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Ach nee, Herr Professor!!

Von tastifix Mittwoch 23.08.2023, 19:19 – geändert 03.09.2023, 20:34

Aufgeregt betraten die Studenten den Hörsaal. Heute würde ihnen eine wirkliche Kapazität gegenüber stehen, sie danach tief beeindruckt nachhause eilen und dort würde ihnen erst so richtig bewusst werden, dass sie in jener einen Stunde fast selber zu solchen Professoren wie ihr umschwärmter Professor Dr. Dr. Geist geworden waren.
„Der trägt seinen Namen zu Recht. So geistvoll wie ihn gibts hier an der Uni keinen zweiten!“
„Du, der hat alle Entwicklungen um jenen Fakt präzise erklären können ..“. meinte eine Studentin zu ihrer Freundin.
„In echt?“
„Ja, sogar in ganz echt! Aus dem Effeff!“
Freundin Franziska staunte:
„Wow! Und solch ein Genie hier an unserer Uni!“
Die Kunde machte die Runde.

Anderntags wurde der Hörsaal brechend voll. Es wurde getuschelt, sogar auch leise diskutiert, aber nur im Flüsterton, denn so ganz sicher war man sich des eigenen Wissens ja noch nicht.
Plötzlich raunte niemand mehr. Ihr Gott, ihr Prof. Dr. Dr. Geist beschritt die heilige Halle der Erkenntnis, marscheirte äußerst selbstbewusst, die für enorme Intelligenz sprechende hohe Stirn in nachdenkliche Falten gelegt sowie wichtige Dökumente unter den Arm geklemmt, zum Rednerpult, legte jene darauf ab und räusperte sich.

Vor Bewunderung vergaßen die Studenten, noch in der Luft gehaltene Stifte auf die aufgeschlagenen Hefter zurück zu legen. Es hätte allerdings auch die andächtige Stille unangemessen gestört. Erst als Prof. Dr. Dr. Geist sich ein zweites Male räusperte - diesmal ausdauernder, denn er hätte ja eine lange Rede zu halten - lösten sich die studentischen Finger aus der Erstarrung und senkten die Stifte gen Hefter. Klar nicht ganz geräuschlos. Doch wertete Prof. Dr. Dr. Geist es als ein deutliches Zeichen besonderer Aufmerksamkeit, straffte die Schultern und begann mit seiner Rede.

Auf die Studenten prasselten Wahrscheinlichkeiten, Unwahrscheinlichkeiten und noch weiterführende Spekulationen nieder- gespickt mit lateinischen Fachausdrücken. Bald kratzten sie mit dem Stift nicht allein ins Heft, sondern sich immer öfter am Kopf. Nach der Hälfte des Vortrages verstand nur noch die Hälfte der Zuhörer, worum es ging und nach einem weiteren Viertel entschlossen sich noch mehr äußerst Frustrierte, abzuschalten, es besser in Ruhe daheim nachzulesen und notierten sich nur noch fix ein paar Stichwörter zur Erleichterung der Suche nach sämtlichen angesagten Rubriken.

Ihr Professor sonnte sich derweil darin, welches Wissens er mächtig war und redete pausenlos weiter, ungeachtet der Tatsache, dass zunehmend mehr Lernende aufhörten zu kratzen, es verdächtig stiller wurde und dann noch ungeachteter dessen, dass die Ersten die Augen schlossen und wegen andauernder Überforderung ein wenig vor sich hin träumten. Zeit blieb ihnen ja dafür noch genügend ...

Als Professor Dr. Dr. Geist geendet hatte, forschte er nach:
„Haben Sie noch Fragen??“
Einige Wenige, die tatsächlich bis zuletzt durchgehalten hatten, bewiesen Mut.
„Herr Professor, würden Sie die Ausführung Y, die ja wohl auf der Ausführung X beruht, noch einmal erklären. Ich habe nicht ganz verstanden,wieso denn sich dann die noch nachfolgende Erklärung XYZ ergab …? “
Zunächst schien ihr Gott ein wenig konsterniert zu sein. Aber er hatte sich fix wieder unter Kontrolle und erklärte gnädig alles ein zweites Mal. Besorgt ließ er dabei sogar ein Drittel der Fremdwörter weg.
´Nicht, dass ich gleich gar noch ein drittes Mal ...`

Aber selbst zwei Drittel Fremdwörter in solch langer Rede waren wohl zu viele. Diejenigen, die nach der ersten Hälfte des Vortrages gestreikt hatten, wollten dies nun, weil ihr Lehrmeister sich wirklich so sehr um sie bemhte, wieder gutmachen und bestürmten ihn mit Fragen.
„Herr Professor, weshalb aber verbindet sich R mit T und warum wird aus C dann CDE??“
„Herr Professor, aber warum …?“
„Herr, Professor, wenn aber doch ...
Ihre Bewunderung für ihn stieg und stieg, denn er blieb keine einzige Antwort schuldig, verfiel aber leider wieder ins Lateinische und des nicht zu knapp. Daraufhin verweigerten selbst die Hirnzellen der noch halbwegs Willigen die Mitarbeit und jene verstummten. Die neuerliche erschreckende Stille ließ nun sogar die während des Vortrages vor sich ihn Träumenden aufhorchen.

Auch Franziska hatte sehr früh die geistigen Waffen gestreckt und dementsprechend wenig von allem Nachfolgenden mitbekommen. Aber so ganz vergebens wollte sie denn nicht hier gehockt haben, riss sich zusammen und hob den Finger für eine Wortmeldung.
„Ja, bitte, was möchten Sie wissen?“
„Ich .. Ich bin mir nicht sicher, ob ich zu Beginn alles verstanden habe ..“
„Welches Detail meinen Sie genau?“
„Herr Professor, Sie erwähnten den zugrunde liegenden Fakt X ...“
„Ja, aber was bitte haben Sie da denn nicht verstanden!?“, war die etwas verstimmte Rückfrage.
„Herr Professor: Sie haben alles so toll dargelegt. Aber können Sie mir sagen, wie eigentlich sich die Basis für Ihre Ausführungen entwickelt hat?“

Im Saal rührte sich nichts mehr. Eine solche Frage zu stellen nach diesem brillanten Vortrag würdigte ja fast die Qualität der professoralen Arbeit ab. Gespannt warteten alle. Auch Franziska:.
´Wie wird der reagieren?`
Erschüttert schnappte Prof. Dr. Dr. Geist nach Luft:
´Ist ja nicht zu glauben! Dabei hab` ich alles dermaßen einleuchtend erklärt!!`
Um Fassung ringend räusperte er sich ein drittes Mal:
„Ja, also: Ehem...das ist soo … “
„Jahaah??“, hakte Franziska nach.
Nichts hielt Professor Dr, Dr. Geist länger vor dem Pult, sondern er schlurfte mit düsterer Miene unruhig hin und her.
Wieder zurück, richtete er das Mikro erneut richtig aus und dann, so gar nicht mehr selbstgefällig, folgende Worte an seine Studentin Franziska:
„Hm, hm, alsoo: Für die Beantwortung Ihrer Frage empfehle ich Ihnen den Nachschlageband HKA ...“

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