Allmacht (1)
Von
tastifix
Freitag 03.03.2023, 09:09
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tastifix
Freitag 03.03.2023, 09:09
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Bereits seit einem Jahr hatte ich die Schnauze endgültig gestrichen voll. Meine Menschen schrieben mir mein ganzes Leben lang vor, was ich zu tun oder weitaus öfter gefälligst zu unterlassen hatte.
„Knödel, pfui!“ - „Knödel, hörst Du wohl auf damit!?“ - „Knödel, bist Du eigentlich bekloppt??“
Na ja, dermaßen grob wurde ich nur angebrüllt, wenn ich mich dreist um den Bio-Eimer in der Küche kümmerte. Dann machte sich Frauchen wohl wirklich Sorgen ... Aber als 1/3 Kaiser von China (Eurasier) war ich im Gegenteil ausgesprochen schlau und antwortete auf jene unverschämte Frage nur ganz knapp. ´Wau` reichte völlig, durfte sie dann auslegen, wie sie wollte, war für mich aber unverfänglich. Darum machte ich davon selbst zu extrem unpassenden Gelegenheiten Gebrauch.
Sowieso war ich aus Liebe zum Rudel dann nur ab und an zu Kompromissen bereit. Tja, liebe Zweibeiner, eigene Schuld! Ihr mit der verrückten Züchterei! Meine Fast-Chow-Seele diente mir als ideale Ausrede, wenn ich mal wieder die Lauscher auf Durchzug stellte. Ich war zwar äußerst gutmütig ,aber genauso dickköpfig. Äätsch!
Trotzdem hatte sie mit mir die richtige Wahl getroffen. Statt mit Knurren oder gar Zähne fletschen erzog ich sie mit einem unaussprechlich süßen Dackelblick.
Inzwischen aber langweilte mich alles. Über 16 Jahre lang war ich Wachhund und Beschützer gewesen, hatte Postboten pflichtgemäß zur Sau gemacht, fremde Hunde vor der Tür stimmgewaltig zusammengestaucht und die lästige Katzenbevölkerung zu dezimieren versucht. Übrigens, dass Frauchen die Kratzbürsten tatsächlich mochte, hatte ich nie verstanden. Die gaben doch höchstens leckere Fleischmahlzeit ab.
Und, was extrem freche Streiche anging, waren meine Menschen wohl sehr zufrieden mit mir und prahlten später vor Freunden und Bekannten.
„Schon als Baby hat er uns ausgetrickst!“
Tja, da konnte sich Frauchen stets auf mich verlassen. Garantiert war ich in unserem Stadtteil der vierbeinige Streiche-König. Kein Wunder, denn Frauchen wollte ja unbedingt einen Hund mit starkem eigenen Willen. So etwas kommt eben von so etwas!
´Fast alles darf ich bei ihr. Nur nicht beißen!`
Allerdings achtete ich auf, dass auf die Lümmeleien ja keine Strafen folgten, denn oft stellte ich ihre Liebe zu mir auf eine harte Probe. Wurde es brenzlig, guckte ich also wie ein Dackel - so ganz langsam von ganz unten nach ganz oben. Spätestens dann schmolz sie dahin wie Butter in der Sonne und ich war meine Sorgen los.
Je älter ich wurde, umso lieber schmuste ich, aber:
„Nee, Frauchen, nur, wenn ich will!!“
Damit ganz klar wurde, wer da das Sagen hatte, stellte ich einen Sprechstundenplan auf.
´Blöd sind die nicht gewesen, haben es ja fix kapiert!`
Aber nun nervte es mich nur noch, dass alle nach meiner Pfeife tanzten. Nein, ich würde mein Zuhause wechseln. Altersgenossen rieten mir, besser in den Hundehimmel zu entfleuchen, bevor ich gar ausgestopft in Frauchens Wohnzimmer landen würde, damit ich ihr nie mehr von der Seite weichen sollte. Wuff, das Nicht-von-der-Seite-weichen hatte ich ja noch nie ausstehen können. Die verbotenen Alleine-Ausflüge waren immer so aufregend gewesen und dann hinterher zu erfahren, wie sehr sie jedes Mal um mich
gebibbert hatte ...
