in dem glitschigen Etwas.

Zornig wegen der dann zig vergeblichen Bemühungen – das Messer war doch erst gestern geschärft worden - rammte ich es ein weiteres Mal ins Melonenfleisch. Die brach auseinander, das Messer knallte auf den Teller und die Melone landete auf dem Schoß meines weißen Festtagskleides. Der Knall blieb nicht ungehört. Alle am Tisch erstarrten. Selbst Mutter und Bruder verging das Lachen. Mutter des ungehörigen Lärmes, aber noch mehr wegen des verdreckten Kleides und meinem Bruder vor Schrecken.

Doch blieb ich hartnäckig. Die Frucht hatte mich extrem angemacht. Mich qiuälte Durst. Nein, sie würde mir nicht länger auf der Nase, geschweige denn gar auf meinem Schoß herum tanzen. Ich würde sie bezwingen. Kurzentschlossen schnappte ich mir die aalglatte Sünderin, nestelte sie aus den Kleiderfalten und bugsierte sie zurück auf den Teller. Bemüht, an Benimm-Eindruck zu retten, was zu retten war oder auch nicht, umklammerte ich das flutschige Biest fest mit der linken Hand und stach, die Gabel in der rechten, triumphierend zu. Mir des Sieges sicher musterte ich verstohlen die Miene meiner Verwandten, vor allem die Mutters und meines da wahrlich überaus geliebten Bruders. Mutter war plötzlich eindeutig viel zu blass für ihren Teint. Mein Bruder stierte offensichtlich in purer Hoffnungslosigkeit, dies alles wäre nur ein Albtraum, die Tischdecke an, die sich aber wie vordem in unschuldiges Weiß hüllte. Weiterhin meine Melone zu fixieren fehlte ihm wohl der Mut.
Die übrige Verwandtschaft glättete in aller Eile ihre Lach- oder doch weitaus zahlreicheren Entsetzensfalten und übte sich in höflicher Disziplin. Warum quälte ich mich ihretwegen überhaupt mit Selbstvorwürfen? Der hatte ich doch zu Gesprächsstoff für mindestens vier Wochen verholfen.

Aber zurück zur Melone. Zu meinem Glück wegen der Zwangsrückversetzung hoch auf den Tisch augenscheinlich unter Schock stehend, rührte sie sich kein bisschen mehr und benahm sich somit endlich standesgemäss. Mein Vorteil! Auch ich Ich wollte den Nachtisch geniessen, meinen Frust mit dessen Saft runterspülen. Also startete ich einen letzten Generalangriff mit Messer und Gabel und trennte, immer noch unkundig, wie eigentlich, eine Scheibe Honigbraun mit hinten etwas Grün ab. Zwar wunderte ich mich, weshalb das Grün sich so schwer von der Melone löste, aber ich sagte mir, dass die Zwei ja extrem aneinander gehangen hätten. Wieder ganz die wohlerzogene Tochter, saß ich dort wie eine Eins, tat den ersten Bissen, schmatzte auch nicht und ließ es mir in keiner Weise anmerken, wie widerlich es schmeckte, wie eigenartig es mir deswegen wurde. Ein rascher Blick diagonal über den Tisch zu Mutter und Bruder verriet mir, dass etwas nicht stimmte. Mutters bis dato unnatürlich bleiches Gesicht überzog eine sich rasch intensivierende Röte. Mein Bruder hatte die festgefrorene Miene abgelegt und prustete aus vollem Hals.

Später dann erklärte mir W. auf seine so nette, charmante Art:
„Weißt Du, Gaby, es konnte ja nicht schmecken. Du hast die Schale mitgegessen!"
Deshalb Mutters Zweiminutenwundermakeup. Daher also Bruders hämische Fröhlichkeit.
Die überreife Tomate platzte.
Ich heulte.

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