So schön alles war ...Mir reichts jetzt! Ich gehe in himmlische Pension! Dort oben ists bestimmt mindestens genauso spannend!`
Unwillkürlich dachte ich an das in alle Ewigkeit andauernde Jubelwauwau:
´Hm, Ewigkeit … Was ist das wohl? Ob ich Teile davon fressen könnte? Angeblich ist ja genügend davon da!`
An einem Sommernachmittag - die Sonne strahlte vom blauen Himmel und die Vögel zwitscherten ihr fröhliches Lied - spazierte ich wie so oft in meine Lieblingsecke am Gartenzaun mit dem Durchguckloch in Hundehöhe. Meine alten Knochen wollten nicht mehr so richtig.Vorsichtig trippelte ich mehrmals auf der Stelle. Dann legte ich mich langsam nieder. Aufseufzend vor Wonne streckte ich mich lang aus, schloss die Augen zu einem erholsamen Mittagsschlaf. Doch irgendetwas kitzelte mich. Ich zuckte mit dem Vorderlauf. Aber es hörte nicht auf. Ärgerlich wischte ich mit der Pfote über den Boden. Aber daraufhin kribbelte es noch mehr. Beleidigt knurrte ich:
„Kann ich denn nie meine Ruhe haben? Ich bin uralt und möchte abschalten!“
Ins Licht blinzelnd, guckte ich prüfend auf die rechte Vorderpfote. Huch! So ein eigenartiger Stock. Es war doch gar nicht windig.Wieso huschte der quer über das Bein und dann noch mit so vielen Nebenstöckchen? Verunsichert stupste ich das winzige Dingsbums mit der Nase an. Oh nein, es wurde ja immer lebhafter!!
Urplötzlich wurde mir klar, dass das inzwischen im 100 km-Tempo herum wuselnde Etwas lebte, eindeutig zur Gattung ´Spinne` zählte und also in die Nasenschublade ´Horrorgeschöpf Nr.1` gehörte. In der Hinsicht waren Frauchen und ich uns einig. Kaum zu sagen, wer von uns Beiden vor den Biestern mehr Angst hatte. Nur: Weiblichen Wesen gestand man dies zu. Dagegen durfte ich, ein 56-58cm-Schulterhöhe-Hund, ja nicht zeigen, dass ich mir beim Anblick des Mikrogeschöpfes vor Furcht fast in die nicht vorhandene Hose machte. Andernfalls wäre mein Prestige in Nu futsch gewesen! Und ein Eurasier wie ich und ohne mein über alles gehütetes Prestige!?
Der Versuch, mich zusammenzureißen, scheiterte jämmerlich. Das Herz klopfte mir bis zum Hals. Sogar noch im Liegen wackelten die Beine. Die Spinne huschte derweil weiterhin munter die Beine rauf und runter. Ich schnappte ein paar Male nach ihr, erwischte sie aber nicht und wurde halb verrückt vor Panik.
´Jaul, hoffentlich webt die kein Riesennetz und verschnürt mich zu einem Leckerbissenvorratspaket!`
Irgendwann gab ich frustriert den Scheinkampf Hund-Spinne auf und überließ mich einem nun ungewissen Schicksal.
´Hoffentlich verdirbt sich das Ungetüm wenigstens an mir den Magen!`
Die Anstrengungen wegen ´Krabbel` machten mich alten Hund fertig. Kraftlos ließ ich den Kopf zurück ins Gras sinken und schlief aufseufzend ein. Es sollte der längste Mittagsschlaf meines Lebens werden, aus dem ich nie wieder erwachte.
Zunächst dachten meine Menschen wohl, dass ich vor mich hin träumte. Selbst mein kleiner vierbeiniger Freund Quinny merkte nichts. Erst nach Stunden, als ´Abendessen für Wauwaus` angesagt war, kam es ihnen verdächtig vor. Sicher, mein Gehör war nicht mehr das beste. Häufig brauchte es ein zehnmaliges Rufen, ehe ich endlich an trabte. `
Als sie dann aber merkten, was geschehen war, trauerten sie schrecklich. Quinnys Hudnewelt geriet total aus den fugen, denn ich, sein bester Kumpel, hatte ihn verlassen. Verzweifelt winselte er stundenlang vor sich hin.
Hätte Frauchen gewusst, wie gut es mir jetzt ging, hätte sie sich bestimmt für mich gefreut. Nichts ärgerte mich mehr: Keine Mäuse, keine Fasane, keine Katzen, keine fremden Rüden und erst recht keine frechen kleinen Spinnen! Meine Seele trennte sich von meinem im Gras liegenden Körper. Ich schwebte als Geistwesen durch die Luft und fühlte mich federleicht. Ohne Gram betrachtete ich die fast 17jährige Fellhülle und schaute zurück zum Haus, in dem meine geliebte Menschenfamilie lebte.
´Danke für alles! Ich werde immer um Euch sein!